Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute geht es vor allem um deutsche Traditionsmarken, denen die Coronakrise die Luft abzuschnüren droht.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart, Journalist, Buchautor, Medienmanager

Guten Morgen liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Pandemie-Bekämpfung ist ohne Alternative, aber ohne Nebenwirkungen ist sie nicht. Vor allem die kleinen und mittleren Familienunternehmen – die wir zurecht als Herzmuskel der deutschen Volkswirtschaft begreifen – leiden an akuten Herzrhythmusstörungen.

► Der Tür- und Torhersteller Hörmann, mittlerweile in dritter und vierter Generation geführt, schickt die Mitarbeiter in Zentrale und Vertrieb in die Kurzarbeit. Das Unternehmen erklärt:

"Als international tätiges Unternehmen wirken sich die Entwicklungen in wichtigen Exportländern, wie beispielsweise in Italien, Österreich oder Frankreich, bereits sehr negativ aus."

Im Miele-Hauptquartier in Gütersloh

► Auch Miele mit seinen rund 11.000 Mitarbeitern in Deutschland stellt sich auf die neue Situation ein – die Produktion wurde heruntergefahren, ab heute beginnt die Kurzarbeit. Das Unternehmen sieht sich einer unheimlichen Zangenbewegung ausgesetzt:

"Zum einen wird die Versorgung mit Zulieferteilen täglich schwieriger, zum anderen sind die meisten Einzelhandelsgeschäfte geschlossen."

► Der Einbruch im Handel sowie der Stillstand im Veranstaltungsgeschäft haben Folgen für den eben erst sanierten Mikrofon- und Kopfhörerhersteller Sennheiser. Im 75. Jahr nach Unternehmensgründung wird nicht gefeiert, sondern Kurzarbeit beantragt. Andreas Sennheiser sagt:

"Wir erleben eine Situation, die für uns vor wenigen Wochen kaum vorstellbar war."

► Auch bei Bosch stehen die Werke still. Der erhabene Satz des Firmengründers Robert Bosch – „Lieber verlieren wir Geld, als das Vertrauen unserer Kunden" – rettet die Firmenführung vor allzu großer Ungeduld. Gesundheit zuerst, lautet die Maxime.

Doch wie geht es denen, die nicht im Scheinwerferlicht der Medien stehen, weil sie kleiner, stiller oder schlicht verzweifelt sind. Um das herauszufinden, hat der Verband Die Familienunternehmer knapp 1.500 seiner Mitglieder nach Stimmung und Lage befragt. Im Schutze der Anonymität wird hier das ganze Ausmaß des Corona-Dramas sichtbar:

► Bei 65 Prozent der Familienunternehmen ist die Unternehmenstätigkeit spürbar gesunken – im Schnitt um 50 Prozent. Da beginnen die Lichter auf dem Armaturenbrett bereits zu flackern. Nur 28 Prozent können weitermachen wie bisher, während bei sieben Prozent die Krise stimulierend auf das Geschäftsmodell wirkt.

► 87 Prozent der Betroffenen geben an, dass der Ausfall vor allem auf den Nachfrageschock, sprich die Schließung der Verkaufsstellen, zurückzuführen ist. Elf Prozent melden zu wenig Personal oder fehlende Vorprodukte. Sechs Prozent klagen über zu wenige oder gar keine Rohstoffe, während sieben Prozent der Firmen derzeit der Zugriff auf Transportmöglichkeiten versagt bleibt.

► Knapp ein Drittel (31 Prozent) der Firmen hat bereits Kurzarbeitergeld beantragt, ein weiteres Drittel (33 Prozent) hat vor, dies bis Ende der kommenden Woche zu tun. Rasender Stillstand.

► Vielen deutschen Familienunternehmen – und das ist der zentrale Punkt der Befragung – droht die Liquidität auszugehen. Die Mehrzahl der befragten Unternehmen glaubt, dass ihre Liquidität unter den jetzigen Bedingungen nur unzureichend gesichert ist. 26 Prozent glauben, dass sie bis zu drei Monate durchhalten. 28 Prozent rechnen damit, dass sie nur acht Wochen schaffen. Fünf Prozent sagen, nach maximal zwei Wochen sei Schluss.

Für viele Familienunternehmen geht es also in diesen Wochen ums Überleben. So wie die schwer erkrankten Corona-Patienten auf eine ausreichende Anzahl an Atemgeräten hoffen, brauchen diese Unternehmen lebenserhaltende Finanzspritzen des Staates.

