Vor Barack Obamas Besuch in Hannover stellten sich einige Fragen: Was würde der US-Präsident Europa hinterlassen? Was dem alten Partner ins Stammbuch schreiben? Es wird ein Loblied sondergleichen, ein Bekenntnis voller Pathos und Wärme. Große Rhetorik überwölbt den Ernst der Lage.

Es war das allereindeutigste Bekenntnis zu Europa, das Barack Obama jemals abgelegt hat. Nie zuvor hat der US-Präsident die gemeinsamen Werte so betont, die Europäische Union so als Modell gelobt, die Europäer so beschworen.

Ja, schwere Zeiten seien das, voller Herausforderungen und Fährnisse. Der Kontinent rückt nach rechts, seine Wirtschaft lahmt, die Gemeinsamkeiten schwinden. Aber das Vermächtnis, das Obama an diesem Montag in Hannover hinterlegen will, könnte eindeutiger nicht sein.

"Die USA und die ganze Welt brauchen ein starkes, ein vereintes Europa. Ein friedliches, pluralistisches Europa" ruft Obama. Dieser Kontinent sei einer des ständigen Krieges gewesen, und nun? Ja, es gebe Bedrohungen. Aber: "Erinnert Euch an das, was Ihr alles erreicht habt!"

Barack Obama lobt Deutsche

Die EU: eine der größten politischen Errungenschaften der Gegenwart. Ein einiges Europa: von vitalem Interesse für die Weltordnung. Hohe Bilder wählt Obama. Schmeichelt dem deutschen Volk, nochmals lobt er die Kanzlerin. Der Amerikaner beschwört Europa in einem Pathos, das der Pokerface-Europäerin Angela Merkel vollkommen wesensfremd ist.

Woher die Wucht dieses Bekenntnisses?

Barack Obama war in den gut sieben Jahren seiner Präsidentschaft nie speziell interessiert an diesem Teil der Welt. Er war gewiss nie gegen Europa oder die EU, fand aber Asien schlicht spannender. Wichtiger, interessanter, prosperierender.

Nun, sozusagen im Winter seiner zwei Amtszeiten, in Zeiten des internationalen Terrorismus und historischer Völkerwanderungen, da dürfte dem Präsidenten klar geworden sein, wie sehr der Westen zusammenhalten muss, wenn nicht alles den Bach runtergehen soll. Der späte Barack Obama will den einen Westen - nicht viele kleine.

Obama: "Ein entscheidender Moment der Geschichte"

Und so zählt er einige Probleme auf. Fremdenhass, Unsicherheit, Intoleranz, Armut, Seuchen - all das lasse sich besser gemeinsam angehen. Der Terror sei im Herzen des Kontinents angekommen, an seinen Arbeitsplätzen, in seinen Cafés und Flughäfen. "Dies ist ein entscheidender Moment in der Geschichte", mahnt Obama.

Von Anbeginn an hat Obama Wert darauf gelegt, dass die USA nicht mehr alles alleine machen können und wollen und zog, unter anderem, die Truppen aus dem Irak und Afghanistan ab. Obama nahm dem Weltpolizisten USA sozusagen die Mütze ab. Nur hat diese Rolle, die dann auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollte, bisher niemand anderes angenommen.

Das ist zum einen ein gewaltiges Problem, zum anderen wird es Obama selbst zum Vorwurf gemacht. Also wirbt er. Wiederholt seine Mahnungen, fordert mehr Geld für Verteidigung, lobt die Kraft der Institutionen, der Vereinten Nationen, der Nato.

Die Hinwendung zu Asien war in der Konsequenz weniger eine Abwendung der USA von Europa denn eine vom Nahen Osten. Die Probleme dort sind indes so gewaltig, dass die Europäer sie nicht nur nicht alleine lösen können, sondern in der Form Hunderttausender Flüchtlinge auch am unmittelbarsten mitbekommen. Merkel hatte das am Sonntag sehr offen gesagt.

Obama verbreitet Optimismus

Fast beiläufig bestätigt der Präsident am Montag, dass die USA 250 Soldaten mehr nach Syrien schicken wollen. Seine Strategen halten die Zusammenarbeit der "Special Forces" vor Ort für so erfolgreich, dass sie ausgebaut werden soll. Ja, das seien Kampftruppen. Nein, kämpfen sollten sie nicht, nur unterstützen. Und lehren.

Obama möchte unbedingt Optimismus verbreiten, das streuen seine Hintersassen noch direkt vor der Rede. Mit Bedacht werde diese Rede gerade in Deutschland gehalten, mitten im verzagten Europa. Schon sein Auftritt in London war bemerkenswert, kraftvoll und laut sein Aufruf für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Ein Treffen mit den wichtigsten Nationen Europas am Montagnachmittag sollte die Reise abschließen.

Und so ist das "Wir" der gemeinsame Bogen dieser sechstägigen Reise. Am Golf, in London, in Deutschland mahnt der Präsident der letzten Supermacht zu Gemeinsamkeit, Multilateralismus, kollektiven Lösungen. Keine Alleingänge, kein Isolationismus, keine Spaltereien. Wie mächtig mag diese Botschaft in seinem letzten Amtsjahr sein?

Eigentlich sollte Obama seine wohl letzte Rede als Präsident in der hannoverschen Universität halten. Dass es eine Messehalle wurde, lag am Secret Service. Das Glasdach der Uni gleich neben den Herrenhäuser Gärten, wo Merkel ihn am Vortag empfangen hatte, war zu unsicher. Also Umzug in die Halle 35. Die großen Scheiben und Türen wurden wegen des Präsidenten sämtlich verhängt, Sicherheitsstandard. In der zugigen Halle macht Obama es dann zum Schluss seiner Rede den Europäern nochmals ganz warm ums Herz.

Für immer und ewig würden die USA an der Seite Europas stehen. Schulter an Schulter, das verspricht der Präsident. Dann schaut er auf, winkt - und geht. Aus den Boxen schickt eine kluge Regie Andreas Bouranis Hymne zur Fußballweltmeisterschaft 2014 in die Halle. Tatsächlich bildet sie den perfekten Deckel, das treffendste Dach für diese Rede, für Abschied und Appell des scheidenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: "Ein Hoch auf uns!" (dpa/tfr)