Hitzige Wortgefechte, lautstarke Vorwürfe und ein teils machtloses Moderatoren-Duo: Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) in ihrem TV-Duell mit Samthandschuhen anfassten, ließen es Gregor Gysi (Die Linke), Rainer Brüderle (FDP) und Jürgen Trittin (Die Grünen) beim Rededuell der "kleinen" Parteien am Montagabend in der ARD ordentlich krachen – und entschädigten so für das dröge Kanzlerduell vom Sonntag.

Für einen kurzen Moment drohte die Sendung völlig aus dem Ruder zu laufen. "Ich bin sicher, das war nicht so gemeint", versuchte ARD-Moderator Jörg Schönenborn die Wogen zu glätten, die sich soeben bedrohlich in dem bis auf ein paar Redepulte völlig leer stehenden, einem Kellergewölbe ähnelnden Studio aufgebaut hatten. Denn der Vorwurf der Lüge stand im Raum, und das ging dann selbst den bis dahin so hilflos wirkenden Moderatoren zu weit. Die Rechnung hat Schönenborn dabei freilich ohne Jürgen Trittin, den Urheber der Anschuldigung Richtung Brüderle, gemacht. "Doch, das meinte ich genau so", entgegnete Trittin - der große Knall blieb allerdings aus. Der muntere Schlagabtausch ging ungeachtet dessen aber weiter.

Das waren die eigentlichen Stars des Kanzlerduells.

Wenn das Kanzlerduell Merkel gegen Steinbrück bereits der Höhepunkt des Bundestagswahlkampfes gewesen sein soll, dann war der Nachschlag in Form des Rededuells der "kleinen" Parteien Die Linke, FDP und die Grünen die Erleuchtung. Bissig und kratzbürstig, gelegentlich polemisch und höhnisch, aber auch staatsmännisch und mahnend – die Spitzenkandidaten Gysi, Brüderle, Trittin boten alles auf, was das Regelwerk der politischen Debatte hergibt. So leidenschaftlich und aufbrausend vertraten die drei ihren Standpunkt, dass sich zwischendurch die Frage stellte, ob nicht am Montagabend die eigentlichen Kanzlerkandidaten zu sehen waren.

Der Unterschied zum Kanzlerduell wurde schnell deutlich: Diese ungezwungene TV-Debatte war spannend, unterhaltsam und dennoch reich an Inhalten. Im Stakkato feuerten sich die drei Parteivertreter die Standpunkte um die Ohren, Nachfragen der Moderatoren wurden weitgehend ignoriert, gelegentlich erhört, aber nur manchmal beantwortet. Zwischenzeitlich verloren WDR-Chefredakteur Schönenborn und sein Kollege Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, die Kontrolle über das Geschehen und mussten ihre scharfzüngig agierenden Gäste mit Nachdruck zur Räson bringen – oft vergeblich.

Weniger Kalkül, mehr Emotionen

Denn inhaltlich ging es rund. Die Dichte der Argumente war gelegentlich so groß, dass selbst bislang klar verortete Trennlinien zwischen den Parteien zu verschwimmen drohten. "Wir schützen die Mitte der Gesellschaft weit mehr als die Grünen", beschwor Gregor Gysi mit erhobenem Zeigefinger. Alleine schon dieser Satz förderte mehr Neues zutage als zwei Stunden Kanzlerduell.

Weniger Kalkül, mehr Emotionen - in dieser Grundtonart spielte die Musik. Die Strategien der drei Konkurrenten sind rund zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl scharf umrissen und fördern hitzige Wortgefechte. Deutschland geht es grundsätzlich gut, doch damit das so bleibt und auch alle etwas davon haben, müssen die Weichen richtig gestellt werden. In welche Richtung, darüber herrscht freilich große Uneinigkeit.

Die Klientel der Linken dankt Gregor Gysi seine vollmundigen Versprechungen hinsichtlich Mindestlohn, Renteneintrittsalter und Steuergerechtigkeit. Und Jürgen Trittin betont die Bedeutung der Klimapolitik und Bildung für die Grünen. Die FDP dagegen weiß: Kaum etwas anderes treibt den Bundesbürger so sehr um wie die Sorge um das eigene Geld. Die Erwähnung einer geplanten Erhöhung des Spitzensteuersatzes (Die Grünen) zaubert Brüderle daher ein dankbares Lächeln aufs Gesicht. Der FDP-Mann betont: Ein Großteil der Forderungen der Konkurrenz sind "mit einer Partei der Freiheit nicht zu machen."

Nach einer - viel zu kurzen - Stunde ertönt der Gong und die drei Protagonisten werden aus dem Gefecht genommen. Das Ergebnis: Die Linke, die FDP und die Grünen liegen in ihren Kernthemen weit auseinander. So weit, so bekannt. Aber im Gegensatz zum Kanzlerduell traten die unterschiedlichen Standpunkte bei dieser Debatte deutlich hervor. Und wenn die Verpackung, in der den Zuschauern diese meinungsbildende Maßnahme geliefert wird, immer so attraktiv präsentiert wird, dürfen Gysi, Brüderle und Trittin künftig gerne wieder in den Ring steigen.