Als Bayern-Präsident Uli Hoeneß Ende Februar zu den Transfergerüchten um Timo Werner befragt wurde, konterte er kess mit einer Gegenfrage: "Ist das ein Fußballspieler?". Gewiss, das sollte ein Witz sein. Nur: Der Stürmer von RB Leipzig dürfte nicht darüber lachen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Bei der Personalie Leroy Sané verhielt sich der FC Bayern weniger zurückhaltend. Uli Hoeneß und sein Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bestätigten öffentlich das Interesse am Stürmer von Manchester City. Seitdem wird ein Mega-Transfer über 100 Mio. Euro nicht ausgeschlossen.

Hat der FC Bayern das Interesse an Timo Werner verloren?

Warum also die Zurückhaltung bei Timo Werner? Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: Der FC Bayern hat mit ihm längst eine Einigung über einen Vertrag und muss für die Verhandlung mit RB Leipzig Desinteresse vorheucheln. Zweitens: Das Bayern-Interesse schwindet.

Nachvollziehbar wäre die Vorsicht. 118 Mio. Euro an Ablösen haben die Bayern schon für die neue Saison investiert. Kommt Leroy Sané, erhöht sich die Summe auf 210 Mio. Euro. Da kann man die Notwendigkeit von 65 Mio. Euro für Timo Werner durchaus hinterfragen.

Gefährlich ist die Situation für Timo Werner allemal. Bei der Nationalmannschaft saß das ehemals hoffnungsvollste Talent des deutschen Fußballs zuletzt zweimal in der EM-Qualifikation auf der Bank: sowohl beim 3:2 in den Niederlanden wie beim 2:0 in Weißrussland.

Offen ist, ob Timo Werner heute zumindest im Heimspiel gegen das drittklassige Estland auflaufen darf. Ersatz-Bundestrainer Marcus Sorg nahm ihn vorsorglich in Schutz: "Ich finde es nicht korrekt, daraus ein riesiges Thema zu machen (…), dass er jetzt durchfällt."

Daran ist der DFB-Trainerstab nicht unschuldig. Seit Timo Werner 2016 vom VfB Stuttgart zu RB Leipzig wechselte, kam er konstant auf einen Toreschnitt von 0,53 in den drei Jahren. Er trifft also in jedem zweiten Bundesliga-Spiel. Neun Treffer hat er vorige Saison vorbereitet.

In der Nationalmannschaft liegt sein Toreschnitt bei 0,38. Und das bei nur neun Toren in 24 Länderspielen. Es mag ein Trost sein, dass Leroy Sané, ebenfalls 23 Jahre alt, eine noch schlechtere Bilanz beim DFB aufweist (vier Tore in 20 Länderspielen).

Der Unterschied ist: Sané hatte zwar auch seinen Heimatverein Schalke 2016 verlassen - aber sechs englische Titel später ist sein Marktwert international explodiert. Timo Werner dagegen stagniert bei RB Leipzig. Er hat dort auch keinen Titel gewonnen.

Werner hat noch einen Vertrag für ein Jahr

Timo Werners Vertrag läuft noch ein Jahr, er könnte dann ablösefrei gehen. Unter Sportdirektor Ralf Rangnick galt die Maxime, dass ein Spieler nicht mit einem auslaufenden Vertrag in die Saison geht; RB Leipzig wolle notfalls eine Ablöse erwirtschaften.

Das heißt konkret: Timo Werner sollte verlängern oder wechseln. Jetzt, da Rangnick weg ist, sieht RB-Chef Oliver Mintzlaff die Sachlage pragmatischer. Leipzig spielt in der Champions League - da werden Werners Tore benötigt. Auch bei einem auslaufenden Vertrag.

Timo Werner aber wäre nicht gut beraten, wenn er bliebe. Drei Jahre sind genug. Ein Neustart täte ihm gut. Jetzt muss der nächste Schritt kommen, ein Wechsel, zu Bayern oder sonst wohin, damit auch sein eigener Stellenwert in der Nationalmannschaft steigt.

DFB-Trainer Sorg sagt zwar: "Timo wird die Entwicklung dieser Mannschaft noch mitgestalten. Wir werden noch alle froh sein, dass wir ihn haben." Nur damit Timo Werner das kann, muss nicht nur Hoeneß lernen, dass er Fußballspieler ist und nicht Bankdrücker.

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Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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