Lange galt die Linke im Osten als Protestpartei, doch damit ist es offenbar vorbei: Keine andere Partei musste bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg so viele Federn lassen wie die Linke. Nach Ansicht eines Parteienforschers hat ihr die AfD mittlerweile im Osten den Rang abgelaufen. Das könnte den Richtungsstreit innerhalb der Linken neu entfachen.

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Die Linke ist bei den Landtagswahlen im Osten regelrecht abgestürzt. In beiden Ländern fuhr sie ihre schlechtesten Ergebnisse seit 1990 ein: In Sachsen erreichte die Partei 10,4 Prozent, in Brandenburg 10,7 Prozent – das entspricht im Vergleich zu den Wahlen 2014 einem Minus von 8,5 beziehungsweise 7,9 Prozentpunkten.

Nach Ansicht des Parteienforschers Jürgen W. Falter hat die AfD die Linke mittlerweile als eigentliche Regionalpartei Ost abgelöst. Das sagte der Wissenschaftler von der Universität Mainz der "Passauer Neuen Presse".

Die AfD ziehe die Proteststimmen auf sich und habe die unzufriedenen Wähler für sich gewonnen. "Das sind nicht nur überzeugte AfD-Wähler, sondern auch solche, die den anderen einen Denkzettel geben wollen."

In Sachsen kam die AfD bei der Landtagswahl am Sonntag auf 27,5 Prozent der Stimmen, in Brandenburg auf 23,5 Prozent.

Landtagswahlen im Osten: Ein "beispielloses Desaster" für die Linke

Für die Linke ist der Wahlausgang ein Schock. Fraktionschef Dietmar Bartsch twitterte noch am Sonntagabend, seine Partei habe ein "beispielloses Desaster" erlebt. Parteichefin Katja Kipping kommentierte den Wahlausgang auf Twitter mit den Worten "Ja, das schmerzt".

Bartsch stellte den bisherigen Kurs seiner Partei infrage. "Offensichtlich werden wir nicht mehr als die erste Adresse der Ostinteressenvertretung angesehen", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Insbesondere das Ergebnis in Brandenburg sei zutiefst ernüchternd. "Wir müssen ein paar Grundfragen zur Strategie in der Linken stellen und beantworten", forderte er.

Richtungsstreit in der Partei ungeklärt

Seit Jahren tobte innerhalb der Linken ein Richtungsstreit, angeführt von (Noch-)Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und Parteichefin Katja Kipping.

Während Kipping für eine weltoffene Partei eintritt, die vor allem für urbane Wählerschichten attraktiv ist, steht ihre parteiinterne Kontrahentin für eine migrationskritische Ausrichtung. "Wenn wir von diesen Menschen als grünliberale Lifestyle-Partei statt als ihre Stimme wahrgenommen werden, wenn sie das Gefühl bekommen, dass wir auf sie herabsehen, weil sie nicht den hippen Großstadt-Code beherrschen, dann ist es nur normal, dass sie sich von uns abwenden“, schrieb Wagenknecht in ihrem Newsletter am Sonntagabend.

Tatsächlich verlor die Linkspartei bei den Landtagswahlen an alle anderen Parteien Wähler. In Sachsen wechselten 30.000 Linken-Wähler zur Regierungspartei CDU, aber auch 27.000 zur AfD. In Brandenburg verlor die Linkspartei 30.000 Wähler an den Koalitionspartner SPD, aber auch 13.000 an die Grünen und 12.000 an die AfD. 17.000 Wähler aus dem Jahr 2014 starben.


Linken-Spitze kündigt Konsequenzen an

Der Richtungsstreit innerhalb der Linken ist bis heute nicht eindeutig entschieden und könnte - spätestens nach der Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober - eskalieren. Davor hat nun Parteichefin Kipping gewarnt. Was der Linken jetzt nicht helfe, wäre, "wenn wir jetzt so ein Modell 'reflexhafte Schuldzuweisungen' oder das Modell Schlachtplatte fahren", sagte Kipping am Montag in Berlin.

Gemeinsam mit Co-Parteichef Bernd Riexinger kündigte sie allerdings Konsequenzen an. Man habe in einem Ausmaß verloren, wo man nicht einfach darüber hinweggehen könne, sagte Riexinger. "Wir müssen uns nicht neu erfinden", aber es seien neue Fragen auf den Plan gekommen. Dabei verwies er auf den Klimaschutz oder Umbrüche im industriellen Bereich.

"Wir werden uns über eine Neuaufstellung verständigen, ohne Tabus, ganz klar", ergänzte Kipping. Zu persönlichen Konsequenzen sagte sie, "was die personelle Aufstellung anbelangt, habe ich immer die Hoffnung, dass es gelingt, uns gemeinsam zu verständigen, und das machen wir aber ganz bewusst erst nach der Thüringen-Wahl". (jwo/dpa/afp)

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