Im Syrienkrieg deutet sich eine Wende an. Der Gewinner ist Präsident Baschar al-Assad. Denn aus Angst vor einer türkischen Offensive hat die Kurdenmiliz YPG jetzt dessen Truppen um Hilfe gebeten. Zum ersten Mal seit sechs Jahren haben Soldaten der Regierung wieder einen Fuß in die umkämpfte Stadt Manbidsch gesetzt.

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Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Syrien haben die Regierung von Staatschef Baschar al-Assad um Beistand bei der erwarteten türkischen Militäroffensive gebeten.

Die YPG rief die Regierung in Damaskus am Freitag auf, Truppen in die von ihnen kontrollierten Gebiete im Norden Syriens zu verlegen. "Wir laden die syrischen Regierungstruppen ein, die Kontrolle über die Gebiete zu übernehmen, die wir ihnen entzogen haben, insbesondere von Manbidsch, und diese Gebiete gegen eine türkische Invasion zu verteidigen", hieß es in einer Erklärung.

Die Reaktion folgte prompt. Wie ein Armeesprecher im Staatsfernsehen mitteilte, ist die syrische Armee in Manbidsch einmarschiert. Die syrische Nationalflagge sei gehisst worden.

Es ist das erste Mal seit sechs Jahren, dass sich syrische Streitkräfte in der 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernten Stadt befinden.

Nato-Partner gegen Nato-Partner

Die YPG hatte Manbidsch, das seit Januar 2014 von der IS-Miliz kontrolliert worden war, im August 2016 nach monatelangen Gefechten erobert. Die internationale Anti-IS-Koalition unter Führung der USA hatte die Offensive mit Luftangriffen, Spezialkräften und Waffen unterstützt - ungeachtet der Proteste der Türkei.

Nun, da Donald Trump in der vergangenen Woche den Abzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt hat, rechnet die YPG mit dem baldigen Beginn einer türkischen Militäroffensive.

Die Präsenz der Kurden westlich des Euphrat im Norden Syriens ist der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie betrachtet die YPG als Terrororganisation, weil sie enge Verbindungen zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterhält, die seit 1984 gegen den türkischen Staat kämpft. Erdogan befürchtet, PKK-Mitglieder könnten im YPG-Gebiet nahe der türkischen Grenze Unterschlupf finden.

Aus anderen Teilen Nordsyriens, etwa aus Dscharablus, Asas und Al-Bab, hat die Türkei die YPG bereits vertrieben. Nicht aber aus Manbidsch. Da in Manbidsch US-Soldaten stationiert sind, drohte im Fall eines türkischen Angriffs eine direkte Konfrontation der Nato-Partner.

Regierungstruppen kontrollieren wichtigste Städte

Um den Konflikt zu entschärfen, waren Verhandlungen aufgenommen worden. Bei einem Treffen im Juni hatten der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu und sein US-Kollege Mike Pompeo einen Fahrplan zum Abzug der YPG-Kämpfer aus Manbidsch vereinbart.

Demnach sollte die Kurdenmiliz die Kontrolle über die mehrheitlich arabische Stadt an eine örtliche Verwaltung abgeben. Auch sollten die YPG-Kämpfer laut Cavusoglu die Waffen zurückgeben, die sie von den USA für den Kampf gegen die IS-Miliz erhalten hatten. Die Vereinbarung wurde aber nur schleppend umgesetzt.

Durch die Zusammenarbeit der YPG mit den Regierungstruppen in Manbidsch verschieben sich die Kräfte in Syrien weiter zugunsten Baschar al-Assads. Seine Anhänger haben fast den gesamten westlichen Teil des Landes in ihrer Gewalt, von Aleppo im Norden über das Zentrum um die Hauptstadt Damaskus bis zur Stadt Daraa im Süden, wo der Aufstand im Frühjahr 2011 begonnen hatte.

Regierungstreue Kräfte beherrschen damit den größten Teil der verbliebenen Einwohner und die wichtigsten Städte. Dabei stützt sich Assad nicht nur auf die regulären Streitkräfte, sondern auch auf Verbündete. Dazu gehören örtliche Milizen, die oft von Kriegsherren kommandiert werden, sowie vom Iran unterstützte ausländische Schiitenmilizen wie die Hisbollah aus dem Libanon. Russlands Streitkräfte unterstützen Assad mit Luftangriffen. (mcf/afp/dpa)

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