Joe Biden war jahrelang selbst Vizepräsident. Nun will er ins höchste Staatsamt der USA und braucht eine Mitstreiterin. Die Liste an möglichen Kandidatinnen ist lang - aber nur wenige dürften eine ernsthafte Chance haben.

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Eine Frau soll es werden, so viel steht fest. Die USA rätseln, wen sich Joe Biden im Wahlkampf gegen US-Präsident Donald Trump an seine Seite holt. Doch der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten hält sich bislang äußerst bedeckt, was die Benennung seiner möglichen Stellvertreterin angeht. In der ersten Augustwoche werde er eine Entscheidung treffen, sagte er am Dienstag. Wen Biden wählt, dürfte nicht nur Einfluss auf seine Wahlchancen haben. Die Entscheidung ist wegen Bidens hohen Alters von besonderer Bedeutung.

Joe Biden: Altersbedingt wohl nur eine Amtszeit

Bei Amtsantritt wäre Biden 78 Jahre alt. Es wird erwartet, dass er nur eine Amtszeit lang regieren würde, sollte er die Wahl am 3. November gewinnen. Seine Vize könnte eine Art "potenzielle Präsidentin in Wartestellung" werden, wie das das US-Magazin "The Atlantic" kürzlich schrieb.

Im Zuge der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt stieg der Druck auf Biden, eine nicht-weiße Kandidatin zu benennen. Auf wen die Wahl am Ende fällt, dürfte von mehreren Faktoren abhängen: Welche Verbindung haben Biden und Person X zueinander? Welche Gemeinsamkeiten können das Regieren erleichtern, welche Unterschiede die Chancen auf einen Wahlsieg erhöhen? Mit welchen Positionen trifft die Kandidatin den Nerv der Bevölkerung?

Kamala Harris

Sie hat nach Einschätzung mehrerer US-Medien die besten Chancen auf die Vizepräsidentschaftskandidatur. Die 55-Jährige wollte im November selbst gegen Trump antreten. Zu Beginn galt sie als chancenreiche Kandidaten, ihre Kampagne entpuppte sich aber als Enttäuschung. Harris ist die zweite schwarze Amerikanerin in der Geschichte, die in den US-Senat gewählt wurde. Sie vertritt dort Kalifornien. Ihre Beziehung zu Biden gilt als gut, auch wenn die beiden im Präsidentschaftsrennen einige Male aneinanderrasselten.

Zum Verhängnis wurde Harris im Wahlkampf ihre Vergangenheit als Staatsanwältin und Justizministerin. Harris präsentierte sich als Verfechterin eines gerechteren Strafjustizsystems - Kritiker warfen ihr mit Blick auf Entscheidungen während ihrer Amtszeiten das Gegenteil vor. So soll Harris in mehreren Fällen dafür gesorgt haben, dass Fehlurteile trotz eindeutiger Beweise in Kraft blieben. Die Vorwürfe konnte sie nicht entschieden aus der Welt schaffen.

Zuletzt sandte Harris klare Botschaften: In der Corona-Krise weist sie immer wieder darauf hin, dass Minderheiten wie Afroamerikaner stärker von der Corona-Krise betroffen sind. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz wirkte sie entscheidend an der Polizeireform der Demokraten im Kongress mit. Am Dienstag war ihr Name auf einem Notizzettel Bidens zu lesen - ein Hinweis?

Elizabeth Warren

Die Senatorin konkurrierte ebenfalls mit Biden um die Präsidentschaftskandidatur und hatte über längere Zeit in nationalen Umfragen weit vorne gelegen. Im März stieg die ehemalige Professorin der Harvard Law School aus dem Rennen aus und sagte Biden einen Monat später ihre Unterstützung zu. Die 71-Jährige aus Massachusetts vertritt anders als Biden eine klar linke Agenda. Den Kampf um mehr Gerechtigkeit im Land nannte sie bei der Beendigung ihrer Kampagne den "Kampf meines Lebens". Sie spricht sich für eine Reichensteuer und eine Krankenversicherung für alle aus.

Die klaren ideologischen Differenzen zwischen Biden und Warren könnten sich bei der Wahl auszahlen, um sich die Stimmen skeptischer junger Wähler des linken Flügels zu sichern. Gleichzeitig würde das Paar Gefahr laufen, moderate Wähler zu verprellen. Was zudem gegen Warren spricht: dass sie eine weiße Kandidatin ist und ebenfalls über 70. Es ist fraglich, ob Biden mit der Wahl Warrens das Zeichen setzen würde, das afroamerikanische Wähler von ihm erwarten, die ihm bei den Vorwahlen wichtige Stimmen geliefert haben. Zudem könnte es als Widerspruch zu seinem Anliegen wahrgenommen werden, strukturellen Rassismus überwinden zu wollen.

