Beim Parteitag der US-Demokraten gehen Barack Obama und Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris mit dem amtierenden Präsidenten hart ins Gericht. Hinter den Auftritten steckt ein klares Kalkül.

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Da steht sie nun. Kamala Harris hält die wohl wichtigste Rede ihres Lebens, ihre Bewerbungsrede für das Amt der Vizepräsidentin der USA - und sie ist dabei fast ganz allein.

Beim Online-Parteitag der Demokraten gibt es wegen der anhaltenden Coronakrise in den USA kein Publikum im Saal und folglich auch keine jubelnden Fans vor der Bühne. Kamala Harris spricht am dritten Tag des Parteitags in einer zugigen Halle in Wilmington, Delaware, nur ein paar Techniker, Journalisten und Berater sind in diesem Moment im Raum.

Es ist eine bizarre Szenerie. Doch Harris lässt sich davon nicht beirren. Sie redet, als wäre diese Situation für sie die normalste Sache der Welt.

"Wir glauben, dass unser Land besser sein kann", ruft sie. "Wir wollen in einem Land leben, in dem wir aufeinander aufpassen, in dem wir unsere Siege gemeinsam feiern."

Es ist ein bemerkenswerter, ein historischer Auftritt in der amerikanischen Politik - und das nicht nur wegen der ungewohnten Kulisse. Harris ist erst die dritte Frau, die für das zweithöchste Amt im Staat kandidiert. Und: Sie ist die erste nicht weiße Frau überhaupt in der US-Geschichte, die für die Vizepräsidentschaft nominiert wird.

Als Tochter von Einwanderern, ihr Vater kam einst aus Jamaika, die Mutter aus Indien, steht sie für das moderne, das bunte, das diverse Amerika. Immer wieder spricht Harris über ihre alleinerziehende Mutter, die ihr geholfen habe, konsequent ihren eigenen Weg im Leben zu gehen. Die Mutter habe sie und ihre Schwester stets ermahnt, sich als stolze, schwarze und indischstämmige Frauen zu fühlen, erzählt Harris.

Obamas Mahnung vor US-Wahl

Bei ihrer Rede zeigt sich, dass Kamala Harris in diesem Wahlkampf für Joe Biden zu einer effektiven Waffe im politischen Kampf gegen Donald Trump werden kann. Es geht ihr erkennbar darum, all jene Wähler anzusprechen, die sich in Trumps Amerika oftmals an den Rand gedrängt fühlen: Afroamerikaner, Latinos, Asiaten. Die langjährige Staatsanwältin ist zudem eine geschulte Rednerin, die es versteht, die Schwächen ihrer Gegner gezielt aufzuspießen.

Scharf attackiert sie Trumps Krisenmanagement in der Coronakrise: Das von Trump verursachte Chaos in der Pandemie müsse endlich ein Ende haben, ruft sie in den leeren Saal und in die TV-Kamera. "Donald Trumps Versagen als Anführer hat Menschenleben gekostet."

Kurz vor Harris spricht bei diesem virtuellen Wahlkampf Barack Obama, der frühere Präsident. Auch er liefert eine historische Rede ab, aber dies gilt in einem anderen Sinne.

Obama rechnet mit Trump ab

Nie zuvor in der Geschichte der USA hat ein früherer Präsident in dieser Weise mit seinem Amtsnachfolger abgerechnet. Trumps Präsidentschaft müsse ein Ende haben, die amerikanische Demokratie sei in Gefahr, warnt Obama. Er steht dabei in Philadelphia in einem Museum, das an die Gründung der USA und an die Ausarbeitung der Verfassung im 18. Jahrhundert erinnert. Mehr Symbolkraft geht kaum.

"Ich habe für unser Land gehofft, dass Donald Trump ein wenig Interesse zeigen würde, diesen Job ernst zu nehmen", sagt Obama. "Doch das hat er nie getan." Trump habe die enorme Macht seines Amtes lediglich dazu missbraucht, sich selbst und seinen Freunden zu helfen, so Obama. Trump betrachte die Präsidentschaft als "Realityshow", er nutze sie dazu, jene Aufmerksamkeit zu erhalten, die er so dringend für sich selbst brauche.

