Der Fall Nawalny zeigt immer mehr Elemente eines Polit-Thrillers. Nach "Spiegel"-Informationen besuchte Bundeskanzlerin Merkel den russischen Oppositionspolitiker heimlich an seinem Krankenbett in der Berliner Charité.

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Mit einer ungewöhnlichen Geste hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Solidarität der Bundesregierung mit Alexey Nawalny unterstrichen. Nach "Spiegel"-Informationen besuchte die Kanzlerin den russischen Oppositionspolitiker in einer streng geheimen Aktion am Krankenbett in der Berliner Charité. Dort wurde Nawalny nach dem Versuch behandelt, ihn mit dem Nervengift Nowitschok zu töten.

Der Geheim-Besuch bei Nawalny ist ein weiteres Zeichen, wie sehr sich die Kanzlerin für Nawalny einsetzt und nicht bereit ist, den Fall auf sich beruhen zu lassen. Dass die Bundeskanzlerin den Oppositionspolitiker selbst aufgesucht hat, dürfte ein Fingerzeig für die russische Regierung sein, dass Berlin in dem Fall nicht nachgeben und die wahren Hintergründe herausfinden will.

Russland streitet alles ab

Bisher streitet Moskau jegliche Beteiligung an dem Mordversuch Ende August ab. Stattdessen streuen staatstreue Medien aber auch die Sprecher von Ministerien immer neue Theorien über den Angriff auf Nawalny. Die teils obskuren Hinweise gehen so weit, dass Nawalny nicht auf russischem Boden sondern erst in Deutschland vergiftet wurde. Präsident Wladimir Putin beteiligte sich persönlich an solchen Spekulationen.

Merkel hatte sich bereits kurz nach den ersten Berichten über den Angriff auf Nawalny auf seiner Wahlkampfreise in Sibirien persönlich dafür eingesetzt, dass der Oppositionspolitiker zur medizinischen Behandlung nach Deutschland ausgeflogen werden kann. Nawalny war auf einem Inlandsflug nach Moskau zusammengebrochen. Nur die Notlandung des Jets in der Stadt Omsk rettete ihm das Leben.

Nach tagelangen Verhandlungen wurde Nawalny schließlich im Koma mit einem Spezial-Jet aus der Klinik in Omsk nach Deutschland gebracht. Mittlerweile geht es ihm wesentlich besser, er konnte die Charité vergangene Woche sogar verlassen, wird aber weiter medizinisch betreut.

Spätfolgen der Vergiftung möglich

Allerdings wissen die Ärzte noch nicht, ob er von dem Gift-Anschlag Spätfolgen davontragen wird. Schon nach seiner Ankunft in Berlin ließ Merkel sich täglich über den Zustand Nawalnys und die Fortschritte der Ärzte unterrichten.

Politisch ist der Fall hochbrisant. Zunächst hatte ein Speziallabor der Bundeswehr anhand von Blut- und Urinproben festgestellt, dass Nawalny mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde, die Bundesregierung sprach damals in erstaunlicher Deutlichkeit von einem "zweifelsfreien" Nachweis.

Das Kanzleramt hatte zudem parallel Speziallabore in Frankreich und Schweden gebeten, die Proben von Nawalny ebenfalls auf Spuren von Nowitschok zu untersuchen. Beide kamen zu dem gleichen Ergebnis wie die Experten der Bundeswehr. Mit der Weitergabe an andere Labore wollte Berlin vermeiden, dass man in dem brisanten Fall alleine dasteht.

Für die Bundesregierung ist allein die Verwendung des weltweit geächteten Nervengifts ein klarer Hinweis darauf, dass staatliche russische Stellen hinter dem Mord-Komplott stecken. Da das Gift sehr schwierig herzustellen und anzuwenden ist, scheiden aus Sicht von Experten mögliche Täter aus dem kriminellen Milieu aus. Hinzu kommt, dass Nawalny während seines Aufenthalts in Tomsk nahezu lückenlos durch den russischen Inlandsgeheimdienst FSB überwacht wurde.

Putin beteiligt sich an wirren Spekulationen

Der russische Präsident indes beteiligte sich selbst an ziemlich wirren Spekulationen über den Ablauf der Tat. Bei einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron soll Putin sogar eine mögliche Selbstvergiftung ins Spiel gebracht haben. Laut einem Bericht von "Le Monde" sagte Putin zu Macron, Nawalny könnte sich das Nervengift Nowitschok auch selbst verabreicht haben.

Die russische Botschaft in Berlin teilte nach dem Gespräch von Putin und Macron vor gut zwei Wochen nur mit, Putin habe die deutschen Vorwürfe gegen seine Regierung kategorisch zurückgewiesen. "Wladimir Putin wies darauf hin, dass in diesem Kontext vorgebrachte, haltlose, jeglicher Grundlage entbehrende Vorwürfe gegen die russische Seite fehl am Platz sind", hieß es auf der Webseite der Botschaft. 

Ursprünglich wollte die EU beim Treffen der Staats- und Regierungschefs über mögliche Strafaktionen gegen Russland beraten, der für Ende vergangener Woche geplante Mini-Gipfel wurde aber spontan abgesagt, da sich der EU-Ratspräsident Charles Michel wegen Corona-Verdachts in Quarantäne begeben musste.

OPCW beendet Untersuchung in dieser Woche

Diese Woche könnte jedoch entscheidend für das weitere Vorgehen der EU und auch der USA werden. So hatte Berlin die Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW) eingeschaltet und die Experten dort ebenfalls mit Proben versorgt.

Die Ergebnisse der OPCW-Untersuchung werden nun für diese Woche erwartet. US-Außenminister Mike Pompeo hatte bereits angekündigt, dass die USA bei einer Bestätigung der OPCW ebenfalls Strafmaßnahmen gegen Russland verhängen wollen.

Deutschland setzt in dem Fall auf eine konzertierte Aktion der EU. In der Vergangenheit, beispielsweise bei der Vergiftung des russischen Doppelagenten Skripal, hatte man in einer Strafaktion russische Diplomaten ausgewiesen. In Deutschland wird wegen des Falls Nawalny mittlerweile ein Stopp für das Pipeline-Projekt "Nord Stream 2" diskutiert.  © DER SPIEGEL

Nowitschok in der Wasserflasche: Nawalny-Team sichert Beweis im Hotel in Tomsk

Die Vergiftung des mittlerweile aus dem künstlichen Koma zurückgeholten Kremlkritikers Andrej Nawalny soll schon während dessen Aufenthalts in Tomsk in dessen Hotelzimmer stattgefunden haben. Nawalnys Mitarbeiter sicherten Beweismittel und veröffentlichten ein entsprechendes Video. (Teaserbild: Celestino Arce Lavin/picture alliance/ZUMA Wire)