• Israela Ministerpräsident Jair Lapid ist in Berlin.
  • Neben der Tagespolitik bestimmt vor allem die Erinnerung den Besuch bei Bundeskanzler Scholz.
  • Bei einer emotionalen Begegnung mit Holocaust-Überlebenden fließen Tränen.

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Nein, Israels Ministerpräsident Jair Lapid musste bei der Pressekonferenz mit Kanzler Olaf Scholz nicht am selben Ort stehen, von dem aus Palästinenserpräsident Mahmud Abbas seinem Land vor vier Wochen 50-fachen Holocaust vorgeworfen hat. Die Presseecke im ersten Stock des Bundeskanzleramts, in der sonst fast alle Pressekonferenzen stattfinden, wird gerade umgebaut.

Außerdem ermöglicht es das prächtige Spätsommer-Wetter am Montag in Berlin, die Rednerpulte für Scholz und Lapid draußen im Garten des Kanzleramts aufzubauen. Das kommt nur ganz selten vor - eine besondere Geste für einen besonderen Verbündeten Deutschlands.

"Was Abbas gesagt hat, war abscheulich"

Die physische Distanzierung vom Ort des Abbas-Eklats passt zu dem, was die beiden in der Pressekonferenz dazu zu sagen haben. "Was Präsident Abbas gesagt hat, war abscheulich, war respektlos und schrecklich, einfach nur furchtbar", sagt Lapid. Scholz ergänzt, jede Relativierung des Holocaust sei inakzeptabel und man werde sie nicht hinnehmen. "Sie ist auch ein Verbrechen gegenüber den Opfern der Schoah, die so viel Leid erfahren haben."

Die Äußerungen von Abbas gelten als die schlimmste verbale Entgleisung, die es im Kanzleramt je gegeben hat. "Israel hat seit 1947 bis zum heutigen Tag 50 Massaker in 50 palästinensischen Orten begangen. 50 Massaker, 50 Holocausts", hatte der Palästinenserpräsident auf die Frage gesagt, ob er sich für das Olympia-Attentat von 1972 entschuldigen wolle. Der Kanzler verpasste die Gelegenheit, direkt darauf zu reagieren, verabschiedete Abbas sogar mit einem Handschlag. Erst später distanzierte er sich sehr deutlich - für viele zu spät.

Lapid macht bei der Pressekonferenz deutlich, dass das für ihn kein Thema ist. Scholz sei von den Abbas-Äußerungen überrascht worden. "Ich habe dem Bundeskanzler gedankt, dass er danach reagiert hat auf das, was Abbas gesagt hat", sagt Lapid. "Wir schätzen, dass er das so eindeutig gesagt hat."

Besuch im Haus der Wanseekonferenz

Der emotionale Teil des Lapid-Besuchs steht am Nachmittag nach dieser Pressekonferenz auf dem Programm. Scholz und sein Gast fahren ins Haus der Wannseekonferenz. In der idyllisch am Wannsee gelegenen Villa hatten hochrangige NS-Beamte und SS-Größen am 20. Januar 1942 in kaltem Bürokratendeutsch die Beschleunigung und Organisation der Ermordung Millionen europäischer Juden verabredet. Von "natürlicher Verminderung" und "verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten" der "Judenfrage", wie die Beteiligten es damals nannten, war die Rede. Im Protokoll der Besprechung ist das nachzulesen.

Nun sitzen Scholz und Lapid gemeinsam mit mehreren Holocaust-Überlebenden genau dort, wo vor gut 80 Jahren die Täter saßen. Es sind Bilder mit großer Symbolkraft. "Dies ist ein furchtbarer Ort. Hier ist ein furchtbares Verbrechen geplant worden", sagt Scholz, "bürokratisch, pedantisch, mit Präzision".

In Israel lebten nach Angaben des Ministeriums für soziale Gleichheit Anfang des Jahres noch rund 160.000 Überlebende. Im Schnitt waren sie zu dem Zeitpunkt 85 Jahre alt.

Ganze Familie "erstickt durch Zyklon B"

In emotionalen Berichten schildern die hochbetagten Überlebenden, die mit Lapid aus Israel angereist sind, ihre Erlebnisse und erzählen von Verbrechen, deren Augenzeuge sie wurden. Zum Beispiel Zvi Gil, in Polen geboren. Seine ganze Familie sei "erstickt durch Zyklon" (in den Vernichtungslagern der Nazis wurde die Chemikalie Zyklon B zur Ermordung verwendet). Sein Instinkt und ein Sprung aus einem der Todeszüge retteten Zvi Gil das Leben.

Israelischer Ministerpräsident Lapid in Deutschland
Die Holocaust-Überlebende Schoschana Trister (links) mit Scholz und Lapid (im Hintergrund) im Haus der Wannseekonferenz.

"Unsere besten Freunde haben sich über Nacht geändert, sie haben geschimpft und Steine geschmissen", erzählt die 93-jährige Penina Katsir von ihrer Kindheit in Rumänien. "Wir waren wie eine Fliege auf der Wand." Sie stellt die Frage, wie in einer so schönen Villa solche Verbrechen geplant werden konnten.

"Es ist für mich kaum möglich, hier zu sitzen", sagt Israel Mille, ein anderer Teilnehmer. Beim Erzählen über die schlimme Vergangenheit versagt ihm auch die Stimme. "Hier darf man weinen, das gehört dazu", sagt Israels Regierungschef Lapid.

Mit leisen Worten bedankt sich Scholz nach dem Gespräch bei den Teilnehmern. Die Überlebenden an diesem Ort - das sei für ihn ein sehr berührender Moment. "Weil es ja auch zeigt, die Nazis sind besiegt worden und das ist die Verpflichtung, die wir haben, dass wir sie immer wieder besiegen."

Olaf Scholz

Union kritisiert Scholz nach Eklat bei Abbas-Besuch

Bei einer Pressekonferenz mit Olaf Scholz wirft Palästinenserpräsident Mahmud Abbas Israel vielfachen "Holocaust" vor. Der Kanzler reagiert empört, widerspricht seinem Gast bei dem gemeinsamen Auftritt aber nicht unmittelbar. (Photocredit: picture alliance / photothek / Janine Schmitz)