Britische Behörden prüfen den Verdacht, dass das Referendum mit obskuren Geldmitteln und Hilfe der umstrittenen Datensammler von Cambridge Analytica gewonnen wurde. Auf mehrere Minister kommen unangenehme Fragen zu.

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Der Whistleblower, der den Facebook-Datenskandal ins Rollen gebracht hat, hält den Brexit für gekauft.

Das knappe Votum der Briten für einen Austritt aus der EU sei mithilfe schwarzer Kassen und "Betrugs" erschwindelt worden, sagte der Datenanalyst Christopher Wylie in einem Gespräch mit dem SPIEGEL und mehreren europäischen Zeitungen.

Und eine zentrale Rolle spiele dabei sein Ex-Arbeitgeber Cambridge Analytica, bei dem es sich um eine Art "privatisierte NSA" handele. "Die Integrität des gesamten Brexit-Prozesses steht infrage", so Wylie.

Wylie und der britische "Observer" hatten in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass Cambridge Analytica rund 50 Millionen Daten von Facebook-Kunden unrechtmäßig erworben hatte, um diese für den Wahlkampf von Donald Trump zu missbrauchen.

Verstrickung mit Brexit-Strategen?

Am vergangenen Donnerstag übergaben der 28-Jährige und zwei weitere Whistleblower der britischen Wahlkommission ein 46-seitiges Dossier sowie drei Aktenordner mit E-Mails und Zeugenaussagen, um die Verstrickung der Firma mit führenden Brexit-Strategen zu belegen.

In der Nacht zum Samstag durchsuchten britische Behörden die Büros von Cambridge Analytica in London.

Im Zentrum der Vorwürfe steht die offizielle Brexit-Kampagne "Vote Leave" um den heutigen Außenminister Boris Johnson und den heutigen Umweltminister Michael Gove. Die Gruppe steckte nach eigenen Angaben rund 40 Prozent ihres gesamten Budgets in die obskure Datenanalysefirma AggregateIQ (AIQ).

Das Unternehmen mit Sitz in Kanada sei aber nichts weiter als eine Ausgründung von Cambridge Analytica gewesen, die er selbst mitaufgebaut habe, sagt Wylie. "AIQ und Cambridge Analytica arbeiteten Hand in Hand" und hätten auch dieselben digitalen Werkzeuge benutzt.

Das Geschäftsmodell beider Firmen sei der Missbrauch von Daten, so der 28-Jährige. Es gehe darum, aus unzähligen Daten Persönlichkeitsprofile von Menschen zu erstellen, deren Vorlieben und Schwächen zu ergründen, um dann maßgeschneiderte Werkzeuge für die psychologische Beeinflussung - das sogenannte Targeting - zu entwickeln. "Danach führt man die Menschen in einen Tunnel voller Fake News."

Vor der jüngsten US-Präsidentschaftswahl habe Cambridge Analytica auf diese Weise etwa "Paranoia vor dem Deep State" geschürt. So seien damals einzelne wirre Gerüchte umgegangen, wonach Präsident Barack Obama nicht zurücktreten werde und bereits Waffen im gesamten Land konfiszieren lasse, damit kein Widerstand gegen diesen Staatsputsch möglich sei.

Diese Lügen habe Cambridge Analytica aufgegriffen, verstärkt und gezielt weiterverbreitet, so Wylie. Targeting sei auch der einzige Daseinszweck von AIQ und während des Brexit-Referendums massenhaft zum Einsatz gekommen.

Spende angeblich auf Umwegen transferiert

Die "Vote Leave"-Kampagne steht zudem im Verdacht, vor dem Referendum 2016 deutlich mehr Geld investiert zu haben als es die britischen Wahlkampfregeln vorsehen.

Weil die Obergrenze von sieben Millionen Pfund bereits erreicht war, soll "Vote Leave" eine Spende in Höhe von 625.000 Pfund auf Umwegen zu AIQ transferiert haben.

Dafür sei die damalige Aktivistengruppe BeLeave benutzt worden, berichtet der "Guardian" unter Verweis auf einen weiteren Whistleblower.

Die 625.000 Pfund seien offiziell bei BeLeave verbucht worden, tatsächlich auf direktem Weg von "Vote Leave" zu AIQ geflossen. "Sie haben eine Methode entwickelt, um viel mehr Geld als erlaubt ins Targeting pumpen zu können", sagt Wylie.

Er sei kein ausgesprochen großer Fan der Europäischen Union, so der in London lebende Kanadier - "aber Betrug ist Betrug".

Die Briten hatten seinerzeit mit 52 gegen 48 Prozent für den Brexit gestimmt. Ohne die fragwürdigen Machenschaften sei das "niemals möglich" gewesen, so Wylie, der am morgigen Dienstag vor einem Ausschuss des britischen Parlaments aussagen wird.

Wylies Anwältin Tamsin Allen sagte, der Vorwurf mehrerer "krimineller Handlungen" stehe im Raum. Das Referendum könne nicht mehr annulliert werden, aber der politische Schaden sei immens. "Womöglich ist der Wille des Volkes, auf den sich immer alle berufen, gekauft worden."

"Vote Leave" bestreitet sämtliche Vorwürfe. "Unsere Daten sind nicht einmal in die Nähe von Cambridge Analytica gelangt", sagte ein Sprecher.

Außenminister Johnson bezeichnete die Anschuldigungen als "durch und durch lächerlich". Das Brexit-Referendum sei "fair, anständig und legal" gewonnen worden.  © SPIEGEL ONLINE

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