Es ist eine Geschichte, die bewegt: Eine Münchner Familie sucht verzweifelt ihre 16 Jahre alte Tochter. Das Mädchen ist seit Ende Februar verschwunden. Der schreckliche Verdacht: Elif Ö. könnte sich der Terrorgruppe IS angeschlossen haben. Die Indizien scheinen eindeutig, die Spuren führen in die Türkei und nach Syrien.

"Ich kann mir ein Leben ohne mein drittes Kind nicht vorstellen", schluchzt die Mutter von Elif Ö. Es ist ein Hilferuf, der die Tragödie einer ganzen Familie widerspiegelt: Ihre 16 Jahre alte Tochter ist seit dem 28. Februar verschwunden. Die Eltern glauben, dass sie sich nach Syrien abgesetzt und dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben könnte.

16-jährige Münchnerin Elif E. soll seit Anfang März in Syrien sein.

Ein Team von WDR, NDR und der "Süddeutschen Zeitung" hat sich mit den Eltern auf die Suche nach der 16-Jährigen begeben und hinterfragt, wie und warum sich Elif so radikalisieren konnte. Die Journalisten zeichnen ein trauriges Bild, das die Verzweiflung der Familie nachempfinden lässt.

Was ist passiert?

Detailliert zeichnet die "Süddeutsche Zeitung" vom Dienstag nach, wie es zu Elifs Ausbruch nach Syrien gekommen sein muss. Was das junge Mädchen alles unternommen hat, wer im Hintergrund die Fäden zog und warum die Eltern von alledem nichts ahnten:

Elif wird am 4. Januar 1999 in München geboren. Später ziehen die Eltern mit ihren Kindern in ein Reihenhaus im idyllischen Landsberg am Lech. 2013 geht die Familie zurück nach München und zieht in eine Eigentumswohnung in der Gemeinde Neuried. Da ist Elif 14 Jahre alt. Ihr fällt der Abschied von den Freunden schwer. In der neuen Schule findet sie anfangs nur schwerlich Freunde, zieht sich zurück. Anschluss findet sie schließlich über eine neue Freundin.

Noch vor einem Jahr deutete nichts auf einen radikalen Wandel hin. Die damals 15-Jährige hat blondiertes Haar, zeigt sich in Leggins und High Heels, trägt ein Zungenpiercing und trinkt Alkohol. Doch dann das Schlüsselerlebnis: Elif fällt im April 2014 sturzbetrunken in die Isar, muss gerettet werden und wird auf die Intensivstation gebracht. Danach ist alles anders: Sie trägt plötzlich Kopftuch, tauscht ihre körperbetonten Sachen gegen lange Gewänder. Die nicht streng religiösen Eltern reagieren irritiert. Als Elif auch noch Gesichtsschleier trägt, entbrennt ein Streit.

Die 16-Jährige treibt sich mittlerweile in islamistischen Facebook- und WhatsApp-Gruppen herum, ist ständig mit ihrem Smartphone online. In der Gruppe "I love Allah" kommentiert sie alles mit dem Victory-Zeichen oder dem Daumen nach oben – egal ob Heiratsvermittlungen oder Bilder von Kämpfern. Elif lässt sich über das Internet Bücher aus Ägypten schicken – offenbar kostenlos, wie die Mutter bestätigt. "Ich kann es kaum erwarten", notiert sich Elif auf einen Zettel. Sie ersehne sich den 28. Februar herbei, der ihr Leben "in Shaa Allah komplett verändern wird".

"Sie hat wohl das Gefühl gehabt, dass Allah sie noch einmal gerettet hat", resümiert ihre Schwester Selen später. Und ihre Tante sagt: "Irgendjemand muss ihr das eingeredet haben, vielleicht jemand, den sie persönlich kennt, vielleicht im Internet."

Das perfekte Opfer für die Anwerber des IS

Dass das Mädchen offenbar Hilfe von einer deutsch sprechenden islamistischen Anwerberin in Syrien bekam, geht aus handschriftlichen Aufzeichnungen der Schülerin und Aussagen aus deren Umfeld hervor, die der "Süddeutschen Zeitung" vorliegen.

Demnach hat die Frau einer Bekannten von Elif angeboten, sie in Syrien aufzunehmen und die Reise zu finanzieren. Elif stand zu der Frau in engem Kontakt und hat sie als diejenige bezeichnet, die sie anleitet. Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass Elif Ö. mit dem Islamischen Staat sympathisiert.

Ihre religiös motivierte Ausreise hat sie akribisch vorbereitet. Der Mutter sagt sie, dass sie Freundinnen in der alten Heimat besucht. Sie greift sich eine kleine schwarze Sporttasche, zwei weitere Paar Turnschuhe, ihr pinkfarbenes Portmonee, heimlich ihren Reisepass und etwa 200 bis 300 Euro aus ihrem Sparschwein. Ihre digitalen Spuren verwischt sie.

Mutter bekommt letzte Nachricht

Am 28. Februar nimmt Elif den Flug um 8:10 Uhr nach Istanbul. Flug LH 17170 landet um 12:10 Uhr. Um 13:19 Uhr erhält die Mutter eine letzte Nachricht: "Öptüüümmm by" – was auf Türkisch so viel wie "Küsschen" bedeutet.

Überwachungsvideos vom Istanbuler Flughafen zeigen, wie sich die 16-Jährige von einer Frau verabschiedet – mit Küsschen. Dann steigt sie in ein Taxi Richtung Busbahnhof. Die Spur des Mädchens verliert sich am Morgen des 1. März im türkischen Gaziantep. Noch am selben Tag erstatten die Eltern Vermisstenanzeige. Der Vater fliegt einen Tag später in die Türkei und sucht nach ihr, zeigt Fotos, spricht mit Journalisten und gründet die Facebook-Gruppe "Findet Elif".

Am 8. März wählt sich Elifs Handy zum letzten Mal in das türkische Mobilfunknetz ein, ob auf türkischer oder syrischer Seite der Grenzregion, ist unklar.

Die Eltern des Mädchens erheben indes schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden, weil diese die 16-Jährige ungehindert in die Türkei haben fliegen lassen. "Wie kann es sein, dass ein 16-jähriges Mädchen wie meine Elif allein aus Deutschland ausreisen kann? Und keiner fragt, wo sie hin will und was sie vor hat", sagt Vater Atila Ö. (far)