Nach dem 2:1-Sieg von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Bayern können sich die Gladbacher auf die Schultern klopfen und weiterhin die Tabellenführung genießen. In München hingegen brennt (mal wieder) der Baum. Was bei den Bayern aktuell schief läuft.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk

Es ist keine drei Monate her, dass Borussia Mönchengladbach den deutschen Fußball bis auf die Knochen blamiert hat. In der Europa League 0:4 zu Hause gegen den Wolfsberger AC aus Österreich: Manager Max Eberl geriet in Erklärungsnot und musste das Gerede über den unnötigen Trainerwechsel von Dieter Hecking zu Marco Rose vor Saisonbeginn ertragen.

Heute kann er darüber lachen. Gladbach grüßt von der Tabellenspitze, sowohl in der Europa League als auch in der Bundesliga. Nicht erst seit dem 2:1 ber Bayern München steigt die Hochachtung für den Rose-Fußball. Dieses ständige Pressing ist Ausdruck von Mut und lässt nicht erkennen, dass der geschlagene Gegner über weite Strecken feldüberlegen agierte.

Es ist keine drei Monate her, dass Bayern München auswärts Tottenham Hotspur aus dem eigenen Stadion schoss. 7:2 lautete das Resultat am zweiten Spieltag der Champions League. Serge Gnabry erzielte vier Treffer, irgendwann danach musste Trainer Niko Kovac seinem Assistenten Hansi Flick dennoch weichen, ein 6:0 bei Roter Stern Belgrad folgte.

Bayern nur noch auf Platz sieben

Heute kann sich niemand mehr darüber freuen. Bayern München ist nach zwei Niederlagen in der Bundesliga auf Tabellenplatz sieben abgerutscht, was nicht einmal zur Teilnahme an einem Europapokal-Wettbewerb berechtigen würde. Die Platzierung nach 14 Spieltagen mag ja eine Momentaufnahme sein. Verräterisch ist die Rangfolge aber allemal.

Mönchengladbach wird dafür belohnt, dass Max Eberl in der Trainerfrage einen Plan hatte, der so ausgeheckt war, dass er Formschwankungen und Rückschläge als Teil eines Erneuerungsprozesses oder Weiterentwicklung verstand und nicht als Gegenbeweis oder Beleg eines Irrtums. Beim Fußball bringt man diese Haltung in einem Satz auf den Punkt: Er zeigte Eier.

Beim FC Bayern ist genau das Gegenteil der Fall: Man eiert rum. Das war schon vor einem Jahr so, als Trainer Kovac seine erste Krise überstand, neun Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund aufholte, Meister wurde und der Vorstandsvorsitzende trotzdem an ihm herummäkelte. In diesen Momenten weiß man: Nichts läuft rund. Jetzt bekommt Bayern die Quittung dafür.

Den äußeren Zustand des FC Bayern haben wir jetzt alle gesehen: Die Mannschaft schwitzt und zittert, der Hausarzt würde wohl eine schwere Grippe diagnostizieren. Tatsächlich ist die Situation kritisch und eines Rekordmeisters unwürdig.

Das Team um Interimstrainer Hansi Flick verstolpert Chancen in Massen und lässt sich zweimal hintereinander trotz Feld-Überlegenheit (63 Prozent Ballbesitz beim 1:2 in Gladbach und 75 Prozent beim 1:2 gegen Leverkusen) herspielen, als bestünde es aus hochtalentierten Teenagern, die erstmals Bundesliga-Luft schnuppern.

Den inneren Zustand des Liga-Siebten (sieben Punkte hinter Gladbach) kennen wir seit Samstag auch, und der muss einem Bayern-Fan noch mehr Sorgen machen: Die Art und Weise, in der Joshua Kimmich mit seinen Kollegen ins Gericht ging, ist ein deutlicher Hinweis auf eine extrem schiefe Stimmungslage im Kader. Und hier liegt die wahre Gefahr.

Kimmich geht auf sein Team los

Wenn schon ein 24 Jahre alter Spieler, der international noch nicht das Geringste gewonnen hat, eigenen Kollegen vollmundig attestiert, womöglich "komplett auf dem falschen Weg" und "fehl am Platz" zu sein, dann kann das nicht gut im Team ankommen. Es ist auch kein gutes Zeichen. (Zumal es Kimmich selbst war, dem der Ball vor dem Elfmeter zum 1:2 versprang.)

In Mönchengladbach standen neben Kimmich, der bisher null WM-Titel und null Champions-League-Siege vorzuweisen hat, immerhin sechs Weltmeister und/oder Champions-League-Gewinner auf dem Platz. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Weltmeister können sich nicht mehr motivieren, sind zu alt oder zu müde – oder Kimmich ist ein Flegel.

Wie auch immer: Da steht Ärger ins Haus.

Dazu kommen hausgemachte Probleme, die sich die Führungsetage ans Revers heften lassen muss: Wo zum Beispiel ist der zweite Top-Stürmer im Kader, der eine Robert-Lewandowski-Verletzung oder – wie aktuell – eine Ladehemmung des Polen ausgleicht? Warum nur haben die Bayern nicht Timo Werner aus Leipzig, der momentan alles in Grund und Boden schießt?

Jedes Tor des erst 23-Jährigen – bisher sind es sagenhafte 19 in 21 Pflichtspielen, und dazu kommen noch neun Vorlagen – muss in diesen Tagen wie ein Stich ins Herz der Bayern-Fans sein.

Und was macht Coutinho beruflich? Kann es denn wirklich sein, dass der erst kürzlich als eine Art Jahrhundert-Transfer gefeierte Mann beim Top-Spiel in Gladbach nicht mal eingewechselt wird? Wollte ihn Flick etwa für die Winterpause schonen?

Was ist eigentlich los mit den Bayern?

Die Analyse führt schnell zu weiteren Namen: Seit der Verpflichtung von Manager Uli Hoeneß vor 40 Jahren hatten die Münchner noch nie zwei Berufsanfänger an den entscheidenden Hebeln sitzen.

Hansi Flick ist erstmals in seinem Leben Trainer im Profifußball, sein größer bisheriger Erfolg als Cheftrainer ist der Oberliga-Titel 2001 mit Hoffenheim. Und Hasan Salihamidzic ist erstmals Sportvorstand.

Ihm haftet immer noch das Praktikanten-Image an, und zwar nicht ganz zu Unrecht. Coutinho ist aus heutiger Sicht eine völlige Fehlverpflichtung. Einen Ersatzstürmer, der die Bayern aus der Krise schießen könnte, hat Salihamidzic auch nicht besorgt.

Und den Top-Trainer auf der Bayern-Bank erwarten wir gebannt wie werdende Väter das Einsetzen der Wehen. Nur dass man bei den Wehen ungefähr weiß, wann sie kommen.

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Bei Bundesliga-Rekordmeister FC Bayern hält sich weiterhin hartnäckig das Gerücht, Thomas Tuchel kännte bald als Trainer an der Seitenlinie stehen. Von Interimstrainer Hansi Flick erhält der PSG-Coach ein dickes Lob. Vorschaubild: imago images/Aleksandar Djorovic © DAZN