Computerstimmen warnen vor Bomben: Seit 13 Tagen gehen in russischen Städten Drohanrufe ein, Hunderte Gebäude wurden geräumt, Hunderttausende Menschen evakuiert. Wer steckt dahinter? Es kursieren fünf Theorien.

Zuletzt traf es den Kursker Bahnhof in Moskau: Mehr als 1500 Menschen mussten am späten Freitagabend nach einer Bombendrohung in Sicherheit gebracht werden.

Davor traf es das Internet-Unternehmen Yandex, das Präsident Wladimir Putin kurz zuvor besucht hatte, die Studios der bekanntesten Filmgesellschaft Russlands, Mosfilm, das Puschkin-Museum, Metro-Stationen und Einkaufszentren.

Kreml spricht von "Telefonterror"

Seit knapp zwei Wochen erleben die Russen eine Welle von Bombendrohungen und Massenevakuierungen. Anonyme Anrufer, Computerstimmen, warnen vor Sprengsätzen, die es nicht gibt.

So fühlen sich Südkoreaner angesichts der Nordkorea-Krise.


Es begann am 10. September im Osten des Landes: In Wladiwostok am Pazifik, auf der Insel Sachalin und in Magadan gingen die ersten Drohanrufe ein. Dann traf es Omsk in Sibirien: Im Rathaus, bei Behörden, Schulen, Kinos und Hotels der 1,2-Millionen-Einwohnerstadt gab es Drohungen.

Danach waren unter anderem Perm und Jekaterinburg dran - und schließlich die beiden größten Städte des Landes, Sankt Petersburg und Moskau. Bahnhöfe wurden geschlossen, selbst der Rote Platz vor dem Kreml musste evakuiert werden.

Die Menschen reagieren bisher ruhig auf die Drohungen, Panik ist nicht ausgebrochen.

Russische Medien wie RBK rechnen vor, dass allein in den ersten neun Tagen mehr als 30 Städte betroffen waren, in denen mehr als 220.000 Menschen evakuiert wurden. Es sollen Kosten von umgerechnet rund 4,3 Millionen Euro angefallen sein.

Von "Telefonterror" spricht der Sprecher des russischen Präsidenten, Dimitrij Peskow. Wladimir Putin sei informiert, die Geheimdienste ermittelten. Angeblich sollen Anrufer festgenommen worden sein - aber die Drohungen hören nicht auf.

Fünf Theorien - aber keine Beweise

Je länger die Anrufe andauern, desto größer wird die Gefahr, dass Behörden und Menschen nachlässiger werden könnten, weil sie annehmen, es passiere eh nichts. Was also steckt hinter diesen Bombendrohungen?

Russland rätselt. Inzwischen kursieren fünf Theorien:

  • Zunächst hieß es, die Drohanrufe seien Teil einer Art Zivilschutzübung, organisiert von Sicherheitskräften. Putin hatte erst im Juni verlangt, dass der Zivilschutz in Russland gestärkt werden müsse.
    Oleg Ostrowskij, Assistent des Generalinspekteurs im russischen Verteidigungsministerium, wurde von einer Permer Lokalzeitung mit den Worten zitiert: "Zum ersten Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion wird in Russland eine breit angelegte Anti-Terror-Übung durchgeführt."
    Der Text ist allerdings inzwischen offline, man habe die Informationen nicht bestätigen können, heißt es in der Redaktion. Allerdings schrieb auch die "Komsomolskaja Prawda" in Tscheljabinsk über eine Übung.
  • Dann meldeten russische Medien, die Anrufe kämen aus der Ukraine, von ukrainischen Nationalisten. In Kiew, wo es seit der Krim-Annexion und dem Krieg im Donbass ebenfalls Bombendrohungen gibt, beschuldigt man dafür wiederum Moskau oder russischtreue Separatisten. Ein auf beiden Seiten inzwischen eingeübtes Propaganda-Ritual.
  • Einen Tag später berichtete die Nachrichtenagentur RIA mit Verweis auf eine Quelle aus Sicherheitskreisen, für die Bombendrohungen sei die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) verantwortlich.
    Allerdings bezweifeln viele russische Kommentatoren diese Theorie: Warum sollten IS-Anhänger tagelang russische Städte aufschrecken, wenn die Miliz sonst Anschläge ohne Vorwarnung verübt, wie zuletzt wohl im westsibirischen Surgut, als ein Attentäter "Allahu akbar" rief und mit einem Messer Menschen verletzte.
  • In dieser Woche hieß es dann, hinter den Anrufen könnten möglicherweise ultra-orthodoxe Christen stecken. Alexander Kalinin, Anführer der extremistischen Organisation "Christlicher Staat - Heiliges Russland", sagte "Meduza", die Bombendrohungen könnten mit den Protesten gegen den Film "Matilda" zusammenhängen.
    Kalinin wurde nach Brandanschlägen und Drohungen gegen den Regisseur Alexej Utschitel, dessen Anwälte und Kinoverleiher gemeinsam mit anderen Aktivisten verhaftet. Gegen ihn wurde nach Angaben des Innenministeriums ein Strafverfahren eingeleitet. Der Film zeigt die historisch verbürgte Liebesaffäre von Zar Nikolaus II. mit einer polnischen Ballerina.
    Für die Ultrareligiösen ist das Blasphemie, Nikolaus II. wurde von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen.
  • Schließlich berichtete nun RBK mit Bezug auf nicht näher genannte Quellen aus dem Innenministerium, für die Anrufe sei eine Gruppe internationaler Hacker in Brüssel verantwortlich, die von Russlands Regierung Geld erpressen wolle.

Klar scheint bisher nur, dass die Anrufe nicht mit üblichen Telefonen, sondern über virtuelle Voice-IP-Nummern getätigt werden. Die Bombendrohungen sind damit nach Einschätzung von IT-Experten leicht zu organisieren und eigentlich auch nachverfolgbar.

Die Behörden aber - wie auch weitgehend die staatlichen TV-Sender - schweigen bisher. Die Spekulationen und Gerüchte über die Bombendrohungen werden dadurch nur noch mehr befeuert.

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