Nur selten zeigt sich Altkanzlerin Merkel noch in der Öffentlichkeit. Aus der aktuellen Politik wolle sie sich heraushalten, sagt sie. Auf ihr Wirken blickt sie durchaus kritisch zurück - ein von manchen gefordertes Eingeständnis vermeidet sie jedoch.

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Altkanzlerin Angela Merkel hat ihr politisches Wirken verteidigt und es abgelehnt, Entscheidungen in der Flüchtlingskrise oder der Russlandpolitik aus nachträglicher Sicht als Fehler zu werten. Sie habe ihre Politik sehr gründlich überlegt und aus den damals gegebenen Rahmenbedingungen entwickelt, machte die CDU-Politikerin bei einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse am Samstagabend deutlich.

Merkel: Keine Mitverantwortung für hohe AfD-Zustimmungswerte

Auf das wiederholte Drängen ihres Gesprächspartners, "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, warum es ihr nicht liege, im Rückblick Fehler zuzugeben, antwortete sie: "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es eine befriedende Funktion hat, wenn ich jetzt etwas, was ich nicht denke, einfach sage, nur damit ich jetzt einen Fehler zugebe."

Eine Mitverantwortung für hohe AfD-Zustimmungswerte vor allem in Ostdeutschland infolge ihrer Migrationspolitik lehnte Merkel ab. "Ich habe politische Situationen zu bewältigen gehabt, die zu einer Spaltung der Meinungen in Deutschland geführt haben", sagte die 68-Jährige.

Gleichwohl habe sie kein Verständnis für Menschen, die demokratische Prinzipien verletzen. Sie konzentriere sich auf Menschen, die die demokratischen Werte teilten. Die anderen müsse man versuchen zurückzuholen. Dass sie 2017 - also nach ihrer Flüchtlingsentscheidung 2015 - noch einmal angetreten sei, habe auch den Grund gehabt, dass sie sich gesagt habe: "Ich haue nicht ab nach dieser Entscheidung."

Merkel räumt beim Klimaschutz Versäumnisse ein

Etwa mit Blick auf den Klimaschutz räumte Merkel Versäumnisse ein. Ereignisse wie die Finanz- oder Flüchtlingskrise hätten sie daran gehindert, anderen Themen mit mehr Kraft nachzugehen. Ihre Russlandpolitik und die energiepolitischen Entscheidungen, die Deutschland in eine starke Abhängigkeit von russischem Gas getrieben hatten, verteidigte Merkel rückblickend. "Ich hätte lieber Gas importiert aus Großbritannien und Norwegen, wie wir das früher gemacht haben, und den Niederlanden. Die standen aber nicht mehr zur Verfügung. Für uns stand die Frage: teureres LNG - ein Drittel teurer - oder billigeres russisches Gas." LNG ist Flüssiggas.

Ein Versäumnis sei es jedoch gewesen, Frauen nicht ausreichend gefördert zu haben, sagte die Altkanzlerin. "Ich habe das Ziel, das ich gerne erreicht hätte, nicht erreicht." Die Zahl der Frauen in ihrer Partei zeige, dass Frauen in der Vergangenheit nicht ausreichend gefördert worden seien. "Wir brauchen Parität - überall", forderte Merkel. Das gelte auch für den Bundestag, "auf welchem Weg auch immer".

Merkel schreibt mit ihrer langjährigen Büroleiterin Beate Baumann an ihren Memoiren. Sie sollen im Herbst 2024 erscheinen. "Es handelt sich auch um ein Sachbuch. Also keine falschen Erwartungen", sagte sie auf der Buchmesse. Das Publikum begrüßte Merkel mit einem langen Applaus. Zum Abschied gab es Standing Ovations.   © dpa

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