Tammy Duckworth

Der 52 Jahre alten Senatorin aus Illinois wurde Anfang Juli ein drastischer Vorwurf gemacht: Sie und andere ihrer Kollegen von den Demokraten hassten Amerika, sagte ein prominenter Fox-News-Moderator. Duckworth konterte auf Twitter: "Will Tucker Carlson eine Meile mit meinen Beinen laufen und mir dann sagen, ob ich Amerika liebe oder nicht?" Die Veteranin verlor 2004 im Irak-Krieg ihre Beine, als der Black-Hawk-Helikopter, dessen Co-Pilotin sie war, von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde. Ihre persönliche Geschichte könnte im Wahlkampf Gewicht haben, schreibt die "New York Times".

Duckworth setzt sich für Belange von Veteranen ein, ihr liegen die Themen Bildung und Gesundheitsfürsorge am Herzen. Sie war die erste Thai-Amerikanerin, die in den Kongress gewählt wurde, und die erste Senatorin, die im Amt ein Baby zur Welt brachte. Die "New York Times" und "Washington Post" verorten sie derzeit auf Platz drei hinter Warren.

Susan Rice

Rice hat in den Spekulationen um Bidens Entscheidung zuletzt verstärkt Beachtung bekommen. Die 55-jährige Afroamerikanerin ist eine langjährige politische Wegbegleiterin von Barack Obama. Während seiner Präsidentschaft war sie von 2009 bis 2013 US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, anschließend wurde sie Nationale Sicherheitsberaterin im Weißen Haus. Rice und Biden arbeiteten eng zusammen. Ihre Regierungserfahrung und Expertise in der Außenpolitik spricht zusätzlich für Rice als Vizepräsidentschaftskandidatin.

Ins Amt der Außenministerin schaffte sie es nicht: Sie gab ihre Ambitionen nach massiver Kritik von Republikanern auf. Die Opposition hatte ihr vorgeworfen, nach einem Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi die Öffentlichkeit zunächst falsch informiert und den Terrorakt heruntergespielt zu haben. Damals waren vier US-Bürger, darunter der Botschafter in Libyen, ums Leben gekommen.

Mit Blick auf ihre Chancen auf die Vizepräsidentschaftskandidatur wird angeführt, dass Rice sich nie einer Wahl gestellt und keinerlei Wahlkampferfahrung hat. In der Debatte um Rassismus und Polizeigewalt äußerte Rice die Sorge, dass der bedeutsame Moment "verschwendet" werden könnte. Es müsse mehr passieren, als die Flaggen der Konföderierten abzunehmen, umstrittene Denkmäler ins Museum zu stellen oder Football-Vereine umzubenennen, sagte sie der "Washington Post". Die Ergebnisse der Debatte müssten deshalb über Symbolik hinausgehen. "Wir brauchen systematische Reformen, um systematischem Rassismus zu begegnen", sagte sie - und äußerte ganz nebenbei auch Unterstützung für Bidens Wirtschafts- und Umweltprogramm.

Weitere Kandidatinnen

Die Liste ist mit Harris, Warren, Duckworth und Rice nicht erschöpft. Chancen werden auch der Bürgermeisterin von Atlanta zugesprochen: Keisha Lance Bottoms (50) wurde mit dem Coronavirus infiziert, nachdem sie scharfe Kritik an den Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen durch Georgias Gouverneur Brian Kemp geübt hatte. Eine klare Position bezog sie auch während der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, insbesondere nach dem Tod des Afroamerikaners Rayshard Brooks infolge eines Polizeieinsatzes.

Im Gespräch ist auch die Kongressabgeordnete Vam Demings aus Florida - dem mit Abstand größten der "Swing States", die für den Ausgang der Wahl als ausschlaggebend gelten, weil sie keiner Partei eindeutig zuzuordnen sind. Die 63-Jährige war die erste Frau an der Spitze der Polizeibehörde in Orlando. Viele sehen in ihrer Erfahrung in der Strafverfolgung einen Vorteil, andere äußern die Sorge, dass sie zu stark mit dem umstrittenen System verflochten ist. Demings war Teil des Anklage-Teams im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.

Als weitere Kandidatinnen sind die Gouverneurin des "Swing State" Michigan, Gretchen Whitmer, die Gouverneurin von New Mexico, MIichelle Lujan Grisham, und die Vorsitzende des Congressional Black Caucus - einer Vereinigung afroamerikanischer Abgeordneter - Karen Bass im Gespräch. Bidens Wahlkampfmanagerin Jen O'Malley Dillon schrieb am Mittwoch auf Twitter: "Ehrgeizige Frauen schreiben Geschichte, verändern die Welt und gewinnen." Wen auch immer Biden wähle, es werde eine solche Frau sein.

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(mss/dpa)

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