Wahlen in der Türkei: Proteste, Putsch und Terror - Die turbulente Vergangenheit des Landes

Am Sonntag wählt die Türkei einen neuen Präsidenten und das Parlament. Damit wird auch die Verfassungsreform abgeschlossen. An einem mangelte es dem Land, das einst als Anker im unruhigen Nahen Osten galt, in den verfangenen fünf Jahren: an Stabilität. Ein Rückblick. (thp/dpa)

2013: Im Mai beginnen die Gezi-Proteste, die sich bald fast auf das ganze Land ausdehnen. Der damalige Ministerpräsident und heutige Staatschef Recep Tayyip Erdogan sieht sich wegen seines zunehmend autoritären Führungsstils mit Forderungen konfrontiert, dass er abdanken soll.
Erdogan reagiert mit Härte. Die Polizei versucht, die Proteste niederzuknüppeln, die dennoch bis in den August hinein andauern.
Schon 2010 verändert sich Erdogans Verhältnis zu seinem früheren Verbündeten Fethullah Gülen. 2013 kommt der Bruch, der Prediger flieht in die USA. Korruptionsermittlungen gegen Mitglieder der Regierung und Menschen aus Erdogans Umkreis führen im Dezember zum Rücktritt mehrerer Minister. Erdogan vermutet dahinter die Gülen-Bewegung, die nach seiner Überzeugung das Ziel verfolgt, ihn zu stürzen.
2014: Erdogan kann nach den Statuten seiner AKP nicht ein weiteres Mal als Ministerpräsident antreten. Er kandidiert stattdessen als Staatspräsident und wird im August im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt.
Erdogans Ziel ist der Umbau der Türkei von einem parlamentarischen hin zu einem Präsidialsystem, bei dem der Präsident zugleich Regierungschef ist und deutlich mehr Macht hat. Die Opposition warnt vor einer Ein-Mann-Herrschaft.
2015: Bei der Parlamentswahl im Juni verliert die AKP die absolute Mehrheit. Nach dem Scheitern der Versuche, eine Koalition zu bilden, ruft Erdogan für November Neuwahlen aus.
Im Juli erschüttert ein Anschlag ein kurdisches Kulturzentrum in Suruc. Daraufhin werden zwei Polizisten getötet. Die PKK übernimmt zunächst die Verantwortung, zieht ihr Bekenntnis aber wieder zurück. Erdogan erklärt den Friedensprozess mit der PKK für beendet, der Kurdenkonflikt eskaliert erneut. In manchen mehrheitlich kurdischen Städten in der Südosttürkei kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Im Oktober 2015 kommen bei einem Anschlag auf eine pro-kurdische Friedensdemonstration in Ankara mehr als 100 Menschen ums Leben. Sowohl dieser Anschlag als auch der in Suruc werden der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugeschrieben.
Bei der Neuwahl des Parlaments im November gewinnt die AKP wieder die absolute Mehrheit. Im selben Monat schießt die Türkei einen russischen Kampfjet ab, eine monatelange Krise mit Moskau ist die Folge.
2016 eskaliert der Terror in der Türkei: Im Januar sterben bei einem Anschlag auf eine Touristengruppe in Istanbul zwölf Deutsche. Für diesen und weitere Angriffe wird der IS verantwortlich gemacht. Der schwerste gilt dem Istanbuler Flughafen Atatürk im Juni. Außerdem verübt die PKK-Splittergruppe TAK schwere Anschläge in Istanbul und Ankara.
Im Juni löst die Völkermord-Resolution des Bundestags eine Krise zwischen Berlin und Ankara aus, die bis ins Folgejahr hinein eskaliert. Am 15. Juli kommt es zu einem Putschversuch in der Türkei, den Erdogan der Gülen-Bewegung zuschreibt. Der Versuch, den Präsidenten gewaltsam zu stürzen, scheitert.
Erdogan ruft den Ausnahmezustand aus. Rund 100.000 Menschen werden in der Folge vom Staatsdienst suspendiert, weitere 50.000 Personen inhaftiert. Kritische Medien werden geschlossen.
Im Februar 2017 wird der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel festgenommen. Er bleibt ein Jahr hinter Gittern. Es folgen weitere Festnahmen deutscher Staatsbürger. Deutschland verschärft die Reisehinweise für die Türkei. Im Mai beschließt die Bundesregierung, die deutschen Soldaten von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik abzuziehen.
In Folge des Putschversuchs treibt Erdogan die Einführung eines Präsidialsystems voran. Im Wahlkampf vor dem Verfassungsreferendum im April überziehen Erdogan und Mitglieder seiner Regierung Deutschland mit Nazi-Vergleichen.
Beim Referendum stimmt eine knappe Mehrheit für die Verfassungsreform. Die Opposition spricht von Wahlbetrug. Mit der Reform wird die Regelung gekippt, dass der Präsident keiner Partei angehören darf. Im Mai 2017 wird Erdogan wieder zum AKP-Chef gewählt.
Im Januar 2018 marschieren türkische Bodentruppen in der nordsyrischen Region Afrin ein, um die Kurdenmiliz YPG zu vertreiben, die Ankara als Ableger der PKK einstuft. Kritiker vermuten dahinter ein Wahlkampfmanöver.
Im April zieht Erdogan die für November 2019 geplanten Wahlen um fast eineinhalb Jahre vor. Im Frühjahr verliert die türkische Lira dramatisch an Wert, was Erdogan unter Druck setzt. Am 24. Juni werden das Parlament und der Präsident gewählt - und die Verfassungsreform abgeschlossen.