Wochenlang stand Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik unter Beschuss – auch innerhalb der CDU. Auf dem Parteitag stellen sich die Christdemokraten aber demonstrativ hinter ihre Kanzlerin. So kommentiert die Presse die Ereignisse von Karlsruhe am Montag.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "In Bayern würde man das eine 'Mia-san-mia'-Rede nennen: selbst- und geschichtsbewusst, kämpferisch, untergehakt. Merkel zog alle (...) Register der politischen Rhetorik, um der Partei Zuversicht zu geben. Ihr Tenor dabei: Leicht war es nie, aber wir schafften es immer. (...) Den Befürchtungen, die Masseneinwanderung werde die Republik zu ihrem Nachteil verändern, hält sie ein helles Zukunftsbild entgegen: Deutschland solle in 25 Jahren 'offen, neugierig, tolerant und spannend' sein, 'mit einer starken eigenen Identität'. Mit solchen Sätzen fängt sie alle Flügel der Partei ein – und noch eine Menge Wähler links von ihr. Die Flüchtlingskrise selbst bewältigt Merkel damit nicht. In Karlsruhe ging es freilich auch nur um die aktuell zweitgrößte Herausforderung für sie: unbeschädigt den Parteitag zu überstehen."

"Hart aber fair" sollte Jahresrückblick werden, doch es gab nur ein Thema.

Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Merkel kann die neun Minuten Applaus als Bestätigung ihres bisherigen Kurses werten. Die Machtfrage ist geklärt. Vorerst. In den kommenden Wochen wird die Kanzlerin keine weiteren Angriffe fürchten müssen. Wenn im kommenden Jahr die Zahl der Flüchtlinge aber nicht sinkt, dann wird der Streit von vorne losgehen."

Nürnberger Zeitung: "Zum wiederholten Mal hat Angela Merkel Standfähigkeit bewiesen und die Zähigkeit, von ihr als richtig und notwendig erkannte Antworten auf politische Fragen auch durchzusetzen. Parteiinterne wie -externe Kritiker machte Merkel auf diese Weise zu Kleingeistern. Die Lösung der Flüchtlingsproblematik gelingt nicht bei Renationalisierung und Ausgrenzung, sondern europa- und weltweit nur durch die Kooperation freier und demokratischer Gesellschaften."

Berliner Morgenpost: "Nach dieser Rede, nach diesem Vertrauensbeweis von Karlsruhe kann man sich nicht vorstellen, dass Angela Merkel schon 2017 aufhört. Sie muss schon wegen der Flüchtlingskrise weitermachen. Wenn sie Erfolg hat, wie Adenauer mit dem Wiederaufbau, wie Erhard mit der sozialen Marktwirtschaft, wie Kohl mit der Einheit, bleibt die CDU die bestimmende Kraft. Dann wird auch das 'C' revitalisiert, das christliche Bekenntnis. Merkel hat selber an ihre Amtsvorgänger erinnert. Es war eine Rede über die Kraft der Autosuggestion, über sich erfüllende Prophezeiungen. Der Satz 'Wir schaffen das' gehört dazu. Es war clever, die CDU an ihre Erfolgskanzler zu erinnern. Auf diese Weise hat Merkel ihre Partei bei der Ehre gepackt."

Mannheimer Morgen: "Ihre Partei hat Angela Merkel im Griff, aber die Stimmung im Land nicht. Was die Kanzlerin dann tun – und wie lange sie selbige bleiben – könnte, ist müßig zu spekulieren. Einstweilen hat sie für ihr 'Wir schaffen das' die CDU hinter sich. Und das ganze Land sollte ihr fürs Gelingen die Daumen drücken. Denn die Alternative wäre Chaos."

Trierischer Volksfreund: "Die Kanzlerin setzt Menschlichkeit, das Recht jedes Einzelnen auf Schutz und Chancen gegen den Hass und die Ausgrenzung der Rechtspopulisten. Das war ihre klare Abgrenzung, das war auch ein eindeutiger Auftrag an ihre Partei. Wer Werte hat, und die hat die Union, der muss sie selbstbewusst vertreten. Die Delegierten haben das beklatscht. Leugnen lässt sich trotzdem nicht, dass die Entfremdung zwischen der Vorsitzenden und der CDU-Basis so groß ist wie noch nie. Merkel muss deshalb liefern. Sie ist zum Erfolg verdammt. (...) Ansonsten könnte die Quittung der Wähler bald folgen – vielleicht schon bei den Landtagswahlen im März nächsten Jahres."

Kölner Stadt-Anzeiger: "Die Revolution ist ausgefallen auf dem Parteitag der CDU. Reihenweise haben sich Angela Merkels Kritiker vor der Chefin verbeugt. Die Parteivorsitzende hielt eine furiose Rede, vielleicht die beste Rede ihrer Amtszeit. Ihr 'Wir schaffen das' stellte sie in die Tradition der Geschichte des Landes und der Partei, die den Wiederaufbau nach dem Krieg und die Wiedervereinigung bewältigt haben. Dem Vorwurf, es fehle ihr an Weitblick, setzte sie einen Appell zu Mut und weniger Verzagtheit entgegen. Sie packte ihre Parteifreunde an der Ehre. Es war eine Mia-san-Mia-Rede ganz eigener Art. Merkel hat das Selbstbewusstsein einer CDU definiert, die den Verlockungen eines Rechtsrucks widerstehen kann." (tfr/dpa)