Im Kampf gegen die Terrormiliz IS hat die irakische Stadt Mossul nicht nur eine enorme strategische Bedeutung. Auch symbolisch treffen hier Vergangenheit und Gegenwart aufeinander, um über die existenzielle Zukunft des sogenannten "Islamischen Staates" zu entscheiden. Die Großoffensive zur Rückeroberung Mossuls könnte ein Fanal sein, welches das Ende des IS einläutet.

Es ist eine äußerst heterogene militärische Allianz, die den "Islamischen Staat" seit diesem Montagmorgen mit einer Großoffensive aus Mossul zu vertreiben versucht.

Alle gegen den IS

Die irakische Armee, Polizeieinheiten, Verbände der kurdischen Peschmerga wie auch der PKK, westliche und arabische Staaten der Anti-IS-Koalition, Milizen lokaler Stammeseinheiten und schiitische Kämpfer - vor Mossul hat sich zur "Operation Conquest" beziehungsweise "Operation Fatahin" in einem 30.000 Mann starken Heer praktisch alles versammelt, was der "Islamische Staat" in den vergangenen Jahren seit 2007 an Gegnerschaft aufgebaut hat. Auch die Türkei fordert in Person von Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Beteiligung an der Militäroperation.

Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi erklärte im Staatsfernsehen: "Verehrtes irakisches Volk, die Stunde des Sieges hat geschlagen. Die Operation zur Befreiung von Mossul hat begonnen. Sehr bald werden wir unter Euch sein und die irakische Flagge hissen."

Die Allianz ist den rund 4.000 IS-Kämpfern, die sich in Mossul verschanzt haben sollen, haushoch überlegen. Doch US-General Stephen Townsend, Kommandeur der beteiligten US-Truppen, warnte, die Operation könne Wochen dauern - oder auch länger. Der IS soll sich mit einem ausgeklügelten Tunnelsystem und tödlichen Sprengfallen auf Offensive und Belagerung vorbereitet haben.

Eine erste Verteidigungslinie, so wird aus dem Kampfgebiet gemeldet, hätte die Allianz bereits durchbrochen.

Die Schlacht um Mossul hebt sich ab von anderen Schauplätzen militärischer Auseinandersetzungen mit dem IS. Einerseits ist die Stadt aufgrund ihrer Erdölraffinerien von strategischer Bedeutung. Andererseits wäre eine Rückeroberung auch ein enormer symbolischer, weil möglicherweise endgültiger Sieg über den IS im Irak - und die Grundlage für die Zerschlagung auch in Syrien.

Im Juni 2014 hatten rund 800 Kämpfer der Terrormiliz die Stadt angegriffen. Obwohl der IS bereits im Vorfeld seiner Offensive sunnitische Unterstützerzellen in der Stadt aufgebaut hatte, soll