"Von Ratten befallen." Der US-Präsident beleidigt die gesamte Bevölkerung einer US-Großstadt und zieht sich so den Zorn vieler Amerikaner zu. Doch der Angriff folgt einem Plan.

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Wer dachte, die politische Streitkultur in den USA könnte unter Präsident Donald Trump nicht noch weiter im Niveau sinken, wird jetzt eines Besseren belehrt. Mit Trumps Attacken gegen die Stadt Baltimore und den afroamerikanischen Kongressabgeordneten Elijah Cummings ist sie auf einem neuen Tiefpunkt angekommen.

Trump, der Cummings am Wochenende vorgeworfen hatte, sich nicht ausreichend um seinen "ekelhaften, von Ratten befallenen" Wahlbezirk in der Ostküstenstadt Baltimore zu kümmern, setzt offenbar gezielt darauf, den Streit mit seinen politischen Gegnern anzuheizen. Der kommende Wahlkampf, so viel steht fest, wird schmutzig - und er hat nicht einmal richtig begonnen.

Wie schon bei den Angriffen gegen vier Nachwuchspolitikerinnen um die Abgeordnete Ilhan Omar vor gut zwei Wochen, gibt dabei stets Trump den Ton vor: In insgesamt einem guten Dutzend Twitter-Botschaften attackierte er Cummings mehrfach direkt. Dessen Heimatstadt Baltimore bezeichnete der Präsident als Ort, "an dem kein menschliches Wesen" leben wolle - "sehr gefährlich und ekelhaft".

Warum Baltimore?

Indem Trump Cummings attackiert, folgt er einem typischen Muster: Er versucht, einen politischen Gegner madig zu machen. Zugleich schürt er Ressentiments, die viele seiner Wähler - jenseits von Baltimore - immer noch gegen Afroamerikaner, aber auch generell gegen Großstädte an den Küsten hegen.

Dazu muss man wissen: Trump wird in Baltimore kaum gewählt. Die Stadt und der umliegende Bundesstaat Maryland sind ihm politisch völlig gleichgültig. Sie sind wie viele liberale, urbane Gegenden an Ost- und Westküste Hochburgen der Demokraten. Die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris hat in Baltimore ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Der Wahlbezirk des Abgeordneten Cummings wird zu 53 Prozent von Afroamerikanern bewohnt, die zu den wichtigsten Wählergruppen der Demokraten zählen.

Baltimore kämpft seit Jahren mit einer hohen Kriminalitätsrate, die Mordrate zählt zu den höchsten in den USA. Einerseits. Andererseits ist die Stadt aber bemüht, neue Unternehmen anzusiedeln und ihr Image aufzupolieren. Am Hafen entstanden in den vergangenen Jahren neue Stadtviertel mit modernen Wohnungen, Museen und Hotels, es gibt eines der besten Universitätskrankenhäuser des Landes und eine junge, moderne Kunstszene.

Cummings selbst ist seit 36 Jahren Mitglied im Repräsentantenhaus und gilt dort als einer der schärfsten Kritiker Trumps. Mehrfach hat er die Politik der Regierung im Umgang mit Flüchtlingen an der Grenze zu Mexiko kritisiert. Er leitete die Anhörung von Trumps früheren Anwalt und "Fixer" Michael Cohen, und er sorgte erst in der vorigen Woche für Schlagzeilen, als er von der Regierung die Herausgabe von E-Mails von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und von Präsidententochter Ivanka verlangte.

Entsetzen, aber auch Zuspruch

Wieder einmal spaltet Trump mit seinen Ausfällen das Land. Etliche Demokraten und liberale Medien reagierten mit einer Mischung aus Abscheu und Empörung auf Trumps Tweets. Die Äußerungen des Präsidenten seien "ekelhaft und rassistisch", sagte Cummings Parteifreund Jerrold Nadler, ebenfalls Abgeordneter im Kongress. Die Lokalzeitung "Baltimore Sun" ging in ihrer Empörung über Trumps Angriffe gegen die Stadt so weit, Trump selbst mit Ungeziefer zu vergleichen: "Lieber einen Schädling in der Nachbarschaft haben, als selbst einer zu sein", kommentierte das Blatt erbost.

Derweil machten Trump-Anhänger und führende Republikaner Stimmung für ihren Präsidenten. Trumps Stabschef im Weißen Haus, Mick Mulvaney, verteidigte den Chef vehement. Was Trump über die Zustände in Baltimore sage, sei völlig gerechtfertigt. "Das hat überhaupt gar nichts mit dem Thema Rassismus zu tun", so Mulvaney.

Die Angriffe folgen einem Plan

Trump selbst wies den Rassismus-Vorwurf ebenfalls zurück: "Die Demokraten spielen immer die Rassismus-Karte, dabei haben sie selbst so wenig für unsere großartigen afroamerikanischen Menschen getan."

Trumps Angriffe dürften in dieser Woche weiter eine wichtige Rolle spielen: Am Dienstag und Mittwoch werden die Präsidentschaftsbewerber der Demokraten in Detroit zum zweiten großen TV-Duell antreten. Mit seinen Äußerungen zu Baltimore stellt Trump sicher, dass er dort so oder so ein wichtiges Thema setzt.

Wie schon bei seinen Angriffen gegen die vier Nachwuchspolitikerinnen der Demokraten kalkuliert Trump offensichtlich darauf, so seine Anhänger zu mobilisieren. Er hofft, dass seine scharfe Rhetorik bei vielen weißen, eher ungebildeten Wählern in wichtigen Staaten wie Pennsylvania, Michigan oder Wisconsin gut ankommt.

Wenn er diese drei Staaten - neben den üblichen Republikaner-Hochburgen im Süden - erneut gewinnt, wäre seine Wiederwahl 2020 gesichert. Im US-Wahlsystem zählt bekanntlich nicht, wer insgesamt die meisten Stimmen auf sich vereint. Es geht allein darum, möglichst viele Bundesstaaten zu gewinnen, um dann die Mehrheit im Wahlleute-Gremium zu haben, das den Präsidenten bestimmt.

Da können dann in Baltimore und Maryland noch so viele empörte Bürger gegen Trump stimmen. Das macht keinen Unterschied.  © SPIEGEL ONLINE