Der Tod von Propaganda-Chef Abu Muhammad al-Adnani ist ein erneuter Rückschlag für den Islamischen Staat. Der Syrer galt als Nummer zwei in der Hierarchie, stachelte zu Anschlägen auch in Europa an und war in deren Planung involviert. Wird sich die Terrormiliz für seinen Tod nun rächen?

"Wer nicht in Besitz von Sprengfallen oder Kugeln kommen könne, müsse seine Feinde mit Steinen, Messern und Gift attackieren, sie erwürgen, von Gebäuden stürzen oder mit dem Auto überfahren." Hassreden wie diese werden in Zukunft nicht mehr zu hören sein. Zumindest nicht aus dem Mund von Abu Muhammad al-Adnani, dem Propagandachef des sogenannten Islamischen Staats.

Der Syrer wurde Anfang der Woche in der Nähe der Stadt al-Bab in der Provinz Aleppo in einem Pkw getötet. Ob von einer amerikanischen Drohne, wie das US-Verteidigungsministerium erklärte, oder von einem russischen Militärflugzeug, ist unklar. Dass der zweite Mann hinter dem selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi tatsächlich verstorben ist, scheint gesichert: Der IS selbst verbreitete die Meldung über seine Nachrichtenagentur "Amaq". Al-Adnanis Tod sei "für den IS ein größerer Schlag als der Verlust von Territorium", kommentierte der Nahost-Experte Rainer Hermann in der "FAZ".

Sprachrohr und Terrorplaner

Der Topterrorist, der angeblich 1977 in einem Dorf in der syrischen Provinz Idlib zur Welt kam und schon 2004 in einer IS-Vorgängermiliz im Irak gegen die USA kämpfte, war eine der führenden Figuren des Islamischen Staats. Stets in den Medien präsent, stachelte er seine Anhänger zu erbarmungsloser Härte gegen den Feind an. Das IS-Gründungsmitglied verkündete 2014 die Ausrufung des "Kalifats" und gilt als Initiator zahlreicher Angriffe durch sogenannte "einsame Wölfe".

Der offizielle Sprecher der Miliz war aber auch Kopf einer kleinen Einheit, die Anschläge in Europa und Asien plante und steuerte. Darunter jene in Paris, Brüssel und am Istanbuler Flughafen. Seit der Eroberung von Mossul im Jahr 2014 fielen Terrorattacken des IS mehr als 650 Menschen zum Opfer. "In dieser Doppelrolle, als Propagandist und als Planer von Anschlägen, wird Adnani nicht zu ersetzen sein", meint Experte Hermann.

Brite sieht in Video, wie sein Kind eine Geisel exekutiert.


Curt Covi vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel äußert sich im Gespräch mit unserer Redaktion etwas zurückhaltender. "Ich warne davor, die Folgen von al-Adnanis Tod auf die operativen Aktivitäten des IS zu überschätzen. Vielleicht gibt es niemanden, der diese Doppelrolle ausfüllen kann. Aber es werden sich sicher Personen finden lassen, die jeweils eine der Positionen gut oder vielleicht sogar besser besetzen können." Es sei aber wegen der konspirativen Struktur des IS schwer, so Covi, personelle Veränderungen vorauszusehen.

Der Politologe hält es für denkbar, dass der Posten erneut mit einem Syrer besetzt wird, um die "syrische Komponente zu stärken". Kampferfahrung und ein religiöser Hintergrund seien weitere wichtige Eigenschaften. Derzeit gibt es noch keine Erkenntnisse, wer als Nachfolger in Frage käme.

Racheakte in Europa?

Obwohl die erneute Tötung eines hochrangigen Führers schlecht für die Außenwirkung und den Nimbus der Unbesiegbarkeit des IS sind, sind die unmittelbaren Folgen schwer abzuschätzen. Kommt es zu Racheaktionen in Syrien und im Irak? Werden Anschläge im Ausland verübt?

Dass es nach dem Tod al-Adnanis nun in Europa zu Racheakten kommen könnte, hält Curt Covi für unwahrscheinlich. Anschläge würden sowieso geplant. "Ihre Durchführung hängt von der logistischen Umsetzung und Durchführbarkeit ab", erklärt der Experte. "Und weniger von konkreten Rachegelüsten." Obwohl solche Motive in der Propaganda durchaus als Rechtfertigung erwähnt werden.

Grundsätzlich hält Covi allzu viel Optimismus nach der Exekution des IS-Führers für unangebracht. Nach dem Tod Osama bin Ladens hatten einige die Terrororganisation al-Kaida ebenfalls abgeschrieben. Zu früh, wie sich herausstellte. "Man sollte nicht glauben, dass der IS nun in einem Monat besiegt ist. Das ist noch ein langer, steiniger Weg."

Selbst wenn die Miliz weiter an Territorium verlöre, könne sie jederzeit wieder in ihre "liquide Form" zurückkehren und sich auf den Guerillakrieg in Irak und Syrien sowie Anschläge im Ausland konzentrieren. In den letzten Jahren hat sich noch jeder Abgesang auf den Islamischen Staat als verfrüht erwiesen.