Sie hat den Skisport ein Jahrzehnt lang dominiert wie fast keine andere. Annemarie Moser-Pröll fuhr in den 1970er Jahren von Sieg zu Sieg. Durch Missbrauchs-Vorwürfe liegt ein Schatten auf den Jahren. Nun wird sie 65 Jahre alt.

Ins Rampenlicht drängt sie nicht. Aber angesichts der Vorwürfe über sexuellen Missbrauch im Österreichischen Skiverband in den 1970er Jahren hat Annemarie Moser-Pröll schon zu Beginn der Affäre sehr deutlich Stellung bezogen.

"Es tut mir leid für die Trainer, Betreuer, für die Serviceleute. Die Leute, die alles gegeben haben, damit wir Erfolg haben, werden in ein schlechtes Licht gerückt", sagte Österreichs Skiheldin in einem TV-Interview und sorgte damit für einigen Wirbel.

Moser-Pröll polarisiert mit ihrer Haltung

Die Weltwintersportlerin des 20. Jahrhunderts ist rund um ihren 65. Geburtstag (27. März) einer Art Kronzeugin der Verteidigung geworden. Einen ehemaligen Trainer, der sich vor Gericht gegen die Vorwürfe wehrt, will sie im April als Zeugin unterstützen.

In einem umstrittenen Solidaritätsschreiben an die Adresse von Trainer Charly Kahr halten Moser-Pröll und weitere weibliche Ski-Asse fest: "...dass wir während unserer aktiven Zeit im Skirennsport nie eine negative Wahrnehmung von physischer oder psychischer Gewalt deinerseits erfahren haben. Du hast uns alle sehr gefordert, was unsere Leistungsbereitschaft und unseren Kampfeswillen betraf, aber niemals durch einen inakzeptablen Umgang."

Moser-Pröll polarisiert mit ihrer verteidigenden Haltung in dem komplizierten Geflecht aus teilweise anonymen Vorwürfen, Gegendarstellungen und eidesstattlichen Versicherungen.

Nicola Werdenigg brachte Thema ins Rollen

Ins Rollen brachte die Affäre die ehemaligen Skirennfahrerin Nicola Werdenigg im November. Werdenigg, unter dem Mädchennamen Spieß aktiv, erklärte unter anderem, sie sei mit 16 Jahren von einem - namentlich nicht genannten - Kollegen vergewaltigt worden.

Der ÖSV reagierte zögernd, bat zur Aufklärung der Vorwürfe aber inzwischen die Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic um Hilfe. Anfang Februar erhoben dann zwei weitere frühere ÖSV-Fahrerinnen schwere Vorwürfe gegen Kahr, auch der Name Toni Sailer fiel in diesem Zusammenhang. Moser-Pröll hat nach eigenen Worten nichts davon mitbekommen. "Ich hätte mich zu wehren gewusst."

Moser-Pröll war Star der Szene

Allerdings: Im Verband war sie damals der Star, fuhr in den 1970er Jahren von Sieg zu Sieg. "Man hat gleich erkannt, da haben die Österreicher jemanden ganz Besonderen am Start", sagt Skirennfahrerin Rosi Mittermaier, damals Konkurrentin und Sportkameradin, an die ersten Erfolge der jungen Frau aus Kleinarl.

Zu ihren schönsten Siegen zählt Moser-Pröll den Gewinn des ersten Gesamtweltcups - als 17-Jährige. Angesichts der großen Macht der Französinnen sei sie darauf besonders stolz, erklärte sie einmal in einem Interview. Die Franzosen nannten sie nur ehrfurchtsvoll "La Pröll". Aber auch die Dauer-Konkurrenz zu den Schweizerinnen rund um Marie-Theres Nadig zählte zu den Konstanten.

Der Maßstab aber war Moser-Pröll. Sie wurde 1980 Abfahrts-Olympiasiegerin, fuhr zu 62 Weltcupsiegen, gewann sechs Mal den Gesamtweltcup und holte fünf Mal WM-Gold: "Den Titel habe ich mir schon als Kind gewünscht."

Im roten Dirndl stand sie in der eiskalten Nacht bei der Siegerehrung ganz oben und ganz entspannt auf dem Podest in Lake Placid. Es war die Krönung einer Erfolgsbilanz, die 35 Jahre lang unerreicht war.

2015 verdrängte sie die Amerikanerin Lindsey Vonn vom Platz eins der ewigen Damen-Bestenliste. Vonn, inzwischen bei 82 Weltcup-Siegen, hat im Gegensatz zu der Österreicherin aber auch den Super-G als Option. Eine Disziplin, die es damals noch nicht gab. "Der Super-G wäre Annemaries Disziplin gewesen", meint Mittermaier.

Treue innerhalb der Skifamilie

Einen großen Bahnhof wie zu ihrem 60. Geburtstag wird es für Moser-Pröll diesmal nicht geben. Ganz in ihrem Sinne verzichten der Tourismusverband Wagrain-Kleinarl und die Gemeinde auf ein Fest. "Ich bin sehr gerne draußen in der Natur", bekennt die leidenschaftliche Jägerin. Das Café, das sie jahrzehntelang in Kleinarl betrieben hat, ist schon seit langem verkauft.

Die Verbundenheit zu den einstigen sportlichen Weggefährtinnen ist aber geblieben. Zu Mittermaiers Geburtstag kam Moser-Pröll einmal als Überraschungsgast. Auch diese Geste sei Ausdruck des Gefühls, Mitglied einer "Skifamilie" zu sein, meint Mittermaier.

Das zeichne den Skisport selbst heute noch aus. "Ich glaube, das hängt mit dem Bewusstsein zusammen, dass die Gefahr in diesem Sport so groß ist", meinte die "Gold-Rosi", die ihre Goldmedaillen von den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck vielleicht auch etwas dem Fernbleiben von Moser-Pröll verdankt.

Vor den Winterspielen in ihrer Heimat hatte Moser-Pröll völlig überraschend ihren Rücktritt erklärt, um ihren unheilbar an Lungenkrebs erkrankten Vater zu pflegen. Nach seinem Tod startete sie ihr höchst erfolgreiches Comeback - betreut von jenen Trainern, Betreuern und Serviceleuten, denen sie heute beispringt.   © dpa