FPÖ-Kandidat Norbert Hofer hat bei der Bundespräsidentenwahl einen historischen Sieg für die Blauen eingefahren. Nach dem ersten Wahlgang liegt er mit über 36 Prozent der Stimmen an der Spitze. Mit ihm in die Stichwahl am 22. Mai geht Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen. Die Pressestimmen zum Polit-Beben.

Österreich

Der Standard: "Einen solchen Vorsprung für Norbert Hofer hat niemand vorausgesehen: Das ist ein Erdrutschsieg für den blauen Kandidaten und das erwartete Debakel für die Regierungsparteien. Dass erstmals in der Zweiten Republik keiner, den SPÖ oder ÖVP nominiert haben, Bundespräsident wird, ist eine Zäsur. (...) SPÖ und ÖVP könnten das Votum über die Stichwahl hinaus auch als Chance sehen: Wir reißen uns jetzt am Riemen und versuchen, gemeinsam etwas zu schaffen. Denn sonst werden beide Parteien das Schicksal ihrer Kandidaten erleiden. Aus einstigen Volksparteien werden Kleinparteien. Noch haben sie die Möglichkeit, bis 2018 durch ihre Arbeit zu überzeugen. Bei der vergangenen Nationalratswahl haben die beiden Regierungsparteien zusammen ohnehin nur noch 51 Prozent erreicht. Das scheint aus heutiger Sicht unerreichbar. Also bleibt nur: Kämpfen oder aufgeben – und die Hofburg und bald auch die Regierung einfach der FPÖ überlassen."

Die Presse: "Die Wahrheit für SPÖ und ÖVP lautet schlicht: Eure Zeit ist vorbei. Das heißt nicht, dass es eine oder beide Parteien in Zukunft nicht geben kann. Aber so, wie es bisher war, wird es nie wieder. Jörg Haider orakelte einst vom Ende der Zweiten Republik und sah sich bereits als junger autoritärer Kanzler in einem neuen Österreich mit vielen Schweizer Zitaten. Daraus wurde nichts, Haider gibt es nicht mehr, aber 30 Jahre nach seiner Machtübernahme in der FPÖ ist die Zweite Republik - so wie wir sie als Kinder schätzen gelernt haben und wie wir sie heute als überholt empfinden - Geschichte. Es wird noch Zeit vergehen, bis das Ende auch auf Bundesebene offiziell vollzogen wird, aber heute hat wohl der letzte Funktionär, der klügste Sektionschef und der Faymann-freundlichste Journalist verstanden, dass da ein Kapitel zu Ende gegangen ist. Zusammen kommen SPÖ und ÖVP auf gerade einmal ein Viertel aller Stimmen."

Norbert Hofer trifft in Stichwahl auf Van der Bellen. Schlappe für SPÖ und ÖVP.

Kurier: "Es ist paradox. Heinz-Christian Strache hält vom Hofburg-Job nichts, will ihn mit dem des Kanzlers fusionieren. Der FPÖ-Chef nominiert dann aber doch einen Bundespräsidentschaftsanwärter – und der triumphiert. Er liefert den Blauen das beste Bundesergebnis ihrer Parteigeschichte. (...) Für die Kandidaten der Regierungsparteien – und somit auch für diese – ist der Wahlausgang ein Debakel. Trotz nach wie vor großer Apparate und viel Budget liegen der Schwarze Andreas Khol und der Rote Rudolf Hundstorfer auf den Plätzen 4 und 5."

Tiroler Tageszeitung: "Es ist ein Debakel, wie es für Rot-Schwarz nicht heftiger ausfallen hätte können. Es ist die Abwahl eines Systems, das die 2. Republik geprägt hat. Seit dem Krieg ist Österreich bis hinein in alle Körperschaften und alle Machtbereiche zwischen SPÖ und ÖVP aufgeteilt – zwei Parteien, die immer weniger miteinander konnten und wollten und die sich, statt endlich mutig zu gestalten, lieber in vielem blockieren."

Kronen-Zeitung: "Norbert Hofer hatte bei seinem Wahlkampf kaum gepatzt, tapfer gekämpft. Aber die satte Stimmenmehrheit in der ersten Runde hat er dem multiplen Staats- Organversagen in der Asylpolitik zu verdanken. Die direkte Konfrontation Hofers mit Alexander Van der Bellen in der kommenden Stichwahl wird jedoch zeigen, ob ein Rechtsruck in unserer Republik tatsächlich erwünscht ist."

Österreich: "Ein blauer Tsunami hat gestern unsere politische Landschaft auf den Kopf gestellt: Norbert Hofer erringt bei der Präsidenten-Wahl die größtmögliche politische Sensation: Er holt gegen alle Wetten, die alle auf Van der Bellen gelautet hatten, nicht nur den Sieg im 1. Wahlgang, sondern mit 36,4 % auch ein Rekord-Ergebnis für die FPÖ."