Über die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung und den Zustand der Familienunternehmen spreche ich im Morning Briefing Podcast mit Reinhold von Eben-Worlée. Er ist geschäftsführender Gesellschafter von E.H. Worlée & Co., einem Unternehmen, das seit über 165 Jahren Rohstoffe für die Chemie-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie liefert, veredelt und produziert.

Zugleich ist Eben-Worlée der Präsident des Verbandes der Familienunternehmer. Die Umfrageergebnisse, besonders jene zur Liquidität, haben ihn aufgeschreckt. Denn wenn ein Drittel der Familienunternehmen in wenigen Wochen von der Bildfläche verschwinde, habe das Folgen, die weit über den Kreis der Betroffenen hinaus reiche:

"Das führt dazu, dass auch die anderen zwei Drittel der Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, weil das ja zugleich auch Zulieferer und Dienstleister dieser Unternehmen sind. Dann gerät die ganze Wirtschaft ins Trudeln."

"Es sind vor allen Dingen die kleinen und mittleren Unternehmen, die sich an dieser Umfrage beteiligt haben. Das sind zugleich auch diejenigen, die am schwersten an Kredite rankommen."

Das von der Bundesregierung versprochene Geld soll in Form von Krediten schnell und unbürokratisch fließen, heißt es aus dem Finanzministerium. Eben-Worlée kann den Wahrheitsgehalt dieser Aussage bisher nicht bestätigen:

"Es scheint nicht zu funktionieren, weil die Bonitätsprüfungen der Banken nach denselben Kriterien durchgeführt werden müssen, wie das vorher schon der Fall gewesen ist. Und wenn jemand vorher schon keinen Kredit gekriegt hat, dann wird sich die Bank schwertun, ihm heute einen Kredit zu geben. Selbst wenn für diese Kredite bis zu 90 Prozent Ausfallgarantien des Bundes gegeben werden."

Den Finanzhäusern, die wiederum einer strengen Überwachung durch die Bafin unterliegen, die ihrerseits auf den Abbau von Kreditrisiken achtet, macht der Familienunternehmer keinen Vorwurf:

"Die Banken sind da in einer Zwickmühle, aus der man sie nur befreien kann, indem der Bund eine 100-Prozent-Garantie für einen Zeitraum von – sagen wir mal – drei Monaten übernimmt."

Diese für den Steuerzahler womöglich teure Lösung hält Eben-Worlée dennoch für dringlich geboten:

"Wenn der Finanzminister jetzt keinen Weg findet, schnell Gelder in die Unternehmen zu bringen, zumindest in die 30 Prozent oder 35 Prozent, die jetzt um Kredite bangen, weil sie sonst in zwei Monaten Konkurs anmelden müssen, dann fällt unser gesamtes Wirtschaftssystem in sich zusammen."

Von der Bundesregierung erwartet Eben-Worlée angesichts der medizinischen Dramatik kein festes Datum für ein Ende des Shutdowns, wohl aber klare Kriterien für die Beendigung – auch, damit sich die Wirtschaft auf den Neustart vorbereiten kann:

"Ich plädiere für ein klares Szenario, unter welchen Bedingungen eine Lockerung angestrebt werden kann."

In der Diskussion um Eurobonds zur finanziellen Stützung der Staaten in Südeuropa – die neuerdings vor allem von der Großindustrie forciert wird – nimmt Eben-Worlée eine ablehnende Position ein:

"Es gibt in den südlichen Ländern, gerade in Italien, ja kein Finanzierungsproblem, sondern es gibt ein Problem im dortigen Gesundheitssystem."

Fazit: Die Familienunternehmen sind nicht besorgt, sondern bedroht. Und ein Finanzminister ist nur so gut wie die praktische Funktionsfähigkeit seiner Hilfsmaßnahmen. Ein Rettungsschirm, der sich nicht öffnet, begleitet den Sterbenden, aber hilft ihm nicht.

Schausteller geraten ins Abseits

Die wirtschaftlichen Einbußen treffen eine Gruppe im Besonderen, von der bisher keine Rede war: Die Schausteller stehen im ökonomischen Abseits.

Ein Kettenkarussell auf dem Hamburger Dom

Im Leben der Corona-Nation ist für Losbude, Riesenrad und Geisterbahn derzeit kein Platz, was zur Verelendung jener Berufe führt, die bis gestern für Kinderglück und Familienfest standen.

