Die 2. Bundesliga startete furios aus der Winterpause. Tabellenführer Arminia Bielefeld hatte im West-Schlager den VfL Bochum zu Gast. Schiedsrichter Robert Kempter wandte eine neue Regel-Anweisung so konsequent an, dass für die Bochumer zum Schluss ein Feldspieler das Tor hütete.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Im Wettstreit um den mutigsten deutschen Schiedsrichter hat gestern Abend Robert Kempter die Pole Position eingenommen. Der erst 31-Jährige setzte in Bielefeld die neue Anweisung des DFB, gegen Undiszipliniertheiten, Rudelbildung und Gemecker gnadenlos vorzugehen, noch gnadenloser um und stattete Bochums Torwart Manuel Riemann erst mit Gelb, und als der mit dem Lamentieren gar nicht mehr aufhören wollte und höhnisch klatschte, gleich noch mit Gelb-Rot aus.

2. Bundesliga: Feldspieler muss ins Bochumer Tor

Zwei Karten inklusive Platzverweis, und das beim Torwart, kurz hintereinander, fünf Minuten vor Schluss, bei engem Spielstand: eine mutige, eine tolle, eine wegweisende Entscheidung. Mit Signalwirkung. Hoffentlich.

Denn diesmal hat Meckern einer Mannschaft vielleicht einen Punkt gekostet. Als Torwart Riemann vom Platz flog, lag Bochum zwar 0:1 hinten, hoffte aber noch. Dann musste ein Feldspieler ins Tor, und die Sache war geritzt: Kurz darauf stand es 2:0 für Zweitliga-Spitzenreiter Arminia Bielefeld.

Womöglich kam Kempters Entscheidung für den deutschen Fußball zur rechten Zeit. Nach dem Aufstand der Bremer vorletzte Woche, als Kapitän Nicklas Moisander wegen Rudelbildung Gelb-Rot gesehen hatte, schien es, als würden die Unparteiischen wie üblich zurückrudern. Es wäre nicht das erste Mal, dass knallhartes Durchgreifen angekündigt und ein paar Mal umgesetzt wird – und die Sache dann einschläft.

Rudelbildung und Gemecker auf dem Platz muss aufhören

Die Situation im deutschen Fußball ist aber inzwischen untragbar geworden. Die Spieler heben bei jeder Szene die Hand, sie rennen minütlich auf den Schiedsrichter zu, Rudelbildung ist die Regel. Egal, was der Schiedsrichter pfeift: Die Hälfte der anwesenden Spieler wütet dagegen.

Das muss aufhören. Notfalls müssen dazu Mittel wie gestern in Bielefeld angewandt werden (wo Kempter insgesamt zwölfmal Gelb zückte). Das vielbeschworene Fingerspitzengefühl, der Spielstand, die Restspielzeit – sie dürfen dabei keine Rolle mehr spielen.

Denn Disziplin und Vorbildfunktion sind einfach keine Sache der Stadionuhr.

Andere Sportarten zeigen uns längst, wie es sein muss: Der Schiedsrichter entscheidet, und die Spieler setzen die Entscheidung um. Wer's nicht glaubt, sollte sich mal die deutschen Handballer ansehen. Oder den Super Bowl am Sonntag. Wer dort auf den Schiedsrichter zurennt, brüllt und mit den Armen fuchtelt, der könnte genau so gut duschen gehen und sich einen Hot-Dog holen. Im American Football werden sogar Teamstrafen für das sogenannte "Unsportmanlike Conduct" verhängt.

Und warum? Weil's hilft.

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