Als größtes Talent seiner Zeit gepriesen, wurde Sebastian Deisler Ende der Neunziger von null auf hundert zum Shootingstar der Bundesliga. Fußballdeutschland liebte ihn, doch er begann, den öffentlichen Rummel um sich zu hassen. Geplagt von Verletzungen und psychischen Leiden, gab er im Alter von 27 Jahren seine Karriere auf – und gewann den Kampf um sich selbst. Am 5. Januar wird Deisler 40 Jahre alt.

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Anfang Januar 2007: Der FC Bayern weilt im Trainingslager in Dubai, anstrengende Monate erwarten den Klub. Gegen den VfB Stuttgart kommt der Rekordmeister in der Bundesliga nicht an, den DFB-Pokal wird er in dieser Saison auch nicht gewinnen.

Schon damals nagt etwas an Manager Uli Hoeneß. Sebastian Deisler, sein so talentierter Mittelfeldspieler, schläft im Nebenzimmer seiner Suite, nachdem die beiden bis halb fünf Uhr morgens gesprochen haben. "Jetzt geht es bergauf", denkt Hoeneß damals.

Zwei Tage später, es ist der 15. Januar 2007, der Tag nach der Rückreise aus Dubai. Deisler klopft an Hoeneß' Bürotür. Er hatte am Abend zuvor um ein Gespräch gebeten. "Als er gekommen ist, habe ich gedacht, er ist euphorisch wegen der Frau und seinem Kind. Als ich damit gerechnet habe, dass er sagt, es geht ihm besser, sagt er stattdessen: 'Ich möchte aufhören, Fußball zu spielen.'“ Hoeneß erzählte diese Anekdote kürzlich bei einer Podiumsdiskussion der Robert-Enke-Stiftung.

Karriereende mit 27: Der Fußballzirkus hatte ihn kaputt gemacht

Sebastian Deisler war 27 Jahre jung, als er seine Karriere beendete. Er spielte beim FC Bayern München, mit dem er dreimal deutscher Meister und ebenso häufig Pokalsieger geworden ist. Für Deisler zählte das nicht. Er musste raus aus dem Zirkus namens Profifußball, der ihn kaputt gemacht hatte.

Deisler litt an Depressionen, kam mit dem Druck, der steten Präsenz in der Öffentlichkeit nicht klar. Das hatte er schon Jahre zuvor bei Hertha BSC gewusst. Den Schlussstrich zog er 2007, als er im besten Fußballeralter war. Inzwischen ist über ein Jahrzehnt vergangen, Deisler wird am 5. Januar 40.

Ein Junge, der ging, weil er es allen beweisen wollte

Sebastian Deisler war gerade 15, als er nach Mönchengladbach ging, um am Fußballinternat der Borussia seinem Traum näherzukommen. Damals war Deisler der Kleinste in der Gruppe, die anderen machten sich über ihn lustig. Er konnte besser Fußball spielen als sie alle. Das wusste er. Er wurde in die Jugendnationalmannschaft berufen und ahnte nicht, dass so alles seinen Lauf nehmen würde. "Heute weiß ich, dass es viel zu früh war, viel zu schnell ging und viel zu viel war“, sagte Deisler neun Monate nach seinem Karriereende in einem Interview mit dem "Tagesspiegel". "Ich habe alles auf die Karte Fußball gesetzt."

1998 debütierte Deisler für Gladbach in der Bundesliga, erhielt bald Angebote aus ganz Europa, von Milan, Barcelona. Doch er entschied sich für Hertha BSC. Er war ja noch ein Teenager – und doch glaubte ganz Deutschland, der Heilsbringer sei gekommen. Er war der Star in der Manege: Spielmacher, Fanliebling, Werbegesicht. Deisler geriet hinein in den Strudel aus Geld, schönen Frauen, teuren Autos, dem Sehen und Gesehenwerden, dem Glitzer des Fußball-Showbusiness. Es war nicht Deislers Welt, doch er wollte irgendwie auch dazu gehören. "Ich habe mitgemacht, ich habe mitgelacht und dabei bemerkt, dass ich nicht froh war. Jeder wollte was von mir wissen, wo ich meine Jeans kaufe, nach welchem Parfüm ich rieche“, erzählte Deisler dem "Tagesspiegel".

