Natürlich, die Fifa-Gremlins im "International Football Association Board" (IFAB) haben es nur gut gemeint und wollten ihre neueste Idee zur Rettung des Weltfußballs lediglich einer Testphase unterziehen. Diesmal auf dem Programm: Einkick statt Einwurf. Die Begründung ist dieselbe wie immer, wenn ein Vorschlag aus dem Fifa-Gremium den Weg an die Öffentlichkeit findet: Man wolle das Spiel schneller machen. Aber sind die Regeländerungen überhaupt notwendig?

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
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Der Fußball ist weltweit auch deshalb zur Sportart Nummer eins aufgestiegen, weil er so schön einfach ist. 17 Regeln sieht das Regelwerk vor. Von Regel 1 Spielfeld bis Regel 17 Eckstoß sind alle Details geklärt und doch so flexibel gehalten, dass man auf jedem Schulhof Tore schießen kann. Beide Füße auf dem Boden, Gesicht zum Spielfeld, den Ball mit beiden Händen von hinten über den Kopf zurück ins Spiel werfen: Mehr muss man über die Regel 15 Einwurf nicht wissen.

Rechtfertigung des eigenen Schreibtisches

Dass die Fifa-Abordnung unter Ex-Trainer Wenger trotzdem verzweifelt Möglichkeiten zur Spielbeschleunigung sucht, hat eine Menge mit der Bestätigung der eigenen Existenzberechtigung zu tun. Warum müsste es sonst das IFAB geben? In der Vergangenheit gab es schon einige Ideen, die Unsinn waren. Tore vergrößern, Abseits abschaffen, Zahl der Spieler verknappen: Jeder Vorschlag sollte das Spiel attraktiver machen. Durchgesetzt hat sich keiner.

Das war auch nicht nötig. Der Fußball ist in seinem Regelwerk so schlüssig und gleichzeitig so skurril, dass jede grundsätzliche Regeländerung den Charakter des Spiels verletzen würde. Zweifellos würde ein Fußballmatch ohne Abseits zu mehr Toren führen – aber dem Spiel auch den Charme nehmen, dass man in Jugendtagen einmal und dann für immer die Abseitsregel lernen muss. So ist’s auch beim Einwurf: Der ist Bestandteil des Sports wie Abstoß und Anstoß.

Ist es widersprüchlich, dass Fußballspieler beim Einwurf die Hand benutzen müssen und nicht ihren Fuß? Sicherlich, ja. So wie die Zählweise beim Tennis (15-30-40) keinen Sinn ergibt und mit der Abfolge 1 bis 4 sofort vereinfacht werden könnte. Aber was brächte der Bruch mit der Historie wirklich? Nicht alles, was Effizienz steigert, wirkt förderlich. Es ist doch schlimm genug, dass der Videobeweis zu viele Diskussionen über umstrittene Tore entzaubert. Wollen wir das?

Man bedenke die Konsequenzen

Mit einem Videobeweis hätte es zum Beispiel das Jahrhunderttor von Diego Maradona 1986 nie gegeben, weil ein Videoassistent das Handspiel sofort erkannt hätte. Oder das dritte Tor von Wembley: Der Hurst-Treffer 1966 wäre nicht anerkannt worden, der VAR hätte den russischen Linienrichter überstimmt. In beiden Fällen hätte der Fußball an Gerechtigkeit gewonnen – und doch an Aufregung und Glanz verloren. Ein bisschen Anarchie gehört zur Fußball-DNA.

Wer jetzt einwirft, dass eine Änderung von Einwurf zu Einkick beileibe nicht die Bedeutung und Auswirkung wie die Einführung des Videobeweises hat, dem ist leicht mit demselben Argument zu kontern: Warum will man den Einwurf dann abschaffen? Ohne Zweifel gibt es wichtigere Themen, um die sich die Regelhüter im IFAB kümmern sollten. Beispielsweise um eine Handregel, die alle Fans verstehen und nicht nur die Schiedsrichter. Aber das Thema lag wohl zu nahe.

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Pit Gottschalk, ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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