Kurz vor der geplanten Waffenruhe in der Ostukraine haben sich prorussische Aufständische und Regierungstruppen im Kriegsgebiet erneut blutige Kämpfe geliefert. Die Rebellen und die ukrainische Regierung drohen sich vor Beginn der Waffenruhe in der kommenden Nacht gegenseitig. Zudem ist bislang nicht klar, ob die Feuerpause im gesamten Kriegsgebiet gelten wird: Ein Rebellenchef kündigte einen erbitterten Kampf um strategisch wichtige Stadt an.

Die ukrainische Armee hat gemeldet, dass bei den andauernden Kämpfen im Konfliktgebiet innerhalb von 24 Stunden 14 Menschen gestorben seien. Bei der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe nordöstlich von Donezk habe es in der Nacht intensive Gefechte gegeben, teilten beide Konfliktparteien mit.

Neue Kämpfe machen die Umsetzung der Feuerpause in der Ostukraine ungewiss. Die G7-Staaten drohen potenziellen Aggressoren vorab Konsequenzen an. Die USA erheben zudem neue Vorwürfe gegen Russland. Moskau wiederum wird in der UN aktiv.

Nach dem in der weißrussischen Hauptstadt Minsk getroffenen Abkommen sollen in der Ostukraine von 0.00 Uhr Ortszeit an diesem Sonntag an (23.00 Uhr MEZ) die Waffen schweigen. Beobachter vermuten, dass beide Seiten vor der Feuerpause noch Geländegewinne machen wollen.

Petro Poroschenko droht mit Kriegsrecht

Die prorussischen Separatisten im Donbass warnten die Militärführung in Kiew vor einem Bruch der geplanten Waffenruhe. Wenn die Vereinbarungen nicht eingehalten würden, werde weiter gekämpft, drohte Separatistenführer Eduard Bassurin. Der ukrainische Präsident Poroschenko hat im Gegenzug bei einem Scheitern der geplanten Waffenruhe erneut mit der Einführung des Kriegsrechts im ganzen Land gedroht.

"Wenn es keinen Frieden gibt, müssen wir die sehr schwere, aber notwendige Entscheidung treffen", bekräftigte Poroschenko am Samstag in Kiew der Agentur Interfax zufolge. Diesem Schritt müsste zunächst das Parlament zustimmen. Beobachter warnen vor einer Eskalation der Gewalt und einem möglichen Staatsbankrott, würde es dazu kommen.

Die Aufständischen in Donezk haben das Minsker Abkommen mittlerweile ratifiziert, teilte ihr Vertreter Denis Puschilin mit. Er rief die prowestliche Führung in Kiew zu einem neuen Treffen der Kontaktgruppe auf. An der Verhandlungsgruppe sind auch Russland und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beteiligt.

Der prorussische Separatistenführer Alexander Sachartschenko sagte in Donezk, er habe die Feuerpause angeordnet - mit Ausnahme des Verkehrsknotenpunktes Debalzewe. Dort sollen Tausende ukrainische Soldaten von den Aufständischen eingekreist sein, was die Führung in Kiew zurückweist. Sachartschenko sagte, er habe angewiesen, bei Debalzewe niemanden entkommen zu lassen.

Glaube an militärischen Sieg schwindet

Die USA warfen am Freitagabend Russland vor, Waffenlieferungen an die Separatisten zu planen. Russland habe an der Grenze Nachschub vorbereitet, hieß es aus Washington. Die Führung in Moskau weist solche Vorwürfe zurück. Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte in der "Bild" erneut Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Bundesregierung lehnt diesen Schritt ab. Einem Bericht der britischen Zeitung "Guardian" zufolge übergab Großbritannien unbewaffnete, gepanzerte Truppentransporter des Typs Saxon an Kiew.

Die Ko-Chefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, plädiert für schärfere EU-Sanktionen, falls Russland für eine Umsetzung der Minsker Vereinbarung in der Ostukraine "seinen Einfluss nicht geltend macht".

Aus Russland dürfe auch kein Nachschub für die Separatisten mehr kommen, sagte sie am Samstag im Deutschlandfunk. Die Europäer seien in der Pflicht, die Umsetzung des Friedensplans von Minsk zu überprüfen. Zu möglichen Sanktionen gegen Kiew, falls die ukrainische Regierung ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, äußerte sie sich nicht.

Ihre Gespräche in Kiew hätten ihr gezeigt, dass dort die Vorstellung eines militärischen Sieges schwinde. "Das war sicherlich vor einigen Wochen noch anders." Waffenlieferungen an Kiew lehnte Göring-Eckart ab: "Also ich glaube, dass man bei den Drohungen wirklich bei den ökonomischen bleiben sollte, weil man Putin damit treffen kann", sagte sie. "Ich glaube auch nicht, dass Putin militärisch zu treffen ist."

Der ukrainische Präsident Poroschenko ernannte den in Georgien wegen Amtsmissbrauchs mit Haftbefehl gesuchten Ex-Staatschef Michail Saakaschwili derweil zu seinem Sonderberater. Er solle sich um Waffenlieferungen an die Ukraine kümmern, sagte er Tass zufolge. Unter Saakaschwili als Präsident hatte Georgien in einem Krieg mit Russland die abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien verloren. Nach Ende seiner Amtszeit ging Saakaschwili ins Exil in die USA. (cai/dpa)