Darüber spreche ich im Morning Briefing Podcast mit Albert Ritter. Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes wirbt dafür, das fahrende Volk nicht zu vergessen:

"Auch wir Schausteller sind systemrelevant. Es war immer unsere Aufgabe, auch nach schweren Zeiten den Menschen wieder Freude zu geben, gerade den Kindern. Wir sind das größte Antidepressiva im Lande."

Amazon gehört zu den Gewinnern der Krise

Ein Krisengewinner zeichnet sich jetzt schon ab: der Versandriese Amazon. Mit beachtlicher Raffinesse hält Amazon die weltweiten Lieferketten intakt.

Das Online-Kaufhaus Amazon gehört zu den Gewinnern in der Coronakrise.

Besonders bitter ist dieser kometenhafte Aufstieg für die deutschen Versandhaus-Könige der Nachkriegszeit, die den Schuss in der Stunde Null des Internets nicht gehört haben. Die Familien Neckermann, Schickedanz (Quelle) und Otto dürfen sich hier durchaus angesprochen fühlen.

Jeff Bezos ist der Held der neuen Zeit. Amazon wird derzeit mit 880 Milliarden Euro bewertet – rund das Siebenfache von SAP, dem wertvollsten deutschen Konzern.

Fünf Dinge, die heute wichtig sind

Erstens: Die USA haben mit über 189.000 gemeldeten Fällen mittlerweile die meisten Corona-Infizierten weltweit zu verzeichnen. Über 4.000 Personen sind dort an den Folgen des Virus gestorben, 1.096 davon alleine in New York City.

Das US-Militär stellt das Schiff USNS Comfort zur Versorgung von Corona-Patienten zur Verfügung.

In Italien steigt die Zahl der Neuinfektionen zwar mittlerweile langsamer. Mit insgesamt knapp 106.000 Infizierten und 12.500 Corona-Toten bleibt das Land jedoch nach wie vor das europäische Zentrum der Pandemie.

In Spanien spitzt sich die Lage weiter zu. Alleine in der Nacht zum Dienstag sind 849 Personen an den Folgen des Coronavirus gestorben. Insgesamt haben sich knapp 96.000 Personen infiziert, über 8.400 sind an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Deutschland kam bisher vergleichsweise gnädig davon: Bislang gibt es 72.000 Infizierte und 775 Tote.

Zweitens: Kanzlerin Angela Merkel berät ab 14 Uhr erneut mit den Ministerpräsidenten der Länder über den Kampf gegen die Coronavirus-Krise. Dabei soll die aktuelle Entwicklung bei den Neuinfektionen in Deutschland bewertet werden. Viele warten auf einen Hinweis zur künftigen Strategie: Verschärfung oder vorsichtige Öffnung?

Drittens: Um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, wird seit geraumer Zeit über das Tracking von Handynutzern diskutiert. Laut "Handelsblatt"-Informationen arbeitet eine vom Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik in Berlin angeführte Gruppe seit fünf Wochen an einer App, die via Bluetooth das Tracking der Nutzer ermöglicht. Nun sollen die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Viertens: Heute übernimmt der ehemalige BMW-Vorstand Markus Duesmann den Posten des Vorstandsvorsitzenden bei Audi. Duesmann ersetzt Bram Schot, der anderthalb Jahre als Übergangschef fungierte. Wie viele andere Autobauer hat auch Audi wegen der Coronakrise die meisten seiner europäischen Werke temporär geschlossen. Der neue Chef beginnt in großer Stille.

Fünftens: In zahlreichen Geschäften in Österreich sollen die Menschen ab Mittwoch aufgrund der Coronavirus-Pandemie einen Mundschutz tragen. Selbstgenähte Masken oder ein Schutz aus einem Schal oder einem Tuch werden ebenfalls akzeptiert.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet musste den Umgang mit einer Schutzmaske in der Coronakrise erst lernen.

Armin Laschet hat den Dreh mit dem Corona-Schutz inzwischen raus

In Deutschland übt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ebenfalls mit der neuen Schutzbekleidung, was im ersten Durchgang misslang. Die frei gestellte Nase verriet den Anfänger. Am Abend dann postete Laschet ein Mini-Video, das seine Lernfähigkeit unter Beweis stellte.

Der Mann zeigte damit, dass er trotz Krise über einen ausreichend großen Vorrat an Humor verfügt. Wenn der Volksmund sagt – deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht – muss sich Armin Laschet nicht angesprochen fühlen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in diesen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.