Deniz Yücel hat das Gefängnis in der Türkei verlassen. Der Journalist saß über ein Jahr in Untersuchungshaft, ohne dass je Anklage erhoben worden wäre.

Yücel sei frei, schrieb die "Welt" am Freitag bei Twitter. Yücels Anwalt Veysel Ok twitterte gegen 13:40 Uhr ein Bild des Journalisten, auf dem er seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel umarmt.

Gegen Yücel wird keine Ausreisesperre verhängt, es steht ihm demnach frei, nach Deutschland zurückzukehren.

Trotz der angeordneten Freilassung soll in der Türkei jedoch ein Strafverfahren gegen den "Welt"-Korrespondenten eröffnet werden. Das vermeldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Das 32. Strafgericht in Istanbul habe die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft am Freitag angenommen.

Die Staatsanwaltschaft fordere darin wegen "Propaganda für eine Terrororganisation" und "Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit" zwischen vier und 18 Jahre Haft.

Zugleich habe das Gericht die Freilassung Yücels aus der Untersuchungshaft angeordnet, meldete Anadolu weiter. Das ist kein unübliches Verfahren in der Türkei: Gerichte können zu Beginn eines Verfahrens oder auch davor die Freilassung von Verdächtigen aus der Untersuchungshaft verfügen.

Merkel dankt dem Außenministerium

Kanzlerin Angela Merkel dankte im Rahmen ihrer Pressekonferenz mit dem polnischen Premierminister vor allem dem Außenministerium und auch der Zivilgesellschaft für den Kampf um die Freilassung Yücels. "Ich möchte allen danken, die sich dafür eingesetzt haben, dass Deniz Yücel nun offensichtlich, ich sag’s noch vorsichtig, auf freiem Fuß ist. Und deshalb schließe ich in diesen Dank auch ganz besonders die Bemühungen des Außenministeriums mit ein und des Außenministers", erklärte Merkel. Auf die Frage, was genau zur Freilassung geführt habe, sagte die Kanzlerin: "Es zeigt sich, dass Gespräche auch vielleicht nicht ohne Nutzen sind. Wie genau die Wirkungen sind, weiß man nicht."

SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles mahnte an, auch die anderen Gefangenen in der Türkei nicht zu vergessen. "Ich freue mich sehr über die guten Nachrichten zu Deniz Yücel, viel zu lange mussten wir darauf warten", sagte Nahles am Freitag in Berlin. "Doch wir werden nicht vergessen und uns weiter dafür einsetzen, dass auch alle anderen zu Unrecht inhaftierten Deutschen in der Türkei so schnell wie möglich wieder in Freiheit sein werden."

Noch immer viele Journalisten in Haft

Unter den Inhaftierten sind auch viele Journalisten. So wurden am selben Tag, an dem Yücel freikam, die türkischen Journalisten Mehmet und Ahmed Altan sowie Nazli Ilicak zu lebenslanger Haft wegen angeblicher Nähe zu dem Prediger Gülen verurteilt. Der in den USA im Exil lebende Gülen wird von der türkischen Regierung für den Putschversuch von 2016 verantwortlich gemacht.

Yücel hatte sich am 14. Februar 2017 freiwillig der türkischen Justiz gestellt und war kurz darauf in Untersuchungshaft genommen worden. Anschließend wurde gegen ihn wegen Terrorvorwürfen Untersuchungshaft verhängt. "Das war ein richtiger Agent und Terrorist", sagte der türkische Erdogan im April.

(ska/dpa)

Bildergalerie starten

Fotos aus aller Welt: Erstaunliche Augenblicke

Hier sehen Sie - ständig aktualisiert - die außergewöhnlichsten Fotos aus aller Welt.