Eine beklemmende Frage treibt die Fußballfans seit Dienstagabend um: Wer ist Goat – der Größte aller Zeiten? Lionel Messi, der am Dienstag mit seinem furiosen Auftritt beim 3:0 gegen Kroatien seine Heimat Argentinien zum zweiten Mal nach 2014 ins WM-Finale geführt hat? Oder doch sein Landsmann Diego Maradona, der die 80er-Jahre geprägt und 1986 den WM-Pokal gewonnen hat?

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Und kaum ist die Diskussion eröffnet, fällt der nächste Name: Pelé, den die meisten Fans nur von alten Schwarzweiß-Bildern kennen – der aber dreimal die Weltmeisterschaft gewonnen hat: 1958, 1962 und 1970. Nicht zu vergessen: Franz Beckenbauer, deutscher WM-Kapitän 1974.

Was macht einen Goat aus?

Zurück auf Anfang. Was ist eigentlich ein Goat? Zuallererst: eine sprachliche Verfehlung. Der Zusatz "aller Zeiten" schließt die Zukunft mit, und niemand ist zur Prognose in der Lage, ob es in Zukunft nicht doch einen größeren Kicker als Lionel Messi, Pelé oder Maradona gibt.

Als Pelé spielte, konnte sich niemand vorstellen, dass es jemals einen schnelleren, wendigeren und torgefährlicheren Angreifer geben könnte. Dann erschien Johan Cruyff auf der Bildfläche und definierte in den 70er-Jahren den Angriffsfußball komplett neu, den "Fußball total" der Holländer.

Zur selben Zeit, und einen Tick erfolgreicher, veränderte Franz Beckenbauer mit seiner Eleganz den Spielaufbau aus der Abwehr heraus. Er ist, wie man heute weiß, der Erfinder des Liberos: des Abwehrchefs, der nicht nur grätscht und tritt, sondern delegiert und gestaltet.

Wenn man also den Größten der Vergangenheit und der Gegenwart sucht, "der Geschichte", dann braucht man vergleichbare Kriterien. Schaut man auf die Erfolge mit der Nationalmannschaft, hat Pelé die Nase vorne. Schaut man auf persönliche Auszeichnungen: ganz klar Messi.

Kampf der Ziegen: Messi gegen Maradona

Spätestens jetzt kommt Maradona ins Spiel. Seine Art der Ballbehandlung und sein irres Durchsetzungsvermögen mit nur 1,65 Meter Körpergröße elektrisierte zunächst Argentinien und später ganz Europa. Sein Solotreffer gegen die Engländer 1986 wurde zum Tor des Jahrhunderts.

Statistisch kann Maradona nicht mit Messi mithalten: Er schoss 34 Tore in 90 Länderspielen (im Schnitt 0,37 pro Spiel), Messi dagegen 96 in 171 (im Schnitt 0,56). Messi nahm an fünf Weltmeisterschaften teil und absolviert wohl am Sonntag sein 26. WM-Spiel – das ist Weltrekord.

Ist Messi damit größer als Maradona? Vielleicht eine Frage der Generation. Das ewige Fernduell mit Cristiano Ronaldo um die Auszeichnungen "Ballon d'Or" und "Fifa-Spieler des Jahres" trieb Messi zu Höchstleistungen, die überall in der Welt bewundert wurde. Er ist eine Weltmarke.

Kinder, Jugendliche und sogar junge Erwachsene haben nur Messi spielen gesehen und nicht Maradona und Pelé. Im Playstation-Zeitalter ist das entscheidend: An der Spielkonsole wird jeder Kicker größer, als er ist. Virtuelle Punkte zeichnen die Leistung verkaufsfördernd aus.

Marketing aber trübt auch immer den Blick auf das Wesentliche: Hat Messi Spiele geprägt oder das Spiel an sich? Herausragend sind seine Tore und Torvorbereitungen ohne Zweifel. Er macht in einem Spielverlauf den Unterschied. Ein Messi-Fußball ist jedoch – nicht erkennbar.

Das war bei Maradona anders. Der argentinischen Brutalo-Spielweise verpasste er nach dem ersten WM-Sieg 1978 das Künstlerische, das Ikonische, das immer Drama versprach, im Sieg (1986) wie in der Niederlage (1990). So gesehen, ist Messi nur sein womöglich besseres Duplikat.

Sollte so jemand überhaupt Goat genannt werden?

Beide kommen dennoch nicht an der Bedeutung von Pelé vorbei, der selbst über tausend Tore erzielte, zur Ikone aufstieg und in den Geschichtsbüchern Einträge hat wie kein zweiter Kicker seit 1930: drei Weltmeisterschaften. Größeres gibt es nicht. Und darum keinen Größeren.

Und dabei ist bei der Goat-Frage noch nicht erörtert, ob nicht auch das Verhalten außerhalb des Platzes berücksichtigt werden muss. Maradona ein Dopingsünder, Messi ein Steuerbetrüger. Der aktuelle Kult bei der WM 2022 in Katar ignoriert die Verfehlungen einfach.

Gerade Messi sollte sich schämen: Seinen klammen Ausbildungsklub FC Barcelona, der vorher sogar seine Steuerschulden beglichen hat, hat er sofort Richtung Scheichklub PSG verlassen, als sein Millionengehalt nicht mehr in der gewünschten Höhe fließen konnte.

Darf so jemand Goat genannt werden? Ganz sicher nicht. Nicht zuletzt wegen einer weltweiten Vorbildfunktion gehören zu einem Goat Anstand und Größe im Handeln – nicht nur auf dem Rasen. Bei Messi würde daran auch der WM-Pokal am Sonntagnachmittag nichts ändern.

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