Die Eskalationen am Rande des G20-Gipfels machen sprachlos. Nicht nur angesichts der gewalttätigen Exzesse, sondern auch wegen der Folgen für den friedlichen Protest. Denn in Hamburg verbrennen Gewalttäter nicht nur Barrikaden, sondern auch Chancen und Hoffnungen.

Michael Wollny
Ein Kommentar
von Michael Wollny, Schlussredakteur und stellvertr. CvD

Es stimmt: Die Politik der G20 bietet einige Angriffspunkte für konstruktive Kritik. Und man kann durchaus Verständnis dafür aufbringen, wenn diese Kritik mit Nachdruck und auch Zorn artikuliert wird.

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So tun das beispielsweise Attac oder Oxfam in ihrem lobenswerten Einsatz für mehr Gerechtigkeit und Solidarität in einer globalisierten Welt. Ebenso Kirchen, Gewerkschaften oder der "Jugendrat gegen G20".

Kluge Ideen für G20 gehen unter

Sie alle reisten mit Ideen, Plänen, Zielen und Hoffnungen nach Hamburg. Sie hatten durchaus kluge Inhalte im Gepäck, kritische Botschaften und für die 20 mächtigsten Weltenlenker konstruktive Vorschläge, wohin denn zukünftig gelenkt werden sollte, um diesen Planeten nicht ungebremst gegen die Wand zu fahren.

Doch ihre Botschaften und Inhalte wurden vernebelt vom giftigen Rauch brennender Barrikaden, gingen ungehört unter in den Detonationen der Feuerwerkskörper und dem Klirren zersplitternder Flaschen, den Sirenen der Wasserwerfer, Rettungswagen und Löschfahrzeuge.

Sucht nach orgiastischer Gewalt

Was sich am Freitag am Rande des G20-Gipfels in Hamburg Bahn gebrochen hat, war kein Ausdruck politisierter Empörung und erst recht kein konstruktiver Protest.

Es war die schiere Sucht nach orgiastischer Gewalt und Lust an Destruktivität. Extrem war hier weder irgendetwas links noch irgendetwas rechts, extrem war nur die gradlinige Dummheit.

Wer im Abfackeln von Autos Kapitalismuskritik erkennt, dokumentiert im besten Fall die eklatanten Defizite einer irrlichternden Bildungspolitik.

Abfackeln für die Klimarettung?!

Somit könnte auch das Anzünden von Plastik-Containern als kluger Beitrag zur Rettung des Weltklimas verstanden werden – und der Beschuss von Polizisten mit Stahlkugeln als dialektischer Diskurs über die durchaus berechtigte Kritik an Polizeigewalt.

Man muss die Idee eines G20-Gipfels in Hamburg kritisch hinterfragen. Doch man kann die Organisatoren nicht für den menschenverachtenden Nihilismus einiger schwarzuniformierter Event-Terroristen sowie die Gewaltlust zahlreicher Riot-Touristen verantwortlich machen.

In Hamburg gelang roher Dummheit in nur wenigen Stunden die Einäscherung der Vernunft und aller Erwartungen, Hoffnungen und Ziele des gewaltfreien Protests.

Läge nicht schon so viel Tränengas in der Luft, man müsste glatt anfangen zu heulen.