Martin Schulz knöpft sich beim Wahlkampfabschluss der SPD in Berlin die AfD und die Kanzlerin vor. Angela Merkel redet in München gegen ein gellendes Pfeifkonzert an und warnt ihre Anhänger, zu siegessicher zu sein: "Wir haben keine einzige Stimme zu verschenken."

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Es ist ein bewegender Moment. Martin Schulz, der vor der prächtigen Kulisse am Berliner Gendarmenmarkt an diesem milden Spätsommerabend seine vorletzte Wahlkampfrede hält, geht auf eine alte Dame zu.

Sie ist nicht irgendwer. Sondern Inge Deutschkron. Auch mit 93 Jahren kämpft die bekannte deutsch-israelische Autorin, die sich als junge Jüdin in Berlin vor den Nazis versteckte, unermüdlich gegen das Vergessen.

Schulz: "Ihr seid unsere Feinde"

Schulz sagt, die SPD sei stolz darauf, dass Menschen wie Deutschkron Genossen seien. Gerade jetzt, wo am Sonntag die Rechtspopulisten von der AfD womöglich als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen. "Zieht Euch warm an. Ihr seid unsere Feinde!", schleudert Schulz der AfD entgegen. Der Applaus der etwa 4000 Zuhörer im Herzen der Hauptstadt ist ihm da sicher.

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Umso kontrastreicher erscheint das Bild, das die Meinungsforscher vom Ausgang der Wahl zeichnen. Stimmen die jüngsten Umfragen, muss die SPD eine historische Demütigung befürchten. Es könnte noch tiefer runter gehen als 2009, als Frank-Walter Steinmeier nur 23 Prozent holte.

Was dann im Willy-Brandt-Haus passiert, kann niemand seriös vorhersagen. Schützt Schulz der 100-Prozent-Panzer seiner Wahl zum Vorsitzenden im März vor einem Totalabsturz?

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Der 61-Jährige ist in der Partei unverändert beliebt. Die Genossen zollen ihm Respekt, wie er bis zur letzten Minute alles gibt. Große persönliche Fehler kann man Schulz schwerlich vorhalten - anders als Peer Steinbrück, der vor vier Jahren in viele Fettnäpfchen trat und am Ende der Republik auf einem Magazin-Cover den Stinkefinger zeigte.

Schulz will nicht aufgeben

Kürzlich betonte Schulz, er werde auf keinen Fall den Vorsitz aufgeben. Aber wann meldet sich bei Schulz womöglich die Selbstachtung? Bei unter 20 Prozent?

Auf dem Gendarmenmarkt lässt Schulz sich von dem riesigen Druck, der auf ihm lastet, nichts anmerken. Die SPD werde bis Sonntag, 18.00 Uhr alles versuchen. "Ich kämpfe nicht aus Selbstzweck, nicht für Zahlen, nicht für Meinungsforscher." Die Sozialdemokraten kämpften für ihre Überzeugungen, für ein gerechteres Land, für ein solidarisches Europa.

Noch einmal nutzt Schulz, der keine realistische Chance mehr hat, Kanzler zu werden, die Gelegenheit, um Angela Merkel anzugehen. Eine zum vierten Mal von ihr angeführte Regierung werde eine Regierung der "sozialen Kälte" sein, der die Sorgen der Menschen egal sei. Merkel lulle das Land ein, dabei sei der Wettbewerb das Salz in der Suppe der Demokratie, ruft Schulz. Stattdessen verordne Merkel eine "Schlaftabletten-Politik".

Gellendes Pfeifkonzert für Merkel

Nur wenige Minuten nach ihm ist die Kanzlerin auf dem Münchner Marienplatz an der Reihe. CSU-Chef Horst Seehofer lobt, Merkel sei im Wahlkampf zum 19. Mal im Freistaat. Nicht jeder ist erfreut darüber. Merkel muss mit heiserer Stimme gegen ein gellendes Pfeifkonzert und Hau-ab-Rufe von Störern anreden.

Wie bei vielen Auftritten in Ostdeutschland hält Merkel dagegen: "Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands mit Sicherheit nicht gestalten."

Später kommt die CDU-Vorsitzende natürlich auf ihre Entscheidung aus dem Sommer 2015 zu sprechen, Flüchtlinge unkontrolliert ins Land zu lassen. Das Thema ist wieder virulent, beschert der AfD im Endspurt viel Zuspruch, Merkel dagegen könnte in der Wählergunst noch abrutschen, wie manche Umfragen vorhersagen. Was 2015 passiert sei, "das darf, das soll und das wir sich nicht wiederholen", sagt Merkel. "Wir haben aus den Ereignissen von damals gelernt."

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Seehofer, der unverdrossen nach einer Obergrenze ruft, dürfte das gefallen. Auch er wird genau hinschauen, wie hoch am Sonntagabend der schwarze Balken geht.

Zweitbestes Ergebnis in Merkel-Zeit erwartet

In der CDU-Spitze hoffen sie, dass die Demoskopen nicht total daneben liegen. Landet die Union im von den meisten Instituten vorhergesagten Korridor zwischen 36 und 37 Prozent, wäre das immerhin Merkels zweitbestes Ergebnis nach 41,5 Prozent 2013, heißt es vorsorglich.

Dann könnte eine Diskussion über die Verantwortung der Kanzlerin für den Stimmenrutsch zumindest etwas glimpflicher ausfallen, hoffen sie in der CDU. Die Suche nach einer neuen Regierung in einer Jamaika-Konstellation mit FDP und Grünen oder in einer neuen Groko dürfte schwierig genug werden.

Fällt die Union dagegen unter Merkels schlechtestes Ergebnis von 33,8 Prozent aus dem Jahr 2009, dürfte nicht nur Seehofer seine Zurückhaltung fahren lassen. Ganz schnell könnte der CSU-Chef klar machen wollen, wer die Verantwortung für ein mieses Ergebnis hat: Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik.

Maximale Distanz wäre dann wohl angesagt, ein Jahr vor der für den bayerischen Ministerpräsidenten so wichtigen Landtagswahl. Auch in den eigenen Reihen könnte die Frage nach Merkels Zukunft wieder lauter gestellt werden.

Auf dem Marienplatz zeigt sich Merkel genauso entschlossen wie Schulz auf dem Gendarmenmarkt. Sie spürt, ein gutes Ergebnis ist kein Selbstläufer. Die SPD mag sie nicht unterschätzen. "Wir haben keine einzige Stimme zu verschenken", sagt Merkel in eigener Sache. Die Sozialdemokraten hätten zu keinem Zeitpunkt Rot-Rot-Grün ausgeschlossen. "Wir können keine Experimente gebrauchen, wir brauchen Stabilität und Sicherheit."

Wer sich einen kurzen Überblick über die Wahlprogramme der etablierten Parteien machen will, kann das hier tun.
Im Interview mit unserer Redaktion haben sich zudem die Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel zu wichtigen Fragekomplexen geäußert. Die Interviews mit den Spitzenkandidaten finden Sie hier.
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