Dass Obama und Kamala Harris an diesem Tag hintereinander auftreten, ist kein Zufall. Es geht den Demokraten darum, einen Doppelschlag gegen Trump zu setzen, der möglichst bis zur Wahl am 3. November nachhallt. Millionen Amerikaner verfolgen die Reden zur besten Sendezeit vor den Bildschirmen. Obama und Harris wollen die eigenen Anhänger gegen Trump mobilisieren. Zugleich sollen vor allem die unentschlossenen Wähler auf die Seite der Demokraten gezogen werden.

Obama als Förderer und Freund von Harris

Hinzu kommt: Obama, der erste schwarze Präsident der USA, gilt seit Jahren als einer der wichtigsten Förderer von Kamala Harris. Auch wenn Joe Biden seine Entscheidung für die 55-Jährige am Ende wohl selbst traf, soll sich Obama sanft, aber bestimmt für sie stark gemacht haben.

Obama sieht in Harris wohl viel von sich selbst: Intelligenz, Durchsetzungsvermögen, politische Leidenschaft. Es war wohl auch sein besonderer Wunsch, ihr an diesem Tag mit seinem Auftritt klare Rückendeckung zu geben. Sie erscheint so wie Obamas legitime Erbin. Kamala Harris sei die perfekte Kandidatin an der Seite von Joe Biden, schwärmt Obama.

Für Harris geht es derweil auch darum zu beweisen, dass sie in der Lage wäre, im Notfall tatsächlich auch das Präsidentenamt von Biden zu übernehmen.

Selten zuvor war die Vizepräsidentschaft in einem Wahlkampf so wichtig. Sollte Joe Biden zum Präsidenten gewählt werden, wäre er mit 78 Jahren der älteste Amtsinhaber aller Zeiten. Es gibt ein reales Risiko, dass er sterben oder aus gesundheitlichen Gründen zum Rücktritt gezwungen sein könnte. Kamala Harris müsste in diesem Fall sofort als Präsidentin übernehmen. Sie wäre als Vizepräsidentin, wie die Amerikaner sagen, tatsächlich nur "einen Herzschlag" vom mächtigsten Amt der Welt entfernt.

Bei ihrem Auftritt geht es deshalb ein bisschen zu wie bei einer echten Bewerbung: Harris verweist auf ihre langjährige Erfahrung im Staatsdienst, auf ihre Arbeit als Generalanwältin von Kalifornien und als Senatorin im Kongress in Washington. Sie gibt sich zugleich bewusst präsidial. Sie will, dass ihr die Wähler das Amt zutrauen.

"Joe und ich glauben, dass wir eine bessere Gemeinschaft aufbauen können, eine, die stark und anständig, gerecht und freundlich ist. Eine, in der wir uns alle wiederfinden können", sagt sie.

Warum Harris eine Gefahr für Trump sein kann

Im Lager von US-Präsident Donald Trump werden sie sich die Reden von Obama und Harris an diesem Tag sehr genau angehört haben. Ein richtiges Rezept, wie sie darauf reagieren sollen, haben sie aber bislang nicht gefunden.

Vor allem ahnen der Präsident und seine Strategen wohl, dass Kamala Harris als Vizepräsidentschaftskandidatin für sie ein Problem darstellt. Trump nennt Harris gern "nasty", fies, aber so tituliert er alle Frauen, die es wagen, ihn zu kritisieren. Vielmehr ist ihm zu Harris bislang nicht eingefallen.

Trumps Hauptproblem mit dieser Personalie ist: Er hat keine Kamala Harris im Angebot. Stattdessen tritt er erneut mit dem stramm konservativen Mike Pence als Vize-Kandidaten an. Der sichert für Trump zwar Stimmen von evangelikalen Christen, dürfte ihm aber kaum dabei helfen, jüngere, moderne Frauen aus den Vororten der großen Städte oder Wähler aus der Gruppe der neuen Einwanderer zu gewinnen.

Die Idee, Pence deshalb durch die frühere Uno-Botschafterin Nikki Haley zu ersetzen, soll Trump aufgegeben haben. Viel Zeit bliebe ihm dafür ohnehin nicht mehr. Die Republikaner nominieren Trump und seinen Vizepräsidentschaftskandidaten schon nächste Woche bei ihrem Parteitag in Charlotte, North Carolina. Das wäre dann die letzte Gelegenheit für einen Wechsel.  © DER SPIEGEL