Zum 120. Geburtstag von Alfred Hitchcock: Seine besten Filme

Am 13. August 2019 wäre Alfred Hitchcock 120 Jahre alt geworden. 53 Spielfilme hat der "Master of Suspense" der Nachwelt hinterlassen. Angst, Schuld, Identitätsverlust, Trauma und Besessenheit gehören dabei zu den immer wiederkehrenden Motiven. Durch genialen Einsatz von Schnitt, Bildsprache und Musik vermag er die Zuschauer in mörderische Spannung zu versetzen. © spot on news

Der für vier Oscars nominierte Thriller "Psycho" (1960) gilt als eines der zentralen Werke Hitchcocks, was vor allem der berühmten Dusch-Szene zu verdanken ist, in der die weibliche Hauptfigur Marion Cane (Janet Leigh) brutal erstochen wird. Die Grausamkeit offenbart sich dabei weder durch sichtbares Blut oder Messereinstiche, sondern durch den psychologisch meisterhaften Einsatz von Schnitten, Schreien und stakkatohafter Streichmusik. Der Dreh für die zwei Minuten lange Szene soll eine Woche in Anspruch genommen haben. Leigh habe das Ganze übrigens derart mitgenommen, dass sie sich noch lange Zeit danach vor dem Duschen fürchtete.
Für Kenner ist "Vertigo – Aus dem Reich der Toten" (1958) Hitchcocks größter Film, wenn nicht gar der größte Film aller Zeiten. Der unter Höhenangst leidende Ex-Polizist Scottie (James Stewart) verliebt sich in eine Frau, die derjenigen genau aufs Haar gleicht, die er zuvor durch einen tragischen Tod verloren hat. Scottie ist besessen von dem Drang, durch die neue Frau ein unmögliches sexuelles Bild wieder zum Leben zu erwecken. Das Publikum der späten 50er Jahre war mit Hitchcocks Darstellung von Wahnsinn, Beziehung, Urängsten, Schuld, Sehnsucht und den damit verbundenen psychischen Abgründen überfordert, sodass der Film an den Kassen floppte. Erst über zehn Jahre später erhielt "Vertigo" die verdiente Anerkennung.
Keine Monster mit hässlichen Fratzen, Außerirdische oder Riesen-Affen à la King Kong – nein, eine Horde eigentlich eher harmloser Raben, Spatzen, Möwen und Finken fallen scheinbar grundlos über ein Küstendorf her. Und tatsächlich wird dem Zuschauer in "Die Vögel" (1963) bis zum Schluss keine Erklärung für die heftigen Attacken aus der Luft geboten. Besonders packend wird der Film durch das unausweichliche Schicksal der betroffenen Menschen.
Der im Rollstuhl sitzende Fotoreporter Jeff (James Stewart) beobachtet in "Das Fenster zum Hof" (1954) aus Langeweile heraus die Marotten seines Nachbarn, der sein Fenster auf der anderen Seite des Innenhofs hat. Aus anfänglicher Neugier wird pure Obsession und schon bald ist er überzeugt davon, dass der Nachbar seine Frau ermordet hat. Der Kriminal-Liebesfilm thematisiert den Genuss am Voyeurismus, wobei Hitchcock bewusst die Kamera so einsetzt, dass der Zuschauer die Perspektive von Jeff einnimmt. Damit entlarvt er jene sadistische Veranlagungen, die im Prinzip jedem Menschen innewohnen.
Ja, Hitchcock kann auch Liebesfilme, wie er mit "Berüchtigt" (1946) beweist. Dass dieser so gelungen ist, hat er auch den beiden brillanten Hauptdarstellern Ingrid Bergman und Cary Grant zu verdanken. Der Plot ist ein absoluter Klassiker: Zwei Männer, der eine Nazi, der andere US-Agent, verlieben sich Ende des Zweiten Weltkriegs in dieselbe Frau. Um das Liebesdreieck herum reihen sich Sucht, Verschwörung, Drogen, Geheimnisse und andere dunkle Schatten. Hitchcock wusste mal wieder Krimi- und Thriller-Elemente mit knisternder Erotik zu vereinen und brachte die bis dato längste Kussszene der damaligen Filmgeschichte (natürlich zwischen Grant und Bergman) auf die Leinwand.
"Frenzy" (1972) gehört zu den schockierendsten und makabersten Filmen Hitchcocks. Die Handlung: Nachdem in London wiederholt eine nackte Frauenleiche entdeckt wurde, die zuvor mit einer Krawatte stranguliert worden war, wird ein unschuldiger Mann bezichtigt, der Triebtäter zu sein. So macht dieser sich auf die Suche, den wahren Mörder zu finden. Es ist Hitchcocks erster Film, in dem Nacktheit zu sehen ist und vor allem hält er sich nicht mit expliziter Brutalität zurück, die – gespickt mit Humor – umso absurder wirkt. Auch ist die direkte Verbindung von Essen, Sex, Lust und Tod besonders verstörend. Hitchcock wählte diese merkwürdige Mischung auch, um der Schrulligkeit seiner britischen Landsleute einen kleinen Seitenhieb zu verpassen.
