Donezk/Lugansk (dpa) Machtlos muss die Ukraine zusehen, wie sich nach dem Anschluss der Schwarzmeerhalbinsel Krim an Russland nun auch das Gebiet Donbass abspaltet. Die Separatisten könnten nach ihren Wahlen weitere Gebiete in der Ostukraine ins Visier nehmen.

Als endgültigen Bruch mit der Ukraine feiern die Separatisten die Wahlen ihrer "Republikchefs" im russisch geprägten Konfliktgebiet Donbass. Legitim seien sie jetzt, tönen die Führungen der vom Westen nicht anerkannten "Volksrepubliken" Donezk und Lugansk. Doch auch nach ihren Wahlsiegen beantworten die "Republikchefs" Alexander Sachartschenko in Donezk und Igor Plotnizki in Lugansk die Frage nicht, wie sich eine unabhängige Region Donbass finanzieren soll und wie sie Renten und Gehälter bezahlen wollen.

Durch den Krieg sind in dem Steinkohlebecken seit Monaten die meisten Schachtanlagen geschlossen. Tausende arbeitslose Bergarbeiter wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Nicht wenige haben sich den Aufständischen angeschlossen. Doch ein Ende der Krise ist auch nach der umstrittenen Wahl nicht in Sicht.

Während die prowestliche Zentralregierung in Kiew, aber auch die EU und die USA die Separatistenwahl als "Farce" brandmarken, vor Chaos und neuer Eskalation des blutigen Konflikts warnen, sieht zumindest Russland die Chance auf Frieden und Stabilität. Moskau fordert Kiew auf, den Willen der ostukrainischen Wähler zu akzeptieren und Sachartschenko und Plotnizki als vollwertige Verhandlungspartner zu akzeptieren. Damit wäre der Konflikt "eingefroren".

"Wir verlieren Donbass"

Nur Dialog könne helfen, die Krise zu lösen, meint der Außenpolitiker Andrej Klimow in Moskau. Er warnt die USA und die EU davor, Russland nun erneut mit Sanktionen zu bestrafen, weil es die Abstimmung in der Ostukraine anerkenne. "Brüssel und Washington geht es in Wahrheit nicht darum, die Lage des ukrainischen Volkes zu bessern, sondern Russlands Isolation zu verschärfen", schimpft er. Dabei erwarte Moskau nun, dass Kiew den Urnengang im Donbass anerkenne - so wie die russische Führung trotz viel Kritik zuletzt auch die ukrainischen Wahlen anerkannt habe.

Viele Ukrainer werfen der Führung um Poroschenko aber schon jetzt vor, tatenlos zuzusehen, wie sich ihre Problemregionen Lugansk und Donezk abspalten von dem krisengeschüttelten Land. Es wäre der zweite Verlust nach dem Anschluss der Krim an Russland im März. "Wir verlieren den Donbass", schreibt der ukrainische Philosoph Sergej Dazjuk. Poroschenko führe die Öffentlichkeit hinters Licht, meint er.

Allerdings hat auch der Präsident angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage in der Ex-Sowjetrepublik kaum Antworten auf die Frage, wie die Konfliktregion als Teil der Ukraine gehalten werden kann. Vielen Menschen in der Ostukraine fehlt das Vertrauen, dass die in die EU strebende Regierung das chronisch klamme Land tatsächlich aus der Krise führen kann.

Neues Aufflammen der Kämpfe?

Vor allem ukrainische Militärs sehen die Gefahr, dass Poroschenkos Friedensplan scheitert und die Kämpfe rasch wieder aufflammen. Immer wieder vermeldet der Sicherheitsrat in Kiew, dass Russland "Truppenkontingente" in die Gebiete der Separatisten verlege. Der Militärexperte Dmitri Tymtschuk will Hinweise auf 25.000 russische Söldner und Soldaten in mehreren Bataillonen haben, die sich auf einen Angriff vorbereiten würden. Beweise gibt es aber nicht dafür.

Eine offene militärische Intervention hatte Russland immer wieder ausgeschlossen. Das Land habe schon jetzt genug wirtschaftliche Probleme wegen der Ukrainekrise, der Sanktionen des Westens und der Milliardenkosten des Projekts Krim, meint der Politologe Dmitri Trenin vom Carnegie Center in Moskau. "Sich nun noch um ein paar Millionen Menschen in einer vom Krieg zerstörten Region mit einem nicht anerkannten Status zu kümmern, wird nicht leicht", sagt Trenin.

Die Separatisten dürften sich allerdings auch wegen der Anerkennung ihrer Wahlen durch Russland nun im Aufwind sehen und nach weiteren russisch geprägten Gebieten im Osten und Süden greifen. Das haben sie mehrfach angedroht und Mariupol oder sogar Odessa als Ziele genannt - alles klangvolle Namen der zu Zarenzeiten gegründeten Region Noworossija (Neurussland). Immer wieder haben die prorussischen Kräfte von Plänen für einen Staat Noworossija gesprochen.