Selenskyjs Besuch in Deutschland schreibt ein neues Kapitel in der Freundschaft zwischen Deutschland und der Ukraine – besonders nach der Ankündigung eines neuen Waffenpakets. Bei der Verleihung des Karlspreises in Aachen findet der ukrainische Präsident dankende Worte an "das starke Deutschland".
Wochenlang wurde gerätselt, ob der ukrainische
In Rom hat der ukrainische Präsident Papst Franziskus und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni getroffen. Anschließend also erstmal Berlin, bevor es dann weiter nach Aachen geht. Vor einer Woche hatte eine Indiskretion der Berliner Polizei über Planungsdetails den Besuch zwischenzeitlich infrage gestellt. Jetzt steht endgültig fest, dass er unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet: Weitgehend abgesperrtes Regierungsviertel, Scharfschützen, versiegelte Gullideckel – Sicherheitsstufe eins, die nur bei Besuchen von extrem hoch gefährdeten Staatsgästen gilt, wie zuletzt dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.
Willkommenspaket im Wert von 2,7 Milliarden Euro
Auf dem Weg über die Alpen nach Berlin wird Selenskyj zeitweise von zwei Eurofighter-Kampfjets eskortiert. Um 00.24 Uhr landet er sicher auf dem militärischen Teil des Flughafens BER in Schönefeld bei Berlin. "Schon in Berlin. Waffen. Starkes Paket. Flugabwehr. Wiederaufbau. EU. Nato. Sicherheit", twittert er kurz danach. Mit dem starken Paket ist ein Willkommensgruß gemeint, den die Bundesregierung dem Präsidenten bereits am Samstag vorab geschickt hat: ein neues Waffenpaket im Wert von 2,7 Milliarden Euro mit weiteren Kampf- und Schützenpanzern, Flugabwehrsystemen, Aufklärungsdrohnen und Munition.
Ein Besuch des Präsidenten in Deutschland lohnt sich nur, wenn Deutschland was zu bieten hat, war von ukrainischer Seite immer wieder kolportiert worden. Mit dem Paket ist die Bundesregierung dieser Erwartung gerecht geworden. "Das ist eine sehr wichtige und starke Hilfe, vielen Dank, Olaf, dafür", sagt Selenskyj, als er am Sonntagmittag im Kanzleramt neben Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht. Zuvor hatte er kurz bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorbeigeschaut, dann Empfang mit militärischen Ehren vor dem Kanzleramt, Gespräch mit Scholz, Pressekonferenz.
Sweatshirt und Cargohose neben Anzug und Krawatte
Selenskyj trägt Sweatshirt und Militärhose,
In den ersten Monaten nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine war das noch ganz anders. Unvergessen ist die Videobotschaft Selenskyjs im Bundestag wenige Wochen nach Kriegsbeginn, als der Präsident den Kanzler um mehr militärische Unterstützung anflehte. "Lieber Herr Bundeskanzler Scholz, reißen Sie diese Mauer nieder. Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die Deutschland verdient."
Scholz war für Selenskyj lange der Buhmann – bis zur Panzer-Wende
Noch im Februar dieses Jahres beschwerte sich Selenskyj in einem "Spiegel"-Interview über den Kanzler, obwohl Deutschland zu diesem Zeitpunkt bei der militärischen Hilfe schon vorne dabei war: "Ich muss Druck machen, der Ukraine zu helfen, und ihn ständig überzeugen, dass diese Hilfe nicht für uns ist, sondern für die Europäer", sagte der ukrainische Präsident.
Wenige Tage später änderte die Zusage deutscher Leopard-2-Kampfpanzer aber so einiges. Deutschland schmiedete eine internationale Panzer-Allianz zur Unterstützung der Ukraine und brachte sogar die USA dazu, ihre Abrams-Panzer zu versprechen. Das neue milliardenschwere Waffenpaket tut nun sein Übriges dazu, dass Scholz für die Ukraine längst nicht mehr der Buhmann ist, was militärische Hilfe angeht. Der Deutschland-Besuch des Präsidenten markiert eine Wende im deutsch-ukrainischen Verhältnis. Und Scholz ist nicht mehr der Herr Bundeskanzler, sondern der Olaf für Selenskyj.
Differenzen bei Kampfjets
So ganz auf einer Wellenlänge sind die beiden aber dann doch noch nicht. Selenskyj bat Deutschland auf der Pressekonferenz, eine Koalition mit anderen Partnern zur Lieferung moderner Kampfjets zu bilden. Russland habe derzeit ein Übergewicht im Luftraum, sagte er zur Begründung. Scholz machte deutlich, dass er derzeit keine Waffen neuer Qualität bereitstellen wolle. Er verwies auf die deutsche Unterstützung der Ukraine bei der Luftverteidigung. "Das ist das, worauf wir uns als Deutsche jetzt konzentrieren."
Die Antwort dürfte Selenskyj nicht gefallen. Aber Druck will er an diesem Sonntag nicht auf Scholz ausüben. Auf die Frage einer ukrainischen Journalistin, ob die deutsche Militärhilfe denn ausreiche, scherzt er: "Noch einige Besuche, und dann ist es ausreichend."
Scholz: "Die Ukraine ist Teil unserer europäischen Familie"
Am Nachmittag fliegen Scholz und Selenskyj gemeinsam nach Aachen - zum eigentlichen Anlass des Besuchs. Der internationale Karlspreis, der wichtigste Preis für Verdienste um die europäische Einigung, wurde schon im Dezember Selenskyj und dem ukrainischen Volk zugesprochen. Die Ukraine und ihr Präsident verteidigten derzeit nicht nur sich selbst, sondern "Europa und die europäischen Werte", hieß es in der Begründung.
Im voll besetzten Krönungssaal des Aachener Rathauses werden Scholz und Selenskyj mit stehendem Applaus empfangen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist gekommen, auch der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki.
Bei der Preisverleihung geht es um etwas, das der Ukraine neben der militärischen Unterstützung besonders wichtig ist: Das Land drängt in die Nato und vor allem in die Europäischen Union. Erstes wird von den Verbündeten - auch von Scholz - skeptisch gesehen. Mit der EU-Perspektive verhält es sich anders. "Die Ukraine ist Teil unserer europäischen Familie", sagt Scholz. Und auf Ukrainisch fügt er hinzu: "Die Ukraine ist hier und die Ukraine ist Europa."
Selenskyjs Dank an "das starke Deutschland"
Selenskyj lässt es sich nicht nehmen, in seiner Dankesrede für den Preis auch noch einmal seinem Gastgeber Scholz ausdrücklich zu danken - und nicht zu knapp: "Lieber Olaf, ich wende mich jetzt persönlich an Dich. Und über Dich wende ich mich an euren gesamten Staat, an das starke Deutschland", sagt er. Den Kanzler nennt er einen "Verteidiger Europas". Dank der "starken deutschen Leoparden" und "mächtigen Marder" aus Deutschland seien die ukrainischen Soldaten nun viel besser ausgestattet. Donnernder Applaus ist ihm gewiss.

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