Bis zu ein Drittel weniger nukleare Sprengköpfe und ein Aufruf zur atomaren Abrüstung an den Rest der Welt: US-Präsident Barack Obama hat bei seiner mit Spannung erwarteten Rede vor dem Brandenburger Tor in Berlin einen flammenden Friedensappell an die Weltgemeinschaft gerichtet. Die Gefahr durch Atomwaffen müsse eingedämmt werden, forderte der mächtigste Mann der Erde. Dabei stößt er zumindest in Russland auf wenig Gehör.

"Als Präsident habe ich nun unsere Bemühungen verstärkt, die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und die Zahl der amerikanischen Atomwaffen zu reduzieren und ihre Rolle zu verändern", sagte Obama in seiner 30-minütigen Rede vor knapp 4.000 geladenen Gästen. Die nuklearen Ambitionen Nordkoreas und Irans müssten in Grenzen gehalten werden. "Amerika wird 2016 einen Nuklearsicherheitsgipfel abhalten, um auch Spaltmaterial auf der ganzen Welt zu bannen", sagte er bei sengender Hitze auf dem Pariser Platz.

Auf Unterstützung aus Russland darf Obama dabei offenbar nicht hoffen. Denn Kremlchef Wladimir Putin erteilte dem US-Präsidenten nur wenig später eine Absage: "Wir können nicht zulassen, dass das Gleichgewicht im System der strategischen Abschreckung gestört und die Wirksamkeit unserer Atomwaffenkräfte gemindert werden", sagte Russlands Präsident der Agentur Ria Nowosti zufolge in St. Petersburg.

Lob für NSA-Spähprogramm

Ebenso wie Kanzlerin Angela Merkel beschwor Obama die transatlantische Partnerschaft als Garanten für Demokratie, Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Wohlstand weltweit. Begleitet von starkem Applaus der Zuhörer sagte Obama, er werde seine Bemühungen verdoppeln, das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International demonstrierte am Rande des Besuchs gegen das Lager.

Zugleich verteidigte Barack Obama das umstrittene Internet-Spähprogramme des US-Geheimdienstes und lobte die Arbeit der dafür zuständigen NSA: "Sie helfen dabei, Menschen in Amerika und andernorts zu schützen", sagte Barack Obama. Schon zuvor hatte der Präsident bei einer Pressekonferenz mit Merkel gesagt, mindestens 50 mögliche Anschläge seien durch diese Praxis vereitelt worden - nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. "Man hat durch diese Programme Leben gerettet", sagte Obama.

"Müssen unseren Ansatz ändern"

Obama warnte vor den Risiken eines überzogenen Sparkurses. Alle Länder müssten den Schwerpunkt auf mehr Wachstum legen. Es dürfe nicht soweit kommen, dass angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit eine ganze Generation verloren gehe. "Da müssen wir irgendwann auch unseren Ansatz ändern", sagte Obama nach seinem Gespräch mit Merkel. Die US-Regierung sieht den harten Sparkurs in der Euro-Zone seit langem kritisch und fordert mehr Impulse für Wirtschaftswachstum.

Für die Weltwirtschaft sei das angestrebte Handelsabkommen zwischen den USA und Europa von großer Bedeutung, sagte Obama: "Davon profitieren alle." In seiner Rede betonte er, der gemeinsame Handel sei "Motor der globalen Wirtschaft". Bei einem Erfolg der Verhandlungen würden auf beiden Seiten des Atlantiks tausende Arbeitsplätze entstehen. Merkel betonte, sie werde sich "mit aller Kraft" für das Abkommen einsetzen.

Der US-Präsident warb in seiner Rede auch für einen engagierten Kampf gegen den Klimawandel. Die USA hätten ihren Anteil an erneuerbaren Energien verdoppelt. "Wir müssen aber mehr tun, und wir werden mehr tun." Das gelte auch für andere Länder. Nötig sei ein globaler Pakt, um den Klimawandel aufzuhalten. "Das ist unsere Aufgabe, und wir müssen uns an die Arbeit machen."

Obama erinnerte an die Rede von US-Präsident John F. Kennedy vor fast genau 50 Jahren in Berlin. "Wir sind nicht nur Bürger Deutschlands oder Amerikas, sondern auch Weltbürger", rief der Präsident. Er sprach sich auch für eine weitgehende rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen und gegen jede Form der Diskriminierung aus.

Obama traf während seines 25-Stunden-Besuchs mit Merkel sowie mit Bundespräsident Joachim Gauck zusammen. Am Nachmittag gab es eine Begegnung mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Gegenüber Gauck und Merkel lobte der Präsident die internationale Rolle Deutschlands in Afghanistan und auch in der Eurokrise. Allerdings warnte er vor einem überzogenen Sparkurs.

Zum Thema Syrien meinte Obama, es müsse gewährleistet werden, dass dort Chemiewaffen nicht zum Einsatz kommen. "Wir wollen einen Krieg beenden", betonte er.

Obama verteidigte die angekündigten Gespräche mit den afghanischen Taliban. Über die umstrittenen Drohnenangriffe der USA sagte er: "Ich kann bekräftigen, dass wir Deutschland nicht als Ausgangspunkt für unbemannte Drohnen verwenden." Deutsche Medien hatten berichtet, dass Drohnen-Angriffe in Somalia vom Afrika-Kommando der US-Streitkräfte in Stuttgart gesteuert werden.

Das eng getaktete Besuchsprogramm Obamas war von vielen Gesten der Freundschaft geprägt. Obama küsste Merkel zur Begrüßung auf die Wangen und legte ihr vertraut seine Hand auf den Rücken. Die Kanzlerin sprach den Präsidenten mit "Du" an, der Präsident nannte Merkel beim Vornamen. Mit Gauck präsentierte er sich Arm in Arm.

Der US-Präsident wurde von seiner Frau Michelle und den beiden Töchtern Sasha und Malia begleitet. Sie besichtigten das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Mauer-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi am Checkpoint Charlie und die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Dabei waren auch der Ehemann der Kanzlerin, Joachim Sauer, und Auma Obama, die ältere Halbschwester des US-Präsidenten.

Zum Abschluss des Besuchs von Barack Obama war ein festliches Abendessen im Schloss Charlottenburg geplant. Danach geht es für den US-Präsidenten, seine Familie und dessen Stab wieder Richtung Flughafen Tegel - und per "Air Force One" zurück nach Washington.