In "Rebecca" (1940) kommt gar keine (lebende) Person namens Rebecca vor, doch ihr Schatten ist überall. Sie ist nämlich die verstorbene Frau des reichen Maxim de Winter (Laurence Olivier). Seine neue Ehefrau (Joan Fontaine, l.), die den ganzen Film über namenlos bleibt, muss erleben, wie Rebecca sie überall hin verfolgt. Dafür sorgt auch die Haushälterin Mrs. Danvers (Judith Anderson, r.). Ein morbider, nekrophiler Film, düster, mysteriös und teils beängstigend – mit einem überraschenden Ende.
Hitchcock hat "Der Mann, der zu viel wusste" gleich zweimal gedreht – 1934 und 1956. Allerdings verlegte er bei seiner zweiten Version den Schauplatz von der Schweiz nach Marokko. Auch fügte er einige neue Handlungsstränge und Personen hinzu. Der Plot ist derselbe geblieben: Ben McKenna (James Stewart) und Jo McKenna (Doris Day) sind ein ganz normales Ehepaar, das während seiner Urlaubsreise in ein betrügerisches Verbrechen hineingezogen wird. Für beide beginnt ein regelrechter Alptraum, da sie als unbescholtene Durchschnittsbürger nicht wissen, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen. Der Zuschauer dagegen weiß über alles Bescheid und so lässt Hitchcock eine gewisse voyeuristische Schadenfreude an der Verzweiflung der Protagonisten entstehen. Ein Film, der – wie so viele des Regisseurs – Abgründe der menschlichen Psyche entlarvt.
"Marnie" (1964) handelt von einer kleptomanischen Frau (Tippi Hedren), die Männer verachtet und ihre Reize einzig zu dem Zweck nutzt, um an deren Geld zu kommen. Sie ist die Verkörperung der "Femme Fatale", das blonde Gift, schön, eiskalt und skrupellos. Ihr Opfer Mark Rutland (Sean Connery) durchschaut ihre Absichten, ist aber besessen davon, die mysteriöse Persönlichkeit dieser Frau zu ergründen. Der Film entpuppt sich als ein kluges Psychogramm, das die Themen Macht, Dominanz, Sexualität, Trauma, Verdrängung und die damit verbundene Hilflosigkeit der betroffenen Menschen durchleuchtet. Damit hat der Streifen durchaus die Eigenschaft, die Zuschauer verstört zurückzulassen.
Mit "Der unsichtbare Dritte" (1959) erschuf Hitchcock einen Spionage-Thriller von ausgesprochener Leichtigkeit und Eleganz, was den Film bis heute populär macht. Dazu kommt eine Handlung, deren Geheimnisse und plötzliche Wendungen die Zuschauer immer wieder aufs Neue verwirren und überraschen. Es ist eine wahre Freude, den nichts ahnenden Werbefachmann Roger O. Thornhill (Cary Grant) dabei zu beobachten, wie er plötzlich in mörderische Geheimdienst-Intrigen verwickelt wird und quer durch die USA flüchtet. Dabei wird die Geschichte obendrein derart spannend erzählt, dass man zwischenzeitlich das Atmen vergisst. Ein Meisterwerk!
"Cocktail für eine Leiche" (1948) gilt als eines von Hitchcocks experimentellsten Werken, da der Film ausschließlich in einer einzigen Wohnung spielt und fast ohne Schnitte auskommt. Die beiden Harvard-Studenten Brandon (John Dall) und Philip (Farley Granger) wollen beweisen, dass es den perfekten Mord gibt. Dafür töten sie einen Mann aus ihrem Freundeskreis, verstecken die Leiche in einer Truhe und organisieren noch am gleichen Abend eine Cocktailparty. Die Party soll die Tat kaschieren und lange schöpfen die Gäste, die mit ihren Drinks um die mit Kerzen dekorierte Truhe stehen, keinen Verdacht. Um was es Hitchcock bei diesem Film ging? Er wollte Skrupellosigkeit, Zynismus, Gefühlskälte und Geltungssucht in einem banalen Umfeld wie einer Party darstellen.
Auch "Bei Anruf Mord" (1954) spielt wieder in einem einzigen Appartement. Ebenfalls geht es wieder um einen Mord. Diesmal soll es der untreuen Margot Mary Wendice (Grace Kelly) an den Kragen gehen, deren betrogener Ehemann Tony Wendice (Ray Milland) sie aus der Welt schaffen will, aber ihr Geld behalten möchte. Es zeigt sich, dass Tony es mit einer starken Ehefrau zu tun hat, die sich zu verteidigen weiß. Der Zuschauer fiebert mit beiden Protagonisten mit, dem rachsüchtigen Mann und der Frau, die einfach nicht sterben will. Mehr Psycho geht kaum.