Unser Blogger Dieter Herrmann erzählt im zweiten Teil seines Blogs zu Fayzabad, mit welchen Hindernissen die lokalen Radiomacher zu kämpfen haben. In einem Gebiet so groß wie Bremen erreichen sie nur 1.000 Zuhörer und müssen in drei Sprachen senden.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Blogbeitrags zu Fayzabad

Die Werkzeuge sind ganz sicher vor einiger Zeit mal von einem Zahnarzt ausrangiert worden. Jetzt werden sie hier in der Werkstatt eines Mannes benutzt, der sich Juwelier nennt. Seine Hütte hat er am Rande des Marktplatzes in Fayzabad und er verarbeitet ausschließlich den leuchtend blauen Schmuckstein Lapislazuli.

Rechts und links des Flusses Kokcha, der mitten durch Fayzabad fließt, wird Lapislazuli gefunden. Minen, die teilweise tief in den Berg gehen, sind oft ergiebige Quellen für den blauen Stein.

Dass die Provinz Badakhshan – und hier insbesondere die Region um Fayzabad – reich an Lapislazuli-Funden ist, weiß man schon seit rund 6.000 Jahren. Schon aus der Zeit gibt es Nachweise zum Lapislazuliabbau.

Lapislazuli zum Kauf von Waffen

Besonders wichtig wurden die Vorkommen des Schmucksteins in dieser Region während der afghanischen Bürgerkriege. Nur durch den Verkauf von Lapislazuli in großen Mengen konnten Waffen und Munition bezahlt werden.

Selbst noch beim Kampf der Nordallianz gegen die Taliban, vor weniger als 20 Jahren, waren die Truppen aus dem Norden auf den Handel mit Lapislazuli aus dem Tal des Kokcha und aus dem Panschir-Tal angewiesen.

Inzwischen wird mit den Steinen Raubbau betrieben. Durch große Sprengungen wird so schnell so viel vom Halbedelstein abgebaut, dass das Ende der "Lapislazuli-Zeit" in Nordostafghanistan nicht mehr weit sein dürfte.

Zwei Männer – ein Radiosender – 1.000 Zuhörer

Die zweite Unterrichtswoche mit lokalen Journalisten hat begonnen. Es läuft gut, die Zahl der afghanischen Kollegen hat sich inzwischen von 14 auf 20 erhöht. Sechs Männer sind aus weiter entfernten Regionen zu uns gestoßen.

Ihre Geschichten sind zum Teil abenteuerlich. Zwei von ihnen betreiben in der Region Yaftal (hat nichts mit dem deutschen Wort "Tal" zu tun), nördlich von Fayzabad, einen eigenen, kleinen UKW-Sender.

Sechs Stunden waren sie mit dem täglichen Bus unterwegs, um in die "große" Stadt zu kommen. Hier werden sie, so lange der Kurs geht, bei Freunden wohnen.

Seit 6.000 Jahren lodert hier in Australien ein unterirdisches Feuer.


Für Laien hört sich das im ersten Moment großartig an. "Ein eigener Sender"... Doch tatsächlich ist es so, dass man mit einem geeigneten Stück Draht als Antenne und elektronischen Bauteilen im Wert von weit unter 100 Euro einen UKW-Sender bauen kann.

Entscheidend ist die Stromversorgung, die meistens mit Autobatterien erfolgt. Die beiden Kollegen aus Yaftal haben ihre Antenne auf einem Berg montiert und erreichen, nach ihren eigenen Worten, ein Gebiet von rund 400 km².

Das hört sich nach viel Fläche an, entspricht etwa der halben Fläche Berlins, doch ist das Gebiet hier im Gebirge extrem dünn besiedelt.

Lediglich Täler sind bewohnt – und das auch nur dort, wo es sauberes Wasser gibt. Mahsut und Hashmat, so heißen die beiden Kollegen, schätzen, dass sie ungefähr 1.000 Radiohörer haben.

Hörfunk ist in den entlegenen Regionen von Afghanistan das mit Abstand wichtigste Medium. Das Radio nämlich erreicht beinahe 100 Prozent der Bevölkerung.

Zum Teil lauschen die Menschen den Sendungen in relativ schlechter Mittelwellen- oder Kurzwellenqualität doch vielfach, so wie in Yaftal, auch im wesentlich besseren UKW-Frequenzbereich.

Fernsehen hat hier niemand – und wenn mal eine Zeitung aus der Stadt in die Berge kommt, ist sie mindestens schon eine Woche alt.

Ein Gebiet so groß wie Bremen – aber drei völlig unterschiedliche Sprachen

Die Finanzierung ihres Senders, so erzählen Mahsut und Hashmat, scheint ziemlich gut zu funktionieren. Bezahlt wird ihre Arbeit ausschließlich durch Werbung.

In letzter Minute schult Deutscher in Botsuana Reporter.


Zu den Kunden gehören der Lebensmittelhändler im größten Dorf (125 Einwohner) ebenso, wie eine Tankstelle in Fayzabad, der Busunternehmer und der reisende Brunnenbauer.

