Kanzlerin Angela Merkel wird mitunter direkt für das Erstarken der Rechtspopulisten in Deutschland verantwortlich gemacht. Eine These lautet: Wenn sie geht, könnten die beiden Volksparteien CDU und SPD endlich wieder ihre traditionellen Profile schärfen, konservativ auf der einen, sozialdemokratisch auf der anderen Seite. Dadurch würde die AfD wieder an Einfluss verlieren. Was ist dran an diesem Gedankenspiel?

Die "Alternative für Deutschland" feiert sich und ihre Umfragewerte auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart. Die etablierten Parteien schieben sich dagegen munter die Mitverantwortung für das Erstarken der Rechtspopulisten zu.

Partei kann in Grundsatzprogramm extreme Positionen knapp verhindern.

In einem Kommentar von "Spiegel Online" wird ebenfalls die These aufgegriffen, Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse sich politisch opfern und auf ihre Kanzlerkandidatur 2017 verzichten, damit sich CDU und SPD inhaltlich wieder auf ihre Wurzeln besinnen könnten.

Merkels Ende als Neuanfang?

Nur so würde sie ein weiteres Erstarken der AfD verhindern. Auch, da Merkel wie keine andere Person für das politische Establishment stünde, von dem viele AfD-Wähler genug hätten.

Was ist dran an dieser These? Wird die AfD noch stärker, sollte sich die Regierungschefin zur Wiederwahl stellen? Anders gesagt: Kann die AfD nur eingebremst werden, wenn Merkel weg ist?

Wir haben beim Parteienforscher Carsten Koschmieder von der Freien Universität Berlin nachgefragt.

Ist eine weitere Kanzlerschaft Merkels eine "Gefahr" für die Volksparteien CDU und SPD?

Für die CDU nein, im Gegenteil. Für die SPD sehr wohl, meint Koschmieder. Umfragen zu den beliebtesten Politikern und der Zufriedenheit der Bürger mit der Arbeit einzelner Politiker würden vor allem eines zeigen: Bis auf die Flüchtlingspolitik seien viele Wähler nach wie vor zufrieden mit der Kanzlerin, erklärt der Politikwissenschaftler.

Merkel habe im Vergleich zu ihren Hoch-Zeiten zwar eingebüßt, sei aber nach wie vor beliebt. "Das sind die Fakten", sagt Koschmieder und erklärt: "Es ist eben nicht so, dass die Bevölkerung die Kanzlerin satt hat. Die CDU hat ihre nach wie vor guten Umfragewerte Merkel zu verdanken. Sie ist weiter ein Erfolgsgarant."

Koschmieders Fazit: Für die CDU ist Merkel gut, weil sie bei der kommenden Wahl den Kanzlerbonus habe; für die SPD wäre eine erneute Kandidatur Merkels dagegen schlecht, weil die Sozialdemokraten gegen sie - zumindest aktuell - nicht punkten könnten.

Koschmieder: "Man sieht es daran, dass in der SPD momentan gar niemand Kanzlerkandidat werden will. Könnten sich die Wählerinnen und Wähler zwischen Merkel und Sigmar Gabriel (SPD-Parteichef, d. Red.) entscheiden, dann würde aktuell Merkel mit Riesenabstand gewinnen."

Hat Merkel den Druck, sich auf konservative CDU-Werte zu besinnen, um Wähler abzuholen, die sie mutmaßlich an die AfD verliert?

Koschmieder hat eine klare Meinung hierzu: Die CDU müsste demnach eben nicht politisch nach rechts außen gehen, um bei der kommenden Bundestagswahl erfolgreich zu sein.

"Wir gehen davon aus, dass es in der politischen Mitte viel mehr zu verlieren gibt, als Merkel am rechten Rand holen könnte, zumal sie sich mit einem solchen Schritt unglaubwürdig machen würde", schildert er. Merkels Kurs sei aus Sicht der Partei auch kein Fehler, der eventuell von einem anderen Parteichef ausgebügelt werden müsste.

AfD: Stimmen nicht nur aus konservativem Lager

"Die CDU hat mit dem Kurs von Merkel, sich der Mitte zu öffnen, bei den vergangenen Wahlen eine absolute Mehrheit nur um wenige Stimmen verpasst. Ja, die Partei hat am konservativen Rand Stimmen verloren, aber die AfD bekommt mitnichten nur Stimmen aus dem konservativen Lager."

Da die AfD im Kern ausländerfeindlich sei, erhalte sie zum Beispiel auch Stimmen von ursprünglichen Wählern der SPD oder der Linken, die unzufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation seien und dafür Ausländer verantwortlich machten, erklärt der Parteienforscher. "Die AfD gewinnt nicht entscheidend von der CDU."

Muss sich Merkel opfern, um den Erfolg der AfD einzudämmen?

"Ich kenne kein Argument, dass in diese Richtung geht. Die AfD ist zwar erfolgreich als eine Anti-Establishment-Partei, aber es ändert nichts, wenn Sie eine Person aus diesem Establishment auswechseln", sagt Koschmieder.

Würde eine andere Politikerin oder ein anderer Politiker statt ihrer Kanzlerin oder Kanzler, würde die AfD eben dann diese Person hassen und auch weiterhin behaupten, er oder sie ruiniere Deutschland, erklärt der Politologe.

"Die AfD hat Merkel jetzt als Feindbild, aber schlicht durch ihre Position als Kanzlerin. Auch auf einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin würde sich die AfD einschießen. Die Kritiker sind nicht plötzlich zufrieden, nur weil Merkel abtritt. Die Politik der demokratischen Parteien bliebe ja ähnlich."

Diplom-Politologe Carsten Koschmieder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl des renommierten Parteienforschers Prof. Dr. Oskar Niedermayer an der Freien Universität Berlin. Koschmieder forscht zu verschiedenen Themen der politischen Soziologie, unter anderem zu Eigenheiten und Entwicklungen des deutschen Parteiensystems.