International

Neue Zürcher Zeitung (Zürich): "Die nächsten Nationalratswahlen mögen noch zwei Jahre entfernt sein, doch angesichts der Unfähigkeit der Regierung, die drängenden Probleme bei der Arbeitslosigkeit, dem Wirtschaftswachstum und der Bildung zu lösen, wird die Unzufriedenheit nur zunehmen; am Sonntag gaben drei Viertel der Wahlberechtigten an, entweder enttäuscht oder gar verärgert zu sein über die Regierung. (...) Auch kristallisierte sich die Wut der Österreicher nicht nur in Form von Unterstützung für die FPÖ. Vielmehr vereinigten die beiden gemäßigten Kandidaten Alexander Van der Bellen und Irmgard Griss vierzig Prozent der Stimmen auf sich. Beide traten eher spröde sowie dezidiert unpopulistisch auf und argumentierten differenziert. Dies spricht für die Reife der Wähler, die einen Wandel wollen, jedoch nicht dem Reiz von Scheinlösungen erliegen. Die Regierung sollte das Fiasko als Auftrag verstehen, eine ehrlichere und lösungsorientierte Politik zu verfolgen."

Der Spiegel (Hamburg): " Die Wahl ist eine Abrechnung mit dem Establishment, das Ergebnis auch Folge der jahrzehntelangen Herrschaft zweier Volksparteien und einer zu lange regierenden Großen Koalition, die zerstritten ist und in Wahrheit nur auf den Moment wartet, den jeweils anderen Partner loszuwerden. Diese Wahl ist für SPÖ und ÖVP ein Debakel. Es ist auch die Folge ihrer eigenen Resignation."

Die Welt (Berlin): "Der Erfolg des rechtspopulistischen FPÖ-Kandidaten bei der österreichischen Präsidentenwahl lehrt dort die große Koalition das Fürchten. So ein Erdrutschsieg von Populisten ist auch woanders möglich. (...)

Wer sich in Deutschland immer noch verwundert die Augen reibt, warum Österreichs Sozial- und Christdemokraten so ganz anders als ihre deutschen Kollegen ihre Grenzen gegen Migranten und Flüchtlinge dicht machten und de facto eine Obergrenze für Zuwanderung festlegten, der kennt jetzt den Grund: Eine Partei kann mit Wahlkampf gegen islamische Zuwanderung und Sicherung des Wohlfahrtsstaates für Einheimische einen Wahltriumph herbeiführen."

Der Tagesspiegel (Berlin): "Die Stärke der früheren Haider-Partei zwingt die Traditionsparteien SPÖ und ÖVP in eine gefühlt ewige große Koalition. Es ist ein Teufelskreis, von dem allein die FPÖ profitiert. Sie kann sich als frische Alternative inszenieren, obwohl sie längst selbst ein Teil des politischen Systems geworden ist. Das enorm hohe Ergebnis der FPÖ in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl passt in diese Logik. Mit vereinten Kräften werden SPÖ und ÖVP einen Sieg des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer in der Stichwahl nun zu verhindern suchen - was auch zum genauen Gegenteil führen kann."

Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg): "Alles in allem jedoch reagieren die Behörden in Deutschland besonnen. Es wäre - ganz wie beim Fußball-Länderspiel in Hannover - leichtfertig gewesen, nichts zu unternehmen. Andererseits wurde von vorneherein betont, dass die Hinweise eben nur Hinweise und keine Beweise sind. Die Terrorgefahr wird uns auch 2016 begleiten. Gut, dass sie bisher stets eine abstrakte Bedrohung geblieben ist."

Huffington Post (München): "Nach dem Wahlgang ist klar, dass zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg keine der beiden Volksparteien SPÖ und ÖVP den Bundespräsidenten stellen oder unterstützen wird. Dieses Debakel lässt sich nicht mehr nur alleine durch die Flüchtlingspolitik erklären. Vielmehr war diese Wahl auch ein offener Protest gegen 'die da oben', aus dem die rechtspopulistische FPÖ am meisten Kapital geschlagen hat. Aber auch der Erfolg der Grünen und Unabhängigen belegt das. Von diesen Verhältnissen ist Deutschland noch weit entfernt. Lernen kann die Bundesregierung daraus aber schon: nämlich, dass die Flüchtlingskrise zu einer Vertrauenskrise werden kann - und dass davon nicht nur die Rechten profitieren, sondern alle Parteien, auf denen nicht das Etikett Volkspartei klebt."

(zusammengestellt von ank)