• Mit dem erklärten Rückzug von Schiitenführer Muktada Al-Sadr aus der Politik im Irak scheinen seine Anhänger außer Kontrolle.
  • In der Grünen Zone, einst einer der sichersten Orte in Bagdad, liefern sie sich Gefechte mit Iran-treuen Milizen.
  • Das hat auch Auswirkungen auf die dort angesiedelten Auslandsvertretungen.

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Der politische Konflikt im Irak hat sich in der Nacht zum Dienstag gewaltsam verschärft. Videos zeigten die Miliz Saraja al-Salam des einflussreichen Schiitenführers Muktada al-Sadr, die sich in der sogenannten Grünen Zone in Bagdad mit Iran-treuen Milizen schwere Kämpfe liefert.

Dabei waren lange Feuersalven zu hören. Nach Angaben aus Krankenhäusern, Sicherheitskreisen und von Augenzeugen kamen mindestens 25 Menschen ums Leben, rund 450 wurden verletzt. Die Kämpfe gingen am Dienstagmorgen trotz einer Ausgangssperre teils weiter.

Prediger Al-Sadr ruft Anhänger zum Rückzug auf – Demonstranten folgen Anordnung

Muktada al-Sadr rief seine Anhänger zum Rückzug auf. Sollten sie nicht innerhalb einer Stunde ihre Belagerung im Regierungsviertel beenden, werde er selbst von seiner eigenen Bewegung abrücken, erklärte der schiitische Geistliche in einer Fernsehansprache.

Es mache ihn traurig, was im Irak passiert sei. Er habe auf friedliche Proteste gehofft. "Ich entschuldige mich beim irakischen Volk", sagte Al-Sadr weiter.

Die Anhänger des einflussreichen Predigers folgten am Dienstag dessen Anordnung und beendeten ihr Protestlager am Parlament. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sie ihre Zelte abbauten.

Die UN-Mission im Irak begrüßte die "gemäßigte Erklärung" Al-Sadrs. "Zurückhaltung und Ruhe sind notwendig, damit die Vernunft siegt", schrieb sie auf Twitter. Der geschäftsführende irakische Regierungschef Mustafa al-Kasimi twitterte, Al-Sadrs Aufruf, die Gewalt zu beenden, sei der "Inbegriff des Patriotismus".

Eskalation in Bagdad: Gefechte in hoch gesicherter Grüner Zone – auch Gegend um Botschaften betroffen

In der Nacht auf Dienstag war nach Angaben aus Sicherheitskreisen das Regierungsviertel Bagdads beschossen worden. In der rund zehn Quadratkilometer großen und eigentlich hoch gesicherten Grünen Zone im Zentrum Bagdads befinden sich zahlreiche Regierungseinrichtungen, das irakische Parlament sowie mehrere Botschaften, darunter auch die diplomatische Vertretung der USA. Die Gegend gilt eigentlich als sicherer Zufluchtsort.

Berichten zufolge gingen in der Nacht mehrere Raketen in der Grünen Zone nieder. Mindestens siebenmal sei die sogenannte Grüne Zone im Zentrum der Stadt beschossen worden, die Sicherheitskräfte dort hätten jedoch nicht zurückgeschossen. Wer geschossen habe, sei bisher unklar. Videos in sozialen Netzwerken sollen zeigen, dass daraufhin auch das Raketenabwehrsystem (C-Ram) zum Schutz der US-Botschaft aktiviert wurde.

AFP-Journalisten berichteten am Dienstag über Schüsse automatischer Waffen und Raketen in der Grünen Zone, die in ganz Bagdad zu hören gewesen seien. Die irakische Regierung gab bekannt, dass eine seit Montagabend geltende Ausgangssperre auch am Dienstag in Kraft bleibe. Schulen, öffentliche Verwaltungsgebäude und Geschäfte blieben geschlossen.