Dafür senden die beiden Kollegen (zumindest die Nachrichten) auch in drei Sprachen. Die Mehrzahl der Bewohner hier im Nordosten spricht Dari, die afghanische Form der persischen Sprache.

Doch in einigen Tälern wird auch Paschtu oder das dem Türkischen nahestehende Usbekisch gesprochen.

Gleich am ersten Tag der zweiten Woche, es ist ein Samstag, tritt das ein, was ich schon erwartet hatte: die Akkus der Audiorekorder halten nicht bis zum Abend, bis es wieder Strom gibt.

Da wir die Rekorder dringend brauchen und da ich gerne auch an den vorhandenen Laptops ein paar Techniken des Audioschnittes demonstrieren wollte, entscheide ich mich, mir den alten Generator im Hof anzusehen.

Stolz erzählen die Männer aus der Werkstatt unter unserem Unterrichtsraum, dass sie ihn selbst gebaut hätten. "Das war vor fünf oder sechs Jahren", sagt einer. Und benutzt wurde das Gerät schon seit mindestens drei Jahren nicht mehr. Kein Bedarf ...

Ein Einzylinder-Zweitakt-Dieselmotor, der im Museum stehen könnte. Er läuft!

Die Maschine, die ich da sehe, würde in Mitteleuropa vermutlich in einem Technikmuseum stehen. Hier ist der Motor vor ein paar Jahren fabrikneu gekauft worden.

Ein paar Eckdaten für die an Technik interessierten Leserinnen und Leser: Es ist ein Einzylinder-Zweitakt-Dieselmotor mit einem großen Schwungrad und einem Hubraum von ca. 3.000 Kubikzentimetern.

Künftige Krisenreporter sollen objektiv berichten, hoffen aber auf Abenteuer.


Gekühlt wird der Motor durch Siedekühlung (= Verdampfungskühlung) – also ohne klassischen Kühler und ohne Wasserpumpe.

Der Motor verbraucht nicht nur Dieseltreibstoff sondern auch ein Menge Wasser, das in regelmäßigen Abständen nachgefüllt werden muss. Und das Ding funktioniert!

Ein paar Startversuche (mit der Kurbel) braucht es und dann gibt es zuerst dichte Rauchzeichen, anschließend kurz ohrenbetäubenden Lärm und dann – gibt es Strom.

Und bei mir melden sich nostalgische Gefühle. In meiner Kindheit, auf dem Bauernhof, gab es einen Traktor mit einem Einzylinder-Diesel mit rund sechs Litern Hubraum und knapp 20 PS.

Der hatte genau so ein Kühlsystem wie der Motor hier in Fayzabad und hörte sich auch ähnlich an. In meiner Erinnerung ein herrliches Geräusch, wenn der große Einzylinder, gut vorgeglüht, endlich ansprang.

Erst Okraschoten in Knoblauchsoße, dann schnell der Audioschnitt

Am Mittwoch, dem letzten Tag dieses Lehrgangs, ziehen die afghanischen Kollegen in Zweiergruppen los, um eine fünfminütige Reportage zu produzieren. Sozusagen ihr Abschlussstück.

Die Wege in Fayzabad sind nicht lang, so dass keine Fahrzeuge benötigt werden und tatsächlich ist es den zehn Teams gelungen, sich auf zehn verschiedene Themen zu einigen.

Pünktlich zum Mittagessen (heute gibt es mit Lammhack gefüllte Teigtaschen und Okraschoten in Knoblauch-Tomatensosse) sind alle zurück, essen schnell und beginnen mit dem Audioschnitt.

Eingeführte Tiere sollen getötet werden, weil sie Sorgen verursachen.


Gegen 15 Uhr sind neun Reportagen fertig – zwei Kollegen wurden kurzfristig abgerufen, um "ernsthaft" zu arbeiten. Niemals bei solchen Lehrgängen maße ich mir an, die inhaltliche Qualität der "Abschlussarbeiten" zu beurteilen.

Zu viel Feinheiten können bei der Übersetzung für mich verloren gehen. Ich achte schon auf die technische Qualität – die übrige Beurteilung kommt fast immer von den anderen Kollegen.

Am späten Nachmittag trinken wir alle gemeinsam noch eine Tasse grünen Tee und die Küche liefert einen klebrigen und extrem süßen Pudding dazu.

Zwei gemeinsame Wochen liegen hinter uns und wir alle haben das Gefühl, dass sich unsere gemeinsame Arbeit gelohnt hat. Die afghanischen Kollegen machen sich auf den Weg in ihre Dörfer und zu ihren Sendern.

Moheb, mein Dolmetscher und ich sind am Freitag bei ein paar deutschen Entwicklungshelfern zum Yak-Sauerbraten eingeladen. Das Kamerateam wird dann auch hier sein und ab Samstag wollen wir an unserer Reportage arbeiten.

Wird fortgesetzt.

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Wo die befahrbare Welt endet

Dieter Herrmann ist mit den afghanischen Journalisten unterwegs in der Region um Fayzabad.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.