Die geplatzten Jamaika-Verhandlungen haben in Deutschland ein politisches Erdbeben ausgelöst. Für die Medien gibt es nur Verlierer. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt dabei nicht gut weg. Die Pressestimmen im Überblick.

"Spiegel Online": "Methode Merkel funktionierte nicht"

"Nein, keiner der Beteiligten hat erkennen lassen, dass er Jamaika wirklich will. Und das in einer Zeit, in der eine Regierung finanziell aus dem Vollen schöpfen, Projekte entwickeln und sich Reformen vornehmen könnte.

Die CDU-Vorsitzende aber hat lange einfach alles laufen lassen, bis die Lage am Ende völlig verfahren war. Keine Idee, keine Führung, allein die Hoffnung, am Ende werde sich in einer letzten, langen Nacht unter Schlafentzug alles irgendwie auflösen. Doch die oft geprobte Methode Merkel funktionierte nicht." Zum Artikel.

"Zeit Online": "Keine Basis für vertrauensvolle Zusammenarbeit"

"Hat FDP-Chef Christian Lindner die Sondierungen für eine schwarz-gelb-grüne Koalition am Ende mutwillig und gezielt an die Wand gefahren, weil er schwierige Kompromisse nicht mittragen wollte, um den frischen Erfolg seiner Partei nicht zu gefährden?

Einiges spricht dafür. (...) Aber so einfach wird es nicht gewesen sein. Immerhin hatten die Vorsitzenden der vier verhandelnden Parteien mit der amtierenden Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel an der Spitze seit einem Monat Zeit, die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu schaffen und in ihren Kernstreitfragen den Rahmen für eine Verständigung zu schaffen.

Es ist ihnen offensichtlich nicht gelungen. Am Ende noch weniger als in den Wochen zuvor." Zum Artikel.

"zdf.de": "Jamaika blieb blutleer"

"Nach dem gravierenden Wählerschwund bei der Bundestagswahl ist der Abbruch der Sondierung jetzt die zweite bittere Niederlage von Angela Merkel. Es gelang ihr nicht, früh eine Art Begründungszusammenhang für dieses neue Bündnis aufzubauen – rund um Begriffe wie Nachhaltigkeit, Einwanderung, Bildung, Digitalisierung, Fortschritt. Jamaika blieb blutleer. Auch daran scheiterte die Vertrauensbildung." Zum Artikel.

"tagesschau.de": "Wahlkampf hat bereits begonnen"

Wird wirklich die AfD profitieren, weil die Etablierten nicht mal mehr Regierungen zustandebringen? Werden – ganz im Gegenteil – die gescheiterten Sondierer-Parteien belohnt, die immerhin intensiv ein Bündnis versuchten? Kommt der SPD-Kurs an, beinhart in der Opposition zu bleiben? Ist Kanzlerin Merkel Geschichte, oder unverzichtbarer Stabilitätsanker?

Mit der überraschenden FDP-Rückzugserklärung gestern zehn Minuten vor Mitternacht hat der Wahlkampf bereits begonnen. Die Bundesrepublik betritt Neuland. Die Wähler werden wohl die Zuschauerränge verlassen und noch einmal auf die Bühne gebeten. Und das sollte eine gute Nachricht sein – trotz aller Unsicherheiten der nächsten Wochen. Die Wähler haben es in der Hand, eine neue Koalition zu beauftragen, die nicht falsch regiert, sondern besser." Zum Artikel.

"br.de": "Alle Parteispitzen beschädigt"

Nicht nur die Jamaika-Koalition ist am Ende, beschädigt gehen alle Parteispitzen aus den Sondierungen. Sie haben es nicht vermocht, ein Bündnis zu schmieden, das einem Aufbruch hätte gleichkommen können. Die Voraussetzungen waren gleichwohl ungemein schwierig: Kernproblem der Jamaika-Parteien war es, dass ihre Profile weit auseinander liegen.

Die CSU, gebeutelt von einem historisch schlechten Wahlergebnis, hatte kaum Bewegungsspielraum in der Flüchtlingsfrage. Dies hatte sie früh erkennen lassen. Schon der Kompromiss mit der CDU im Vorfeld der Sondierungen ging an die Substanz der CSU. Und allen war bewusst, dass Horst Seehofer hier keine Manövriermasse hat, will er seine politische Karriere nicht unmittelbar nach den Verhandlungen an den Nagel hängen." Zum Artikel.

"Focus online": "Das große Ganze aus dem Blick verloren"

"Damit ist ein Projekt gescheitert, das sich als zukunftsweisend hätte erweisen können. Warum es letztlich so kam, wird noch im Einzelnen zu analysieren sein. War es allein mangelndes Vertrauen? Fest steht schon jetzt, dass die Beharrungskräfte vor allem bei den kleineren Partnern maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Das zähe Ringen um Bewegung bei verschiedenen Positionen, vor allem bei den Fragen zur Migration sowie bei der Energie- und Finanzpolitik, hat verschüttet, was ein Leitgedanke dieses Bündnisses hätte werden können: Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie in einer globalisierten Welt.