Außenminister der Niederlande Hoekstra: Botschaftsmitarbeiter wurden evakuiert

Der niederländische Außenminister Wopke Hoekstra teilte mit, in der Gegend um seine Botschaft werde gekämpft. Die Mitarbeiter seien evakuiert worden und würden vorübergehend aus der deutschen Botschaft arbeiten. Die Lage im Irak sei "sehr angespannt" und ändere sich rasch, schrieb Hoekstra bei Twitter.

Er sei zutiefst beunruhigt, schrieb Hoekstra weiter. Deeskalation und Zurückhaltung aller Beteiligten seien nun das Wichtigste, teilte das niederländische Außenministerium mit. "Jedwede Gewalt sollte vermieden werden und alle Gesetze müssen eingehalten werden." Die Niederlande unterstützten die Stabilität und Souveränität des Irak.

Der Iran stellte alle Flüge in Richtung Bagdad ein und schloss nach Angaben des Innenministeriums auch die Grenzen zum Nachbarland Irak. "Die Grenzen bleiben bis auf Weiteres geschlossen, bis die politische Lage in Irak sich beruhigt", sagte ein Ministeriumssprecher laut iranischen Medien.

Anhänger von Al-Sadr hatten am Montag den Regierungspalast in Bagdad gestürmt

Anhänger des einflussreichen Geistlichen Al-Sadr hatten den Regierungspalast mit dem Büro von Ministerpräsident Mustafa al-Kasimi am Montag gestürmt und vorübergehend besetzt. Zuvor hatte Al-Sadr seinen Rückzug aus der Politik erklärt. Am späten Montagabend gab der 48 Jahre alte Religionsführer auch bekannt, in einen Hungerstreik zu treten, bis die Gewalt gegen seine Anhänger eingestellt werde.

Seit der US-geführten Invasion im Jahr 2003 wird der Irak nach einem konfessionellen Proporzsystem regiert, nach dem das Amt des Ministerpräsidenten den Schiiten vorbehalten ist. Die Sadr-Bewegung war bei der Parlamentswahl im Oktober zwar stärkste Kraft geworden, konnte aber keine Mehrheit bilden. Im Juni dann waren Sadrs Abgeordnete geschlossen zurückgetreten.

Einen von seinen politischen Gegnern vorgeschlagenen Regierungschef will Al-Sadr auch nicht akzeptieren. Es entstand eine politische Pattsituation, die sich über Monate immer weiter zuspitzte. Al-Sadr fordert als Ausweg aus der Krise Neuwahlen. Vor einem Monat hatten seine Anhänger bereits das Parlamentsgebäude besetzt.

Landesweite Ausgangssperre verhängt – Demonstrationen breiten sich auf andere Provinzen aus

Eigentlich galt schon ab Montagnachmittag in Bagdad und ab demselben Abend eine landesweite Ausgangssperre. Ministerpräsident Al-Kasimi ordnete an, dass die offiziellen Arbeitszeiten am Dienstag im ganzen Land ausgesetzt seien. Das teilte das Kabinett der staatlichen Nachrichtenagentur INA zufolge in der Nacht mit.

Die Demonstrationen der Sadristen breiteten sich auch auf andere Provinzen aus. Laut Berichten zogen Al-Sadrs Anhänger dabei unter anderem auch in Basra und Dhi Kar im Süden auf die Straße und besetzten Gebäude der Provinzregierungen. Dass der Konflikt sich in einen landesweiten "Bürgerkrieg unter Schiiten" ausweite, sei derzeit aber noch unwahrscheinlich, schrieb Jisar al-Maliki, Analyst bei der Middle East Economic Survey (MEES).

UN-Generalsekretär António Guterres äußerte sich besorgt über die Proteste. Er rufe zu Ruhe und Zurückhaltung auf, teilte sein Sprecher mit. Die Europäische Union bezeichnete es in einer Mitteilung als "entscheidend, dass alle Akteure von Handlungen absehen, die zu weiterer Gewalt führen könnten".

Die US-Botschafterin im Irak, Alina Romanowski, erklärte, die "Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit des Irak" könne nicht aufs Spiel gesetzt werden. (dpa/AFP/ank)

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