Sigmar Gabriel ist sich sicher: "Martin Schulz wird Kanzler." Doch während sich die SPD ihrem Höhenrausch hingibt, werden die Stimmen der Schulz-Kritiker lauter: Der SPD-Kanzlerkandidat müsse sich endlich inhaltlich positionieren, fordern sie. Eines der wenigen Wahlversprechen, die Schulz schon gemacht hat, gerät derweil unter den Beschuss der Arbeitgeber.

Nach der Wahl von Martin Schulz zum neuen SPD-Chefs und Kanzlerkandidaten fordern Politiker anderer Parteien: Schulz müsse seinen Worten Taten folgen lassen.

Auffällig an dessen Parteitagsrede seien vor allem die Leerstellen gewesen, kritisierte Linken-Chefin Katja Kipping in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Es habe "kein Wort zur stärkeren Besteuerung von Millionären und Konzernen" gegeben. Sie warf Schulz vor, seine Versprechen für die arbeitende Mitte zur "Luftnummer" zu machen, wenn er Superreiche verschone.

Auch die Linken-Fraktionschefs Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht sind skeptisch. "Im Wahlkampf gab sich die SPD schon immer gern sozial", erklärten die Beiden. "Die von der SPD in der Großen Koalition unverändert vorangetriebene Rentenprivatisierung und die geplante Teilprivatisierung der Autobahnen vertragen sich kaum mit dem sozialen Pathos des neuen SPD-Vorsitzenden."

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hielt Schulz vor, Antworten schuldig zu bleiben: "Kandidat Schulz bleibt inhaltlich wie immer unkonkret."

JU-Chef Ziemiak sagte der "Rheinischen Post" vom Montag, er habe "eine Rede voller Widersprüche gehört". Schulz werde "die Erwartungen, die er weckt, nicht erfüllen können". So würden "die von Schulz zitierten hart arbeitenden Menschen noch härter arbeiten müssen, wenn sie die Versprechungen des SPD-Parteichefs am Ende mit ihren Steuern und Abgaben bezahlen müssen".

Grünen-Chef Cem Özdemir sagte der dpa, der Erfolg des Kandidaten gehe mit der Hoffnung vieler einher, "nach der Bundestagswahl einen echten Wandel zu gestalten".

Was plant Schulz? Bislang kaum Informationen

Innenpolitisch hat sich der frühere Präsident des Europaparlaments bisher wenig festgelegt. Die SPD werde sich Zeit nehmen bis zum Programmparteitag Ende Juni, sagte Schulz am Sonntagabend in der ARD.

Es gebe aber aktuelle Themen, die er als Kanzlerkandidat in der großen Koalition noch durchsetzen wolle, etwa eine Begrenzung der steuerlichen Absetzbarkeit von Managergehältern.

Auch die Frage nach möglichen Koalitionen hat Schulz bislang offen gelassen - zum Missfallen von Linksfraktionschef Dietmar Bartsch. "Ich fordere Martin Schulz auf, klar zu sagen, dass er nicht in ein Kabinett Merkel geht", sagte er der "Rheinischen Post".

Im jüngsten Emnid-Sonntagstrend im Auftrag der "Bild am Sonntag" kommt neben der Großen Koalition auch Rot-Rot-Grün auf eine Mehrheit (48 Prozent).

Arbeitslosengeld Q deutlich teurer als geplant?

Derweil ist das von der SPD als Wahlkampf-Projekt angekündigte Arbeitslosengeld Q unter Beschuss geraten. Einem Medienbericht zufolge könnte die Reform deutlich teurer werden als geplant.

Während die SPD die Kosten auf nicht mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr beziffere, zeigten Berechnungen der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) deutlich höhere Kosten, berichtete die "Bild"-Zeitung.

Derzeit seien laut Bundesagentur für Arbeit 417.000 Menschen länger als drei Monate arbeitslos und würden für die Neuregelung in Betracht kommen.

Da im SPD-Konzept "Kurzschulungen und Praktika" ausdrücklich ausgeschlossen würden, würden sich die Kosten nach Berechnungen der BDA für eine sechsmonatige Schulung bereits auf 6,4 Milliarden Euro pro Jahr summieren.

Kritik kommt demnach auch von Wirtschaftswissenschaftlern. Der Plan gehe "in die völlig falsche Richtung", sagte der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, der "Bild"-Zeitung. "Die Kosten würden explodieren", sagte er.

Der Chef des Touristikunternehmens Tui, Friedrich Joussen, sagte dem "Handelsblatt" vom Montag, er "habe Zweifel daran, dass es irgendein Problem löst, die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds jetzt wieder zu verlängern".

Beim Arbeitslosengeld Q ist geplant, dass dieses nicht auf die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I angerechnet wird. Dieses sollen Arbeitslose für die Dauer einer Umschulung oder Weiterqualifizierung erhalten, auf die ab drei Monaten Arbeitslosigkeit ein Anspruch bestehen soll. Die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld könnte so auf bis zu 48 Monate verlängert werden.

(dpa/afp/mcf)