Nach langer Hängepartie bei der Regierungsbildung drücken CDU, CSU und SPD jetzt aufs Tempo. Können die SPD-Unterhändler in wenigen Tagen genug herausholen, um ihre Basis zu überzeugen?

Das ist dann schon eine Überraschung: Bis Freitag in einer Woche wollen CDU, CSU und SPD in ihren Arbeitsgruppen schon weitgehend durch sein mit ihren Verhandlungen über eine Fortsetzung der großen Koalition.

Endet die längste Regierungsbildung mit den kürzesten Koalitionsverhandlungen?

Direkt im Anschluss wollen sich die Unterhändler um die Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz zur Klausur einschließen und möglichst bis zum 4. Februar den Koalitionsvertrag geschrieben haben - oder notfalls wenige Tage später. Wenn das klappt, könnten es mit die kürzesten Koalitionsverhandlungen in der Geschichte der Bundesrepublik werden.

Langsam pressiert es aber auch. Mehr als 17 Wochen sind seit der Bundestagswahl vergangen, gut vier Monate, mehr als 120 Tage. Und Deutschland steht immer noch ohne Regierung da.

Die Kanzlerin, der CSU-Chef und der SPD-Vorsitzende lassen schon am Morgen bei ihren getrennten Statements zum Verhandlungsauftakt in der CDU-Zentrale eine ähnliche Stoßrichtung erkennen.

Alle drei kündigen zügige Verhandlungen an, als wollten die ums politische Überleben kämpfenden Chefs den immer ungeduldigeren Bürgern signalisieren: Wir haben verstanden und beeilen uns jetzt.

18 Arbeitsgruppen, in denen die SPD nachbessern muss

Union und SPD haben 18 Arbeitsgruppen eingerichtet. 17 inhaltliche Runden von Europa über Finanzen, Arbeit, Bildung, Gesundheit bis zu Kultur. Und eine AG zur Arbeitsweise der künftigen Regierung.

Damit man sich nicht verzettelt, soll die große Verhandlungsrunde so richtig wohl erst am Schluss zum Zuge kommen. Bis dahin wird vor allem die 15er-Runde um die Chefs die Arbeit steuern.

In die Arbeitsgruppen, bei denen die SPD nach dem Votum des Parteitags vor einer Woche zwingend Nachbesserungen liefern muss, schicken die Sozialdemokraten weibliche Schwergewichte:

Fraktionschefin Andrea Nahles leitet die AG "Arbeit, Soziales, Rente" - wohl auch, um hier Änderungen bei der sachgrundlosen Befristung von Jobs zu erreichen.

Die starken und beliebten Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) kümmern sich um Gesundheit und Pflege sowie Bildung und Forschung.

Alle drei dürften aber kaum einen Posten in einem vierten Kabinett Merkel im Auge haben.

Dobrindt als Verhandlungsführer in drei AGs

Die CDU setzt bei diesen Themen auf Gesundheitsminister Hermann Gröhe und die Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die derzeit intern als eine der aussichtsreichsten Anwärterinnen für die Nachfolge Merkels gilt.

Bei der CSU wird die herausragende Bedeutung von Landesgruppenchef Alexander Dobrindt deutlich: seine Partei schickt ihn als Verhandlungsführer in gleich drei AGs, die sich mit CSU-Kernanliegen befassen: Wirtschaft/Bürokratieabbau, Verkehr/Infrastruktur und Europa.

Merkel, Schulz und Seehofer führen die AG Europa an, ansonsten sollen sie sich völlig auf die Verhandlungsführung konzentrieren. Auffällig: Der frühere SPD-Chef und geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel taucht anders als noch in den Sondierungen wieder auf:

Gemeinsam mit Noch-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) leitet er die Gruppe zu den Themen Außen, Verteidigung und Menschenrechte.

Die Union drängelt seit Tagen, die Arbeit müsse vor dem Start in die Faschingszeit am 8. Februar erledigt sein. Dahinter steckt die Angst vor dem Spott der Karnevalisten und vor Bildern fröhlich schunkelnder Unterhändler - während die Bürger besorgt auf eine neue Regierung warten.

Martin Schulz muss die SPD-Basis überzeugen

Es gibt aber noch aus einem anderen Grund den Wunsch nach zügigen Verhandlungen: Am Ende steht bei der SPD noch ein etwa drei Wochen dauernder Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag an, der eine GroKo noch stoppen kann.

Allzu hastig darf das Ganze nach dem Willen der SPD-Spitze nun auch nicht aussehen - eben wegen der großen Widerstände an der SPD-Basis gegen eine neuerliche GroKo.

Dazu dient der eingebaute Zeitpuffer von ein paar Tagen nach dem 4. Februar. Schulz muss seiner Basis irgendwie glaubhaft machen, dass er zügig, aber intensiv genug verhandelt hat. Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, er habe sich von der Union über den Tisch ziehen lassen.

Olaf Scholz wettert gegen GroKo

Erst in den kommenden Tagen wird sich zudem zeigen, ob sich jene Spitzenkräfte wie Dobrindt oder die konservative CDU-Hoffnung Jens Spahn zurückhalten, die immer mal wieder gerne mit Sticheleien die Gespräche belastet haben.

Zum Auftakt der eigentlichen Koalitionsverhandlungen halten sie sich zunächst mal zurück.

An diesem Tag tut sich dagegen Hamburgs Bürgermeister und SPD-Vize Olaf Scholz hervor, der für seine Partei die wichtige Arbeitsgruppe Finanzen und Steuern anführt.

Via "Wirtschaftswoche" ätzt er gegen die Union, eine neue GroKo und damit indirekt auch gegen Schulz: "Einen echten Aufbruch werden wir erst erleben, wenn wieder ein Sozialdemokrat im Kanzleramt sitzt."  © dpa

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