Anfang Mai 2017 ist im Südsudan die Cholera ausgebrochen. Die Krankheit scheint sich rasend schnell auszubreiten, medizinische Versorgung ist nur rudimentär. Mehrere Male habe ich aus dem Südsudan berichtet, aus einem Land, dass immer wieder von Katastrophen und Chaos heimgesucht wird. Hilfe von außen ist wieder einmal dringend nötig. Bei einem der UN-Hilfsflüge war ich vor einiger Zeit dabei.

Vier Wochen in Nairobider Hauptstadt Kenias lagen hinter mir. Ich hatte eine Gruppe angehender Fernsehjournalisten und -kameraleute unterrichtet und war völlig fasziniert vom echten Interesse der zukünftigen Kolleginnen und Kollegen.

Selbstverständlich war das nicht – in anderen Ländern musste ich manchmal um die Aufmerksamkeit der Lehrgangsteilnehmer kämpfen. Oft weil sie nicht freiwillig an meinem Unterricht teilnahmen, sondern weil sie von ihren Chefs dazu gezwungen wurden.

Da ich nun schon einmal in Ostafrika war, sollte ich noch "ein oder zwei" Reportagen produzieren. Kay und Imme - mein Lieblingskamerateam - waren schon unterwegs nach Kenia. Treffen in Lokichigio.

Flugzeuge vom Typ "Lockheed L-100" kennt fast kein Mensch. Kein Wunder – es sind nur rund 120 Maschinen dieses Typs gebaut und ausgeliefert worden. Viel bekannter ist die fast baugleiche militärische Variante der L-100. Diese heißt "Lockheed C-130 Hercules" und ist fast weltweit im Einsatz. Für die Armeen der (westlichen) Welt sind seit über 60 Jahren beinahe 2.500 dieser Maschinen hergestellt worden. Das Ende der Produktion ist nicht abzusehen – gerade erst hat auch die Deutsche Bundeswehr ein paar Exemplare bestellt.

Landung auf durchweichter Graspiste bei Regen: Das vergisst man nie!

Die "Hercules" ist eines der vielseitigsten und am weitesten verbreiteten Transportflugzeuge – egal ob sie nun die Bezeichnung L-100 trägt oder unter der Kennung C-130 geführt wird. Nun stehen wir also hier auf dem Flugplatz von Lokichogio ganz im Norden von Kenia vor einer blendend weißen "Hercules". In riesigen Lettern sind die Buchstaben UN auf die Seiten und das Leitwerk der Maschine gemalt. Zusammen mit dem Kamerateam warten wir darauf, dass uns die Besatzung des Flugzeugs in Empfang nimmt.

Lokichogio liegt fast am Ende der Welt – so fühlt es sich an

Wir sind nicht zum ersten mal hier auf dem Flugplatz. Einheimische bezeichnen den Ort kurz als "Loki". Wie viele Einwohner das Nest hat, weiß vermutlich niemand so genau. Ein paar Hundert sind es sicher, vielleicht sogar knapp über 1.000. Immerhin: Der kleine Flughafen nennt sich "Lokichogio International Airport". Und "international" darf er sich mit Fug und Recht nennen, denn von hier aus gehen fast alle Hilfsflüge in den Südsudan.

Tatsächlich ist der Flughafen von Loki die Logistikzentrale der "Operation Lifeline Sudan", einer groß angelegten Hilfsaktion der Vereinten Nationen. Tausende von Hilfsflügen in den Südsudan sicherten lange das Überleben der Bevölkerung während Hungersnot und Kriegswirren. Einen solchen Hilfsflug wollen wir heute begleiten.

Zucker, Getreide, Öl, Kekse, Zeltplanen – die Menschen sollen überleben

Im Südsudan sterben täglich Unschuldige - und keiner berichtet.

Die Laderampe am Heck des Flugzeugs ist heruntergelassen. Ein Gabelstapler entlädt schwer beladene Paletten von einem Lastwagen und setzt sie dann auf der Rampe der "Hercules" ab. Weiße Säcke mit der Aufschrift "Sugar", andere mit dem Schriftzug "Soghum", braune Kartons mit dem aufgedruckten Wort "Bisquits", Paletten mit Speiseöl in Kanistern und andere mit Zeltplanen. Sechzehn dieser Holzpaletten sollen heute an Bord kommen – jede einzelne bis zu einer Tonne schwer.

Es ist noch ganz früh am Morgen. Die Luft ist angenehm kühl – gegen Mittag werden die Thermometer in "Loki" sicher wieder die 40-Grad-Marke erreichen. Der Start ist für 06:30 Uhr angesetzt. Zehn Minuten also noch – und noch immer hat sich niemand von der Flugzeugbesatzung sehen lassen. Stapler und LKW fahren in die Richtung der Lagerhallen – die "Hercules" scheint voll beladen zu sein.

