Seit knapp einer Woche ist Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer wieder zurück aus seiner Auszeit. Als eine seiner ersten Handlungen schrieb er einen Brief an Umweltaktivistin Luisa Neubauer.

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Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer war am vergangenen Freitag an seinen Arbeitsplatz in der schwäbischen Universitätsstadt zurückgekehrt – nach vier Wochen Pause, die er sich nach einem Eklat rund um seine Aussagen am Rande einer Migrationskonferenz Ende April selbst verordnet hatte. Palmer bestätigte der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag, dass er am Tag der Wiederaufnahme seiner Arbeit ein seitenlanges Schreiben an Umweltaktivistin Luisa Neubauer verfasste, das der dpa vorliegt und am Mittwoch in der "Welt" abgedruckt wurde.

Palmer wirft Neubauer vor, eine "neue Gegnerschaft" zu beschwören

Palmer bezieht sich darin auf eine Rede der "Fridays-for-Future"-Aktivistin während seiner Auszeit, die sie im Rahmen ihrer "Tübinger Mediendozentur" gehalten hatte. Er hält ihr Kritik an einem "fossilen" Lebensstil vor, was "nichts anderes als ein Frontalangriff auf das westliche Wohlstandsmodell" sei.

Boris Palmer in seinem Büro.
Wieder zurück im Büro: Tübingens OB Boris Palmer ist nach seiner Auszeit zurück und übt gleich mal Kritik an Luisa Neubauer. © picture alliance/dpa/Bernd Weißbrod

Der ehemalige Grünen-Politiker verweist darauf, dass menschlicher Fortschritt in entscheidenden Lebensbereichen nicht ohne die Nutzung "einfach und günstig verfügbarer fossiler Energiequellen" möglich gewesen wäre. Neubauer wirft er vor, einen falschen Ansatz in der Klimapolitik zu verfolgen und damit eine "neue Gegnerschaft" heraufzubeschwören.

Tübingens OB hatte im April bei einer verbalen Auseinandersetzung vor einer Migrationskonferenz in Frankfurt am Main, als er mit "Nazis raus"-Rufen konfrontiert wurde, geantwortet: "Das ist nichts anderes als der Judenstern." Weggefährten und Parteifreunde wandten sich daraufhin von ihm ab, Palmer entschuldigte sich anschließend dafür, dass der Eindruck entstanden sei, er würde den Holocaust relativieren. Er kündigte eine Auszeit an, um "genug Abstand zu gewinnen und Kraft zu schöpfen". Nach der Eskalation um seine umstrittenen Äußerungen war er auch bei den Grünen ausgetreten.

Palmer kehrt verändert aus seiner Auszeit zurück

Vermisst, so gibt er zu, habe er die Arbeit im Rathaus während seiner Abwesenheit nicht wirklich. "Ich bin immer gern ins Geschäft gegangen, kann aber auch ohne", sagt er der Deutschen Presse-Agentur am vergangenen Freitag in Tübingen. Und jetzt? Kehrt nach den vier Wochen ein neuer Palmer zurück ins Rathaus? Zumindest äußerlich hat sich der 51-Jährige nur leicht verändert. Er, der sonst gerne auch mal mit einem grünen oder knallblauen Jackett unterwegs war, trägt einen dunklen Anzug, ein graues Hemd und eine grau gestreifte Krawatte. Die grauen Haare sind ordentlich frisiert, der Vollbart etwas länger als vor der Auszeit.

Auf Fragen antwortet er mit wenigen Worten, vorher überlegt er kurz. Es wirkt, als habe er in seiner Auszeit an seinem öffentlichen Auftritt gefeilt, sich Zurückhaltung auferlegt. Denn sein immer wieder aufbrausendes und spontanes Wesen war es, das ihn letztlich seine Parteimitgliedschaft bei den Grünen gekostet und auch zur Auszeit geführt hatte.

In der Auszeit, so hatte er es vorher angekündigt, wollte er "den Versuch machen, meinen Anteil an diesen zunehmend zerstörerischen Verstrickungen aufzuarbeiten". Hat sich also die Auszeit gelohnt? Hat er etwas für sich gelernt? Dazu gibt sich Palmer äußerst wortkarg. "Es war gut, so wie es war." Details, etwa zu konkreten Ergebnissen, will er keine nennen. Und dann gibt er noch eine äußert ungewöhnliche Antwort: "Ich antworte Ihnen mit einem Bibelzitat: Matthäus 7,16", sagt Palmer. Darin heißt es: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen."

Konkreter wird er bei seinem Umgang mit den sozialen Medien, genauer seinem Facebook-Profil. Dort kündigte er am vergangenen Donnerstagabend an, die Kommentarfunktion einschränken zu wollen – auch um sich selbst zu schützen. "Man denkt zwar immer, man lässt das nicht so an sich heran: Es beeinflusst einen aber schon, wenn man dort ständig negative Energie aufnimmt", sagt er. Ab sofort können auf Facebook deswegen nur noch Freunde von Palmer seine Beiträge kommentieren. Bisher laufe das gut.

OB Palmer nach Auszeit zurück: Viel Grau und ein Bibelzitat

Nach einem Monat Auszeit ist Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zurück im Rathaus - und gibt sich ruhig und überlegt. Was er in seiner Auszeit gelernt hat, behält er für sich, Fragen weist er mit einem Bibelzitat ab. Eine kurze Begegnung in Tübingen.

Erster Auftritt beim Fassanstich

Am Abend konnten sich die Tübinger dann selbst ein Bild davon machen, ob ihr Bürgermeister sich verändert hat oder der alte geblieben ist. Beim Tübinger Sommerfest absolvierte der OB einen seiner ersten öffentlichen Auftritte. Er fuhr mit dem Riesenrad, stieg mit einem Jugendlichen in einen Autoscooter und warf mit Ringen auf kleine Plüschtiere – immer umringt von mehreren Kamerateams und Reportern. "Als wäre der Bundeskanzler hier", witzelte er später vor dem Fassanstich.

Seine Auszeit sprach er nur ganz kurz an. Ja, sagte er, er sei jetzt wieder da: "War auch nicht schlimm. Alles wieder gut." Dann dankte er den Veranstaltern, den Schaustellern und natürlich dem Spender des Bierfasses – Alltag für einen Oberbürgermeister. Und nach Skandalen und der Auszeit jetzt auch wieder Alltag für Palmer. Für den Fassanstich brauchte er nur zwei Schläge, auch da ist er routiniert. "Das ist bestimmt mein 50. Bierfass", sagt er.

Palmer ist seit 2007 Oberbürgermeister in Tübingen. Mit Äußerungen etwa zur Flüchtlingspolitik sorgte er immer wieder für Kontroversen und sah sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Bundesweites Aufsehen und Anerkennung brachten aber auch sein Management während der Corona-Pandemie sowie seine kommunale Umweltpolitik. (dpa/the)

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