Wie die US-Sanktionen den Alltag der Iraner erschweren

Angriffe auf Tanker im Golf von Oman und der Abschuss einer Drohne schüren die Angst vor einer militärischen Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Die Iraner müssen in dieser Drohkulisse den Alltag meistern - und der wird immer härter, denn die Sanktionen treffen die Wirtschaft massiv. Ein Blick auf das Leben einer geschundenen Nation.

Vor einem Jahr, erzählt Josef, habe der Wechselkurs für einen Dollar bei rund 4.200 Toman (gängige Recheneinheit der Landeswährung Rial) gestanden. Zwischenzeitlich ist der Kurs um rund zwei Drittel eingebrochen, wie sich am Schaufenster dieser Wechselstube in Teheran zeigt.
Die massive Inflation geht mit einer enormen Preissteigerung einher. Viele Waren und Dienstleistungen kosten heute das doppelte wie noch vor einem Jahr. "Die armen Leute trifft das besonders hart, aber definitiv auch die Mittelschicht", sagt Atefeh.
Einige Grundnahrungsmittel wie Fleisch und Brot subventioniert der Staat. Viele Menschen stehen dafür Schlange.
Besonders drastisch sei die Teuerung bei importierten Waren. Elektrogeräte oder Autos aus dem Ausland würden etwa heute das dreifache kosten, berichtet Atefeh. Und sie sagt: "Die Inflation hat nicht nur ökonomische, sondern auch psychologische Auswirkungen. Viele Menschen, gerade Jugendliche, sind deprimiert."
Deprimiert, weil die wirtschaftliche Misere sie in ihrem Land gefangen nimmt - einem Land, das kaum persönliche Freiheit ermöglicht: Religiosität ist Staatsdoktrin. Für Frauen gelten strenge Kleidervorschriften. Paare dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht berühren. Alkohol ist strikt verboten. Protest wird hart bestraft, im schlimmsten Fall mit dem Tod.
Dabei sehnen sich viele Iraner nach einer westlichen Lebensweise, allen voran die Jungen. Doch wo kein Geld, da keine Möglichkeit zu reisen. Die Arbeitslosenquote liegt bei zwölf Prozent. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind es 29 Prozent.
"Wir werden isoliert, wir verlieren unsere Verbindung mit der Welt", klagt Atefeh. Ein Freund habe sein Studium in Australien abbrechen müssen, ein anderer seinen Aufenthalt in Norwegen. Der Grund: Ihre Fächer wurden für Iraner gesperrt.
Wenn Atefeh bei Coursera, einem Anbieter für Online-Weiterbildungen, einen Kurs buchen will, muss sie eine über VPN verschlüsselte Internetverbindung nutzen. Denn offiziell ist das Angebot des US-amerikanischen Unternehmens für Iraner nicht zugänglich.
Neulich, erzählt sie, habe sich einer ihrer Dozenten mit einer technischen Frage an den Erfinder einer amerikanischen Designsoftware gewandt. Er habe geantwortet, dass es ihm sehr leid tue, er Iranern aber keine Auskunft geben dürfe.
Auch kommen wegen der Sanktionen weniger Touristen ins Land als noch vor einiger Zeit. Das schwächt nicht nur die Wirtschaft, sondern schmälert auch die Möglichkeit der extrem gastfreundlichen Iraner, sich mit Ausländern auszutauschen.
Josef ist darauf eingestellt, dass sich die Situation für die Iraner so schnell nicht bessern wird. Ein Kurswechsel der iranischen Regierung scheint unwahrscheinlich. "Und Europa hat weder genug Macht noch genug Interesse, sich gegen die amerikanischen Pläne zu stellen." Dass bald Krieg ausbricht, glaubt er nicht. "Aber unsere Lage wird schlecht bleiben."
Ganz ähnlich Atefehs Blick in die Zukunft: "Von Europa erwarte ich nichts", sagt sie. "Das einzige, was ich mir erhoffe, ist Verständnis für die Menschen im Iran. Wir sind unschuldig und die Ablehnung anderer demütigt uns."