Und da kommt in der Seitentür des Flugzeugs endlich ein Gesicht zum Vorschein. Sekunden später steht ein mittelgroßer, etwas korpulenter Mann vor mir. Schlabbriges T-Shirt, Jeans, Sandalen. Die Haare rappelkurz und grau. Er stellt sich als Joe vor – später werde ich erfahren, dass er ganz anders heißt, seinen Namen aber nicht in der Presse lesen möchte. Er hatte schon vor ein paar Tagen angeboten, uns auf einen Flug mitzunehmen. Er hatte sich wohl in unsere Kameraassistentin Imme verguckt und war ganz interessiert, als er erfuhr, dass ich einen Pilotenschein für Berufspiloten habe.

Sitze im Flugzeug? Sicherheitsgurte? Nein, gibt es beides nicht

Rein also in den schwer beladenen Flieger. Ronaldo, eigentlich zu Hause auf den Philippinen, sitzt rechts auf dem Sitz des Copiloten. Der Lademeister wird uns als Mariano vorgestellt. Im Cockpit gibt es in der Mitte genau einen Sitzplatz. Natürlich für unseren Kameramann Kay. Imme und ich sollen es uns "irgendwo bequem machen", sagt Joe, der Kapitän. Ich quetsche mich noch irgendwie nach vorne zu den Piloten und zu Kay, Imme macht es wie Mariano und zwängt sich zwischen die Fracht.

Die vier Triebwerke laufen. Insgesamt rund 17.000 PS (12.500 kW) ziehen uns rumpelnd in Richtung Startbahn. Joe drückt mir das so genannte Load-Sheet in die Hand. Es sind gut 20 Tonnen Fracht an Bord, unser Gesamtgewicht liegt bei knapp über 70 Tonnen. Das ist das absolute Maximum für dieses Flugzeug – wenn nicht sogar etwas darüber.

Auch die letzten Tage unseres Bloggers im Kongo haben es in sich.

Nach wenigen Minuten stehen wir am äußersten Ende der Startbahn. Jeder Zentimeter der Piste soll ausgenutzt werden, um sicher in die Luft zu kommen. Schon bald laufen die Triebwerke mit voller Leistung, doch noch steht einer der Piloten auf der Bremse, noch bewegen wir uns nicht vorwärts. Die "Hercules" vibriert und plötzlich werden die Bremsen losgelassen. Zäh, wie durch Honig, setzt sich das Flugzeug in Bewegung.

Die Startbahn ist gut 1.800 Meter lang. Das erscheint mir nicht sehr viel für ein so voll beladenes Flugzeug. Langsam werden wir schneller. Pilot und Copilot sehen sich kurz an und dann sofort wieder nach vorne. Nur noch vier- oder fünfhundert Meter vor uns und noch immer befinden sich alle drei Fahrwerke auf der Piste. Vorsichtig zieht der Kapitän das Steuerhorn zu sich heran.

Behäbig löst sich das Bugrad vom Asphalt. Die Nase leicht angehoben rattert das Hauptfahrwerk noch immer über die Querfugen der Bahn. Noch 100 Meter und plötzlich ist das Rollgeräusch weg. Wir sind in der Luft. Ganz langsam steigen wir in den blendend blauen Himmel. Theoretisch könnte die "Hercules" mit fast 2.000 Fuß pro Minute steigen. Heute beträgt die Steiggeschwindigkeit nicht einmal ein Viertel davon.

Malakal – unbekannte Großstadt am Nil

Unsere Reiseflughöhe von 20.000 Fuß (6.100 Meter) haben wir erst nach etwas über einer halben Stunde erreicht. Nach einer langgezogenen Linkskurve geht es inzwischen fast genau in Richtung Norden. Unser Ziel liegt in der Nähe des Ortes Malakal, in der Provinz "Upper Nile". Rund 700 Kilometer immer geradeaus. Etwa eine Stunde und 40 Minuten Flugzeit. Das sagt uns Joe, der Kapitän. Es könnte langweilig werden – wird es aber nicht. Die beiden Piloten haben viel zu erzählen und natürlich nutzen wir die Gelegenheit für ein TV-Interview im Cockpit.

