• 2022 gab es deutlich mehr Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte als in den Jahren zuvor.
  • Die Zahl der Angriffe gegen Asylbewerber oder Geflüchtete außerhalb von Unterkünften blieb mit 1.248 Angriffe etwa gleich.
  • Die Linksfraktion im Bundestag zeigt sich alarmiert – Migrationsexperten weisen auf das "vergleichsweise niedrige Niveau" hin.

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Neben der steigenden Anzahl Geflüchteter haben im vergangenen Jahr auch die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte seit 2015 wieder zugenommen. 2022 gab es 121 Sachbeschädigungen, Anschläge, Überfälle und tätliche Angriffe auf solche Unterkünfte, ein Plus von 73 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor.

Das zeigen vorläufige Zahlen, die das Bundesinnenministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion veröffentlichte und die unserer Redaktion vorliegen. Trotz der Zunahme lag die Zahl der Anschläge und Angriffe auf Geflüchteten-Unterkünfte noch deutlich unter dem Höhepunkt zur Zeit der Flüchtlingskrise 2015.

2022 gab es 121 Angriffe auf Geflüchteten-Unterkünfte, ein Plus von 73 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor.

Damals wurden 1.047 Übergriffe gegen die Unterkünfte verzeichnet. Die Behörden registrierten 2022 zudem 1.248 Angriffe gegen Asylbewerber oder Flüchtlinge außerhalb von Unterkünften. Das waren in etwa so viele wie im Vorjahr mit 1.184 Fällen.

Als Grund dafür gelten dem Bericht zufolge das Auslaufen der Corona-Auflagen sowie die gestiegene Zahl von Geflüchteten. 2022 seien knapp 218.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen – so viele wie zuletzt 2016. Dazu kamen eine Million Ukrainer.

Angriffe auf Flüchtlinge 2022
2022 verzeichneten die Behörden 1.248 Angriffe gegen Asylbewerber oder Flüchtlinge außerhalb von Unterkünften.

dezim: "Vergleichsweise niedriges Niveau“

Auf das "vergleichsweise niedrige Niveau" der Angriffe weist Daniel Bax, der Pressesprecher des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (dezim) hin. "Das ist kein Vergleich zu 2015 und 2016, als es pro Jahr zehnmal mehr solche Angriffe gab", sagt er unserer Redaktion. Laut den jüngsten Umfragen des Instituts ist aktuell die Aufnahme- und Hilfsbereitschaft gegenüber ukrainischen Geflüchteten "sehr groß".

Die 121 Angriffe auf Geflüchteten-Unterkünfte im vergangenen Jahr seien im Vergleich nicht gerade wenig. Doch spiegele das nicht die allgemeine, "positive Stimmung" in Deutschland gegenüber der über eine Million geflüchteten Ukrainern wider. "Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß – das zeigen die Umfragen, die wir durchgeführt haben."

Das könnte auch daran liegen, dass größtenteils Frauen und Kinder bei uns ankommen und den Flüchtlingen aus der Ukraine eine größere "kulturelle Nähe" nachgesagt wird als anderen, meint Bax. Aber auch, weil Deutschland in diesem Krieg die Ukraine unterstütze.

Immer wieder Proteste gegen Bau von Unterkünften

Parallel dazu gab es in letzter Zeit einige hitzige Proteste gegen den Bau der Unterkünfte. Dabei musste mehrmals die Polizei eingreifen. So auch in Greifswald, wo sich die Ortsteilvertretung gegen eine Unterkunft aussprach – der Kreistag Vorpommern-Greifswald machte unterdessen den Weg frei.

Die Angriffe auf Unterkünfte für Geflüchtete bewertet Clara Bünger, fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion, so: "Wir dürfen uns niemals daran gewöhnen, dass geflüchtete Menschen beleidigt, erniedrigt, angegriffen und verletzt werden." Jeder rassistische Angriff sei einer zu viel, schreibt sie in einer Mitteilung. Sie erwarte von Bund und Ländern, dass sie "endlich geeignete Schutzkonzepte" entwickelten. Dringend notwendig wäre zudem ein Bleiberecht für Opfer rassistischer Gewalt.

Acht von zehn Geflüchteten kommen aus der Ukraine

Ukrainerinnen und Ukrainer machten im vergangenen Jahr 80 Prozent aller Geflüchteten aus. Sie erhielten den in der EU vereinbarten "unmittelbaren vorübergehenden Schutz", ohne ein Asylverfahren durchlaufen zu müssen. Daneben stehen die 244.000 Asylanträge, die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingingen, informiert das Innenministerium in einer Pressemitteilung. Die meisten Anträge wurden von Menschen aus Syrien, Afghanistan und der Türkei gestellt.

"Nach dem Vorbild der Aufnahme Geflüchteter aus der Ukraine muss auch für Asylsuchende eine flexible Unterbringungspolitik umgesetzt werden, die eine Entlastung für Kommunen und Bundesländer darstellen würde", schreibt die Menschenrechtsorganisation ProAsyl unserer Redaktion.

Denn hinsichtlich der "Unterbringungskapazitäten" in Geflüchteten-Unterkünften hätte besser vorgesorgt werden müssen, wie durch eine Aufhebung der Wohnpflicht in Sammelunterkünften, so Pro Asyl. Die "Krise der Unterbringungspolitik" bestehe seit Jahren und nicht erst, seitdem Schutzsuchende aus der Ukraine aufgenommen worden seien.

Verwendete Quellen:

  • Antwort des Bundesinnenministeriums auf die Kleine Anfrage der Linksfraktion zu: "Proteste gegen und Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte" - Drucksache 20/5773 (PDF)
  • Gespräch mit Daniel Bax, Pressesprecher des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (dezim)
  • Pro Asyl
  • Bundesministerium des Innern und für Heimat: Acht von zehn Schutzsuchenden kommen aus der Ukraine
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