Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: der Jahrhundertirrtum bei der deutschen Rente.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Stunde der Wahrheit für das deutsche Rentensystem rückt näher. Ein aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums beschreibt auf 67 Seiten die Misere:

  • Bis 2025 würden in der gesetzlichen Rentenversicherung "schockartig steigende Finanzierungsprobleme" drohen. Zu den klaffenden Löchern im Bundeshaushalt nach der Coronakrise kommen dann noch die Rentenzahlungen an Baby-Boomer hinzu, von denen in den nächsten Jahren immer mehr in Pension gehen werden.
  • Sollte die Lebenserwartung der Bevölkerung weiterhin steigen, müsste auch das Renteneintrittsalter steigen.
  • Es sei realitätsfern zu erwarten, "dass sich höhere Beiträge und ein niedrigeres Rentenniveau dauerhaft vermeiden lassen", so die Experten.

Einmal mehr ist deutlich geworden: Der deutsche Sozialstaat beruht auf einem Irrtum, der auch dann ein Irrtum bleibt, wenn ihn Konrad Adenauer, Norbert Blüm und Olaf Scholz in Tateinheit begangen haben. Adenauer meinte: Kinder kriegen die Leute immer. Die ihm nachgeborenen Sozial- und Christdemokraten hielten an dieser Idee fest, die spätestens mit Einführung der Antibabypille und dem darauf folgenden Pillenknick widerlegt war. Die Geburtenrate hat sich seit Adenauers Zeiten halbiert.

Bundesdeutsche Rentenformel funktioniert nicht mehr

Auf einen Rentner kamen zu Adenauers Zeiten sechs Arbeitnehmer, sprich Beitragszahler. Im Jahr 2040 aber werden weniger als zwei Arbeitnehmer einen Rentner finanzieren, wenn überhaupt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die finanzielle Belastung für den aktiven Arbeiter im glühenden Kern unserer Volkswirtschaft wird zu groß und die Auszahlung für die Rentner dennoch zu gering.

Der eine kann die Verdoppelung seiner Rentenbeiträge nicht verkraften, den anderen führt die Halbierung seiner Auszahlung in bittere Not.

Die unbequeme Wahrheit lautet daher: Die bundesdeutsche Rentenformel funktioniert nicht mehr. Die Herzgefäße sind verkalkt. Wir müssen einen langfristig funktionierenden Bypass legen − oder bis zum Umfallen arbeiten, wie es der Wissenschaftliche Dienst gestern vorschlug.

Deshalb muss die Analyse im Grundsätzlichen ansetzen: Das Umlagesystem der Sozialversicherung war die Antwort auf die industrielle Massengesellschaft. Der kapitalgedeckte Sozialstaat wäre die Antwort auf ein Wirtschaftssystem, in dem die menschliche Arbeitskraft an Menge (Demografie) und Relevanz (Künstliche Intelligenz) verliert.

Rente mit 68? Olaf Scholz wütet gegen Experten

Doch Olaf Scholz will jetzt nicht einsichtig sein. Er wütete gestern gegen die Experten los:

"Die Vorschläge dieses sogenannten Expertengremiums sind falsch gerechnet und unsozial."

"Das sind alles Horrorszenarien, mit denen Rentenkürzungen begründet werden sollen, für die es keinen Anlass gibt."

Auf Twitter fasste der Kanzlerkandidat seine Aufregung zusammen:

"Rente ab 68? Nicht mit mir!"

Zumindest für ihn dürfte diese Aussage der Wahrheit entsprechen. Im Herbst wird gewählt, der nächsten Bundesregierung dürfte kein SPD-Politiker mehr angehören. Scholz, der in fünf Tagen Geburtstag hat, wäre dann mit 63 Jahren reif für die Rente.

Ich wünsche ihm und Ihnen einen nachdenklichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.