Es ist fast 08:30 Uhr, als wir am Ziel sind. Die letzten 20 Minuten ging es sanft aber stetig nach unten. Genau vor uns ist die Zielzone. Eine große, fast ebene Fläche, mit Gras und Gestrüpp bewachsen, hin und wieder durch ein paar Felsen unterbrochen. Zuerst ein Überflug. Flughöhe rund 100 Meter. Menschen winken uns zu, ein paar Ziegen laufen erschreckt auseinander. Eine Frau vom Roten Kreuz steht unten und meldet sich über Funk. Alles klar. Wir können unsere Fracht absetzen. Der Kapitän bestätigt und erklärt, dass die Ladung in zwei Etappen abgeworfen werden soll.

Bildergalerie starten

Das Leid im Südsudan

Viele Menschen im Südsudan sind auf der Flucht vor Hunger und Krankheit. Sauberes Wasser findet man hier nur selten.

Imme, Kay und ich gehen nach hinten zur Laderampe. Mariano legt uns Gurte um und verbindet sie über ein Sicherheitsseil mit den festen Haken in der Decke des Frachtraumes. Die Laderampe wird geöffnet. Wider Erwarten wird es weder laut noch besonders windig. Die 16 Paletten befinden sich in zwei Reihen nebeneinander auf dem Boden des Laderaumes. Im Boden eingelassen sind stählerne Rollen, sodass die Fracht nach hinten aus dem Rumpf rollen kann. Doch noch ist sie sicher befestigt. Ein breiter Gurt, der an den Innenwänden des Flugzeugs befestigt ist, hält jede Palettenreihe einzeln fest. Der Lademeister wartet auf ein Kommando aus dem Cockpit.

Drei Sekunden dauert es, bis acht Tonnen Fracht ausgeladen sind

Unsere Flughöhe beträgt jetzt nur noch rund 50 Meter. Und plötzlich kommt das Kommando von vorne. Mit einem Messer, das Crocodile-Dundee alle Ehre gemacht hätte, schneidet Mariano einen der Gurte durch. Gleichzeitig zieht einer der Piloten das Flugzeug steil in die Höhe. Mit ohrenbetäubendem Rattern rollen acht der Paletten über die Rampe und stürzen zur Erde. Wir sehen sie aufschlagen, noch ein Stück rutschen oder sich überschlagen. Wir fliegen eine steile Kurve und nach zwei Minuten sind wir schon wieder im niedrigen Anflug auf die große Wiese.

Inzwischen bin ich im Cockpit, weil ich mir das Ganze aus der Sicht der Piloten ansehen wollte. Und schon kommt wieder das Kommando "Cut!" von Joe, dem Kapitän. Gleichzeitig zieht er das Steuerhorn an seinen Bauch, die Nase der "Hercules" zeigt wieder steil nach oben. Und ich? Ich liege plötzlich auf meinen Knien. Die Beschleunigung nach oben war so stark, dass ich mich nicht auf den Beinen halten konnte.

Abwurf der Hilfsgüter bei 250 Kilometern pro Stunde

Die Paletten stürzen mit einem Krachen zu Boden.

"Auf Wiedersehen, bis bald!"

Die gesamte Fracht ist weg. Über Funk ein kurzer Abschied von den Leuten auf dem Boden. "See you next time", sagt Joe. Nun steigt das Flugzeug steil in den Himmel, um wieder auf Reiseflughöhe zu kommen. Mein Magen fühlt sich noch immer an, als würde er irgendwo in den Kniekehlen hängen. Noch gut eine Stunde, dann sollen wir wieder in Lokichogio landen. Natürlich will ich von den Piloten wissen, warum die Hilfsgüter nicht am Fallschirm abgeworfen werden.

Immerhin müsste man die Reiseflughöhe kaum verlassen und die Landung der Paletten wäre viel sanfter. Joe lacht. Das Verfahren, das hier benutzt wird, hat die Deutsche Bundeswehr bei ihren Hilfsflügen entwickelt. Ohne Fallschirm kann man die Abwurfzone viel präziser treffen, Lastenfallschirme werden oft vom Wind abgetrieben und die Fracht muss dann gesucht werden. Und Joe sagt, dass auch ohne Schirm kaum etwas zu Bruch gehen würde – und zudem seien Fallschirme teuer und nach dem Abwurf für immer verloren.

Der Anflug auf Lokichogio ist präzise und sehr pünktlich. Es ist viel los im Bereich des Flughafens, wir müssen uns hinter zwei anderen landenden Flugzeugen einreihen. Kay und Imme sind glücklich – es gibt hervorragendes Filmmaterial für eine kurze Reportage. Mir geht es großartig – im Cockpit zu sitzen, selbst dann, wenn ich nicht selbst am Steuer bin, ist immer wieder ein Vergnügen für mich.

Die Menschen im Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich bin sicher: das war nicht meine letzte Reportage aus dieser Region.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.