Trotz schlechter Umfragewerte hofft die SPD bei den Landtagswahlen in Hessen auf ein besseres Ergebnis als in Bayern. Die Partei ist dort lokal verankert - und tritt mit einem erfahrenen Spitzenkandidaten an.

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Jetzt müsse man alle Kräfte auf Hessen konzentrieren - das war nach der desaströsen Niederlage bei der Bayern-Wahl von der SPD-Führung häufig zu hören. In der Tat können die Sozialdemokraten am Sonntag zumindest auf mehr hoffen: In Umfragen zur hessischen Landtagswahl liegt die Partei zwischen 20 und 23 Prozent.

Verglichen mit den 9,7 Prozent in Bayern und den Umfragewerten im Bund wäre das ein ordentlicher Wert. Trotzdem muss die SPD auch in Hessen zittern - möglicherweise landet sie hinter CDU und Grünen nur auf Platz drei. Dabei ist die Ausgangslage dort gar nicht mal schlecht.

Im Land 47 Jahre lang mitregiert

"Die SPD verfügt in Hessen über einen recht vitalen Unterbau", sagt Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel, im Gespräch mit unserer Redaktion. In zwölf der 21 Landkreise stellt die SPD den Landrat, in vier der fünf Großstädte den Oberbürgermeister.

Zudem können die Sozialdemokraten auf eine 47-jährige Regierungszeit in Hessen zurückblicken. "Das Land ist auf jeden Fall sozialdemokratisch imprägniert", sagt Schroeder.

Die Regierungszeit endete allerdings 1999 - seit fast 20 Jahren sitzt die Hessen-SPD in der Opposition. Das hat die Lust aufs Regieren nur größer gemacht. Sie ist sogar so groß, dass viele in der SPD auch eine Große Koalition in Wiesbaden mittragen würden.

Vor einigen Jahren, als sich die Hessen-SPD und der konservative CDU-Landesverband noch in tiefster Abneigung verbunden waren, wäre das fast undenkbar gewesen.

Spitzenkandidat macht einen "soliden Job"

Spitzenkandidat ist der 49-jährige Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel. Der Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Putzfrau aus der Universitätsstadt Gießen hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet.

Schäfer-Gümbel erreiche "ganz ordentliche" Beliebtheitswerte, sagt Wolfgang Schroeder: "Er macht einen soliden Job und ist im Land sehr präsent." Das hat auch damit zu tun, dass "TSG" (so sein Kurzname) schon zum dritten Mal als Spitzenkandidat antritt.

Sein Ansehen geschmälert habe das offenbar nicht, sagt Schroeder. "Es wird von Wählern durchaus honoriert, wenn man langfristig am Ball bleibt."

Karriere hat Schäfer-Gümbel auch in der Bundespartei gemacht - seit fünf Jahren ist er einer ihrer stellvertretenden Vorsitzenden.

Als die SPD Anfang des Jahres nach langem Zögern in Berlin das Bündnis mit der Union einging, sah Schäfer-Gümbel das kritisch. Aber er versuchte nicht, sich als lauter GroKo-Kritiker zu profilieren. Er zeichne sich eher durch eine besondere Loyalität zur Parteiführung aus, sagt Politikwissenschaftler Schroeder. "Er hat nichts gemacht, was man als Affront betrachten könnte."

Kritik an "Stillstandskoalition" Schwarz-Grün

Im Wahlkampf setzt die Hessen-SPD vor allem auf die Themen Wohnen und Bildung, verspricht zum Beispiel 100 Millionen Euro für den Wohnungsbau, kostenfreie Kitas, ein Sofortprogramm gegen den Lehrermangel.

Die lange Oppositionszeit hat für die Sozialdemokraten auch einen Vorteil: Sie können die Regierung befreit attackieren - gerade die hessischen Grünen, die 2013 mit der CDU das erste schwarz-grüne Bündnis in einem Flächenland geschmiedet hatten. "Durch dieses Bündnis sind die Grünen für einige linke Wähler womöglich weniger attraktiv geworden", sagt Wolfgang Schroeder.

Schwarz-Grün in Hessen hat nach Ansicht des Politikwissenschaftlers zwar konstruktiv, in Situationen wie der Flüchtlingskrise sogar "vorbildlich" regiert. Schroeder vergleicht die Landesregierung aber mit einer "grauen Maus": Wegweisende Projekte habe sie kaum auf den Weg gebracht.

"In vielen Bereichen - etwa im Schul- und Hochschulsystem - sticht Hessen nicht wirklich heraus. Dabei ist immer zusehen, dass die Bildungspolitik die Visitenkarte eines Landes ist. Da hat die Koalition zu wenig Engagement und Innovationskraft gezeigt."

In diese Kerbe schlug auch Thorsten Schäfer-Gümbel im TV-Duell mit CDU-Amtsinhaber Volker Bouffier: Stillstand habe in Hessen einen Namen, sagte er: Und der sei Schwarz-Grün.

Das "Trauma" von 2008

Ob "TSG" die Chance erhält, es besser zu machen, bleibt bis zum Wahlabend spannend. Umfragen deuten zwar an, dass ein Bündnis aus Grünen, SPD und Linkspartei eine knappe Mehrheit erringen könnte - entweder mit Schäfer-Gümbel oder dem jetzigen grünen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir an der Spitze.

Allerdings gilt eine solche Koalition als heikel: 2008 waren Verhandlungen über eine rot-rot-grüne Zusammenarbeit in Hessen in letzter Minute an Abweichlern aus der SPD gescheitert. Schäfer-Gümbel gelang es als Krisenmanager zwar, die danach am Boden liegende, zerstrittene Partei zu einen. "Das Unvermögen, die Verhältnisse so zu ordnen, dass eine regierungsfähige Sozialdemokratie dabei herauskommt, belastet sie aber noch heute", sagt Schroeder.

Ein klarer Unterschied zu Bayern: Grün-Schwarz, Jamaika, eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP, Rot-Rot-Grün oder doch eine große Koalition - all diese Konstellationen für die nächste hessische Landesregierung liegen aus jetziger Sicht noch im Bereich des Möglichen.

Die SPD wäre wahrscheinlich froh, wenn es zumindest für eine Regierungsbeteiligung als Juniorpartner reicht.

Verwendete Quellen:

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