Wenn Novak Djokovic die Beherrschung verliert

Der Weltranglistenerste Novak Djokovic aus Serbien sorgt im Achtelfinale der US Open für einen Skandal. Er hat dessen Disqualifikation zur Folge - und erinnert an frühere unrühmliche Zwischenfälle.

Das Endspiel in Schanghai am 14. Oktober 2012 zwischen dem damaligen Weltranglistenzweiten Novak Djokovic und dem -dritten Andy Murray ist nichts für schwache Nerven. Sie gehen im Laufe des Dreisatzkrimis beiden Akteuren durch. Der spätere Sieger Djokovic zertrümmert als erster aus Wut seinen Schläger.
Im Mai 2013 in Madrid bleibt zwar Djokovics Schläger heil. Der Serbe aber legt sich mit dem Publikum an. Dieses unterstützt frenetisch Djokovics Widersacher Grigor Dimitrow. Der Bulgare ringt den Serben in drei Sätzen nieder. Djokovic ist derart in Rage, dass ihm nach seinem Satzausgleich im zweiten Satz entfährt, die Zuschauer sollten sein Geschlechtsteil "lutschen".
Drei Jahre später, am 14. Oktober 2016, muss wieder Djokovics Racket dran glauben. Der Gegner kommt aus Spanien und heißt Roberto Bautista Agut. Erneut läuft es für den Serben in Shanghai nicht nach Wunsch. Das 4:6 im ersten Satz führt zum ersten Sachschaden.
Den Kampf um den Einzug ins Endspiel gegen Andy Murray verliert Djokovic mit 4:6 und 4:6. Neben dessen Schläger übersteht auch ein Shirt des damals 29-Jährigen die Wutausbrüche nicht schadlos. Die Zuschauer quittieren Djokovics Benehmen mit Buhrufen. Er nennt deren Verhalten anschließend "lächerlich".
Und auch der brasilianische Stuhlschiedsrichter Carlos Bernardes bekommt sein Fett weg. "Der Referee war der Star der Show. Das war es doch, was er wollte", schimpft Djokovic nach seiner ersten Niederlage gegen Bautista Agut in deren sechstem Duell.
Im November 2016 erregt anlässlich der ATP Finals in London mal ein Journalist Djokovics Unmut. Nach dem geglückten Start ins Turnier der Jahresbesten (6:7, 6:0 und 6:2 über den Österreicher Dominic Thiem) thematisiert der Frager Djokovics wiederholte Unbeherrschtheit auf dem Platz. So hatte er einen Ball weggeschlagen. "Ihr pickt Euch immer diese Dinge heraus", kontert Djokovic. "Ich wurde noch nie suspendiert."
French Open am 1. Juni 2018: Wieder Djokovic gegen Bautista Agut, wieder wird Djokovic wütend, wieder muss sein Schläger für einen mäßigen sportlichen Auftritt büßen. Den achten Vergleich mit dem Spanier aber gewinnt Djokovic nach hartem Kampf trotzdem.
Djokovic reißt sich nach dem Verlust des zweiten Satzes im Tiebreak zusammen und siegt am Ende mit 6:4, 6:7, 7:6 und 6:2. Im Viertelfinale aber ist der Italiener Marco Cechinatto Endstation für Djokovic.
Zwei Jahre später breitet sich das Coronavirus über die ganze Welt aus. Hunderttausende Menschen fallen der Infektion zum Opfer. Djokovic aber, hier Vierter von rechts in der obersten Reihe, ignoriert die Gefahr und lädt seine Kolleginnen und Kollegen zur sogenannten Adria Tour ein.
Das Einladungs-Turnier wird im Juni ausgespielt, vor Zuschauern und unter Missachtung empfohlener Hygienemaßnahmen wie Maskenschutz oder Abstand. Djokovic, links, herzt demonstrativ die frühere Weltranglistenerste, seine Landsfrau Jelena Jankovic.
Djokovic bezahlt seinen Übermut und Leichtsinn mit einer Infektion mit dem Coronavirus. Zuvor haben sich bereits die Mitstreiter Dimitrow, Borna Coric und Viktor Troicki angesteckt. Die umstrittene und von vielen Seiten kritisierte Adria Tour endet deshalb am 23. Juni vorzeitig. Ursprünglich sollte sie vom 12. Juni bis zum 5. Juli andauern.
Auch Djokovics Ehefrau Jelena erwischt es. Das Paar geht aufgrund der Ansteckungsgefahr für Dritte für 14 Tage in Quarantäne.
Am 13. Juli 2020 zeigt sich Djokovic in der Öffentlichkeit: genesen und - offensichtlich - geläutert, denn er trägt inmitten seiner Fans einen Mundschutz.
Zwei Monate danach kommt es bei den US Open zum großen Knall. Das erste Grand-Slam-Turnier unter Corona-Bedingungen endet für Djokovic bereits im Achtelfinale. Er trifft mit einem Ball eine Linienrichterin am Hals. Sie ringt um Luft.
Es ist auch durch flehentliches Bitten nicht abzuwenden. Dem Supervisor bleibt keine andere Wahl, auch, wenn es bis zur Entscheidung fast neun Minuten dauert: Disqualifikation des Weltranglistenersten und großen Turnierfavoriten.
Djokovic macht den Weg zum Turniersieg unfreiwillig frei. Der 33-Jährige hat einmal mehr Tennis-Geschichte geschrieben. Aber auf eine unrühmliche Art und Weise.