Die US-Demokraten rücken nach links, doch ihr aussichtsreichster Bewerber für den kommenden Präsidentschaftswahlkampf ist alt, weiß, konservativ und steht für eine vergangene Zeit. Bislang ist er damit erfolgreich. Doch am Ende könnte er über sich selbst stolpern - und über seine Freundschaft zum erfolgreichsten Demokraten der vergangenen zehn Jahre.

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Der Mann, der 2020 Amerika retten will, verrennt sich schon bei der Begrüßung. "Go easy on me, kid" ("Sei nett zu mir, Kleines"), sagt Joe Biden bei der zweiten Fernsehdebatte der Demokraten in Richtung seiner Mitbewerberin Kamala Harris.

Eine Frau von 54 Jahren, die Generalstaatsanwältin von Kalifornien ist und erste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden will, auf diese Weise zu begrüßen, ziemt sich nicht. Für einen Mann, der für die Demokraten Präsident werden will, können solche Worte toxisch sein.

Joe Biden steht für das Amerika, wie es früher einmal war; für eine Zeit, bevor berühmte Männer über #MeToo stolperten.

In einem Land, das gespalten ist wie nie zuvor, in einer Zeit, in der die globalen Unsicherheiten zunehmen, muss es nicht von Nachteil sein, mit der Vergangenheit Wahlkampf zu machen. Doch womöglich ist Joe Biden zu gestrig, um das höchste Amt im Staat zu bekleiden.

Das Stehauf-Männchen aus Delaware

Geboren in Scranton (Pennsylvania) und aufgewachsen in Claymont (Delaware), träumt Joe Biden schon lange davon, Präsident der USA zu werden. Zweimal hat er Wahlkampf gemacht, zweimal scheiterte er.

1988, bei seinem ersten Versuch, hatte er Teile seiner Reden beim britischen Labour-Politiker Neil Kinnock abgeschrieben und 20 Jahre später stand er abgeschlagen im Schatten von Hillary Clinton und Barack Obama. Kurz vor dem dritten Versuch starb sein Sohn Beau an einem Gehirntumor. 2016 war das. Statt ihm zog Donald Trump ins Weiße Haus ein.

Doch in der an alten, weißen Männern nicht armen amerikanischen Politik, ist Joe Biden die Konstante. Dass er zäh ist, hat er oft bewiesen – persönlich wie politisch.

Joe Biden: Kontakt zum "echten Amerika"

Biden ist 30 Jahre alt, als seine Frau Neilia, unterwegs mit den drei Kindern, mit einem Lastwagen kollidiert. Sie und die 13 Monate alte Tochter sterben, die Söhne Beau und Hunter kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Biden hat oft erzählt, dass ihn nach dem Tod von Frau und Tochter Selbstmordgedanken quälten und er daran dachte, seinen Senatssitz aufzugeben. Er entschied sich dagegen.

Noch heute rührt viele Amerikaner eine Aufnahme aus dem Winter 1973, die Biden als frischgewählten Senatoren bei seinem Amtseid zeigt - am Krankenbett seiner Söhne.

Um abends bei ihnen zu sein, steigt er täglich in die Bahn zwischen Wilmington in Delaware und Washington und vertritt die Leiden von Pendlern im Kongress. Wegen der Stunden im Amtrak, der Zugverbindung zwischen beiden Städten, habe er nie den Kontakt "zum echten Amerika" verloren, erzählt er heute.

Joe Biden steht für reaktionären Umgang mit Frauen

Für solche Geschichten lieben ihn die Amerikaner. Sie zeichnen das Bild eines Mannes, dem traditionelle Werte wie Verlässlichkeit, Familie und Zusammenhalt wichtig sind. Glaubwürdigkeit ist auch heute noch eine harte Währung, mit der sich Wählerstimmen kaufen lassen.

Biden ist ein Mann mit "Ecken und Kanten", er räumt Schwächen ein und lässt Nähe zu. Doch körperliche Nähe wird für ihn zunehmend zum Problem: Im Internet finden sich massenweise Videos, in denen Biden Frauen zu nahe kommt. Mal umarmt er sie, mal küsst er sie auf den Kopf, mal tätschelt er ihre Wangen.

In den Medien klagten im Frühjahr mehrere Frauen, sie seien von Biden belästigt worden. Immer wieder bringt Biden gegenüber Frauen den einen Spruch zu viel, so, als sei die #MeToo-Debatte völlig an ihm vorbei gegangen. Jedoch ist Joe Biden kein Sexist, er brüstet sich nicht mit Übergriffen, wie Donald Trump in dem mittlerweile berühmt gewordenen "Grab them by the pussy"-Mitschnitt aus dem Jahr 2005. Und er räumte sein Fehlverhalten in einem persönlichen Video ein.

Doch viele Funktionäre sträuben sich, einen Kandidaten aufzustellen, der für seinen reaktionären Umgang mit Frauen angreifbar ist. Der Vorwurf, Donald Trump sei ein Sexist, könnte dann auf die Demokraten zurückfallen.