Natürlich geht es bei der täglichen Regierungsarbeit um viele Details. Bei den Sondierungen aber hat man mit dem Streit um die Details das große Ganze aus dem Blick verloren. Auch das ist mangelnde staatspolitische Verantwortung." Zum Artikel.

"faz.de": "CSU müsste eigentlich froh sein"

"Die Wut der Verlierer richtet sich (...) erst einmal gegen die FDP und ihren Vorsitzenden Christian Lindner. CDU und CSU sind schon deshalb auf die FDP sauer, weil das davon ablenkt, dass das Verhandlungsgeschick Merkels Grenzen hat. Dabei müsste die CSU doch eigentlich froh sein: Die Konsequenz der FDP erspart ihnen die Grünen. Nicht von ungefähr sehen sich deshalb vor allem die Grünen betrogen. Sie waren es wohl, die am meisten an diesem 'Projekt' hingen, und hatten in Jamaika so etwas wie eine Wiedergutmachung für die verpasste schwarz-grüne Gelegenheit von 2013 gesehen.

Die CDU sah es ähnlich. Beides sind Gründe dafür, dass die FDP nichts Gutes witterte. Die Verhandlungen werden sie darin bestärkt haben. Alle strittigen Punkte betrafen die Substanz, mit der Lindner die FDP wieder in den Bundestag gebracht hatte." Zum Artikel.

"derwesten.de": "Große Verliererin heißt Angela Merkel"

"Am Ende scheiterte es am Faktor Mensch. Es gab zu viele Durchstechereien, Interviews, Eitelkeiten – nicht bei den Chefunterhändlern, aber in der zweiten Reihe. Jürgen Trittin von den Grünen und Alexander Dobrindt von der CSU etwa haben mit krawalligen Bemerkungen während der Sondierungen immer wieder dafür gesorgt, dass die Atmosphäre getrübt und die Spannungen größer wurden.

Doch die große Verliererin des Abbruchs in der vergangenen Nacht heißt Angela Merkel. Mit der Mischung aus guter Zuhörerin und knallharter Verhandlerin hat die Kanzlerin es bisher immer geschafft, sich durchzusetzen. Es gelang ihr auf nationaler und auf internationaler Bühne.

Das hat sie stets ausgezeichnet, das war ihr persönliches Plus. Weltweit genießt sie deshalb hohes Ansehen, hat oft einen Vertrauensvorschuss. Der ist nun verbraucht." Zum Artikel.

Internationale Medien:

"La Stampa" (Italien): "Hoffnung auf positiven Ausgang"

"Es sind lediglich gute Nachrichten für diejenigen, die sich über das Unglück anderer freuen. Für viele jedoch kann ein stabiles Deutschland Europa eine Hilfe sein, innerhalb und außerhalb seiner Grenzen, und deshalb bleibt nach dem nächtlichen Marathon in Berlin zu hoffen, dass es bald einen positiven Ausgang gibt und dass, trotz notwendiger Kompromisse, die Deutschen nicht das Vertrauen in ihr System verlieren.

Ein Kurzschluss wäre nun vor allem ein riesiges Geschenk an diejenigen, die ohnehin gegen das System auf der Lauer liegen: die der extremen rechten und neo-populistischen Alternative für Deutschland."

"Les Echos" (Frankreich): Scheitern droht, gelähmtes Europa in Krise zu stürzen

"Dieses Scheitern droht, das seit den deutschen Wahlen vom 24. September bereits gelähmte Europa in eine nie da gewesene Krise zu stürzen. In den vergangenen Jahren war die Europäische Union (EU) von der Führung Angela Merkels geprägt, die gleichzeitig vom wirtschaftlichen Erfolg ihres Landes und dem Mangel an politischen Figuren auf ihrem Level profitierte.

Emmanuel Macron, der Europa mit Angela Merkel neu ankurbeln wollte, findet sich so in der ersten Linie wieder, aber ihm droht ein Schlüssel-Partner für seine Projekte zu fehlen."

"Kurier" (Österreich): "AfD wird profitieren"

"Wahrscheinlich sind am Ende (...) Neuwahlen, die kann der Bundespräsident ausrufen. Da wird dann jedenfalls die rechtspopulistische, und auch zerstrittene AfD profitieren.

Nicht nur stimmenmäßig, auch stimmungsmäßig. Sie wird argumentieren, dass diese Demokratie schon so kaputt ist, dass es radikale Kräfte wie die AfD brauche. Die braucht natürlich niemand, noch dazu, wo die AfD selbst stets sagte, sie wolle gar nicht regieren."

(ms/dpa)