Der Star in der Manege – doch Deisler fühlt sich wie der traurige Clown

Wie anfällig sein Körper war, erfuhr er früh. Rückblickend ist es ein Wunder, wie er es zum Profifußballer schaffte: Zwei Kreuzbandrisse hatte er hinter sich, da war er 19. Allein in der Zeit bei Hertha BSC kamen noch ein Muskelfaserriss, ein Kapselriss und ein Knorpelschaden dazu. Seine physischen Qualen verstärkten die psychischen.

"Ich fühlte mich wie ein trauriger Clown. Stellen Sie sich mal die Schlagzeile vor: 'Der Retter des deutschen Fußballs muss gerettet werden'", sagte der einstige Wunderspieler.

Doch ließ er sich auf den FC Bayern ein, die größte Nummer im Bundesligazirkus. Der Wechsel verlief nicht ohne Nebengeräusche, auch das erschütterte den sensiblen Sebastian Deisler.

Vom Fanliebling zum Hassobjekt: "Das war mein Genickschuss"

Hertha-Manager Dieter Hoeneß hatte ihn um Stillschweigen gebeten. Sein Wechsel sollte keine Welle auslösen, die ihm am Ende nur schaden würde.

Am 13. Oktober 2001 wusste dann doch jeder Bescheid. Die "Bild" schrieb von einem Darlehen in Höhe von 20 Millionen Mark, das der FC Bayern Deisler überwiesen hatte - Geld für seine Wechselzusage, das Deisler später zurückzahlte.

"Ja, das war am Vormittag, und am Nachmittag habe ich gegen den HSV gespielt“, sagte der ehemalige Mittelfeldspieler. Schicksal? Er verletzte sich in jenem Spiel, zog sich einen Kapselriss im rechten Knie zu, fiel wieder aus. Deisler wurde vom Fanliebling zum Hassobjekt der Hertha-Fans. Sie beschimpften ihn. "Ich stand da wie ein Verräter."

Deisler machte das zu schaffen. "Das war mein Genickschuss."

Deisler befreit sich aus einem "kranken System"

"Ich habe lange versucht, den Schein zu wahren. Ich trug eine Maske, innerlich habe ich rebelliert. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war", sagte Deisler 2007.

Obwohl er bei der U17-Weltmeisterschaft 1997 zum zweitbesten Spieler des Turniers gewählt wurde, hinter Ronaldinho, bestritt er nie ein großes Turnier mit der A-Nationalmannschaft. Physische und psychische Leiden hinderten ihn daran.

Uli Hoeneß hatte bis zum Ende an ihn geglaubt, Deisler ist ihm sehr dankbar dafür, wie er dem "Tagesspiegel" verriet. Der Mensch Sebastian Deisler war nicht für das glamouröse – und bisweilen oberflächliche - Welt des Profifußballs gemacht. "Ich habe Krieg geführt gegen mich, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe", beschrieb er seine Situation. Durch das Ende hat er den Kampf um sich selbst gewonnen.

Deisler ist untergetaucht – bis heute

Was Deisler heute macht, ist nicht bekannt. Im Jahr 2009 erschien seine Biografie "Zurück ins Leben", die er zusammen mit dem "Tagesspiegel"-Redakteur Michael Rosentritt schrieb. 2013 verlor er eine Schadensersatzklage gegen seinen ehemaligen Berater. 2018 schrieb die "Bild", Deisler lebe in einer Villa in Freiburg mit einer Frau. Vielleicht ist es gut so, dass wir nicht wissen, wo und wie Deisler heute lebt. Denn für das Leben eines Stars in der Öffentlichkeit war er nicht geschaffen.

Quellen:

Cristiano Ronaldo spielt Fußball mit Jungen ohne Beine

Cristiano Ronaldo hat einem Fan eine große Freude gemacht: Er hat mit einem Jungen ohne Beine Fußball gespielt und ihm dann ein ganz besonderes Autogramm gegeben.
Teaserbild: © imago/Team 2