Gemischte politische Bilanz

Mit dem ebenfalls populären Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders teilt er sich nicht nur das hohe Alter, sondern auch die größte Erfahrung im politischen Betrieb. Den jüngeren Amerikanern ist Biden als gut gelaunter Vizepräsident unter Barack Obama im Gedächtnis, die Älteren bewundern ihn als politisches Schwergewicht im Senat.

Dort gelang es Biden immer wieder, für wichtige Gesetzesvorhaben die Stimmen republikanischer Abgeordneter zu organisieren. Als Vorsitzender des Justizausschusses schränkte er die Waffenrechte ein, weitete die Rechte für Frauen aus und engagierte sich gegen Massenvernichtungswaffen.

Doch seine politische Bilanz ist gemischt. Gegner werfen ihm zum Beispiel vor, den Einmarsch in den Irak unterstützt, jahrelang die Todesstrafe befürwortet und an einem umstrittenen Gesetz der Clinton-Jahre mitgewirkt zu haben, das die Kriminalität bekämpfen sollte, aber vor allem dazu führte, dass heute die Gefängnisse voll sind.

Nähe zu Obama als mögliche Schwäche

Ausgerechnet Bidens größter Karrieresprung - die Vizepräsidentschaft - macht ihn zur Zielscheibe in der eigenen Partei. Seit Barack Obama nicht mehr Präsident ist, sind die Demokraten weit nach links gerückt. Statt das bislang letzte Staatsoberhaupt aus ihren Reihen zu feiern, arbeiten sich die Demokraten an Obama ab, weil es unter seiner Regierung Massenabschiebungen gegeben habe.

Zwar wurde Biden während seiner Zeit als Vizepräsident von vielen als Grüßaugust belächelt, doch heute muss er sich als engster Vertrauter für fast alle politischen Entscheidungen der Obama-Administration kritisieren lassen. Eine gute Antwort hat er darauf bislang nicht gefunden.

Junge Kandidaten drängen an die Macht, in der Partei tobt ein Kampf zwischen dem ökologischen und dem sozialpolitischen Flügel. Die mediale Deutungshoheit obliegt Politikern wie der jungen Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die unlängst einen "Green New Deal" vorlegte, der von den Medien gefeiert und von Experten zerlegt wurde.

Biden will das alte Amerika zurück

Indem sich Biden jeder Radikalität radikal entzieht und traditionelle Werte dem Schwenk nach links vorzieht, ist er als einziger ernstzunehmender Kandidat für eine breite Wählerschaft und enttäuschte Trump-Anhänger wählbar - also für all jene, für die das Amerika vor Donald Trump kein Schlechteres war.

In einer Grundsatzrede vor wenigen Wochen setzte der erfahrene Außenpolitiker Biden einen Kontrapunkt zur sprunghaften Außenpolitik des Amtsinhabers. Er versprach, unter seiner Präsidentschaft das Verhältnis zu den traditionellen Verbündeten zu reparieren, zum Pariser Klimaabkommen zurückzukehren und die amerikanische Glaubwürdigkeit in der Welt wiederherzustellen.

Dass sich Biden auch dafür rühmte, die Ausgaben für die NATO unter Obama erhöht zu haben, mag seinen demokratischen Mitbewerbern nicht gefallen; viele von ihnen würden beim Verteidigungshaushalt lieber den Rotstift ansetzen, um weitreichende sozialpolitische Forderungen durchzusetzen. Doch Biden beschreibt mit seinen Idealen den "third way", den dritten Weg, der eine Art Kompromiss zwischen linken Demokraten und rechten Republikanern markiert.

"Uncle Joe" ist die Nummer eins

"Uncle Joe" ist kein großer Redner, hat bislang keine Medienhypes ausgelöst und steht mit seiner langen Politikerkarriere eher für die Vergangenheit als für die Zukunft. Doch seiner Popularität tut das keinen Abbruch - bei den demokratischen Bewerbern ist Biden bislang die Nummer eins.

2020 ist für ihn die letzte Chance, sich seinen Traum von der Präsidentschaft zu erfüllen. Er wäre dann 78 Jahre alt. Und muss bis dahin beweisen, ob er aus der Zeit gefallen ist – oder für das Beste von früher steht.

Verwendete Quellen:

  • New York Times: "Why Joe Biden’s Age Worries Some Democratic Allies and Voters"
  • The New York Times Magazine: "Joe Biden Wants to Take America Back to a Time Before Trump"
  • The Atlantic: "Joe Biden Remembers When"
  • Wikipedia: "Political Positions of Joe Biden"
  • Observer: "Is Joe Biden Actually Moderate or Is He More Progressive Than We Think?"
  • The Washington Post: "The Poignant But Complicated Friendship of Joe Biden and Barack Obama"
  • Business Insider: "Joe Biden probably won’t stop making comments some people find sexist, but it won’t necessarily hurt his campaign"
  • The Washington Post: "Does Joe Biden have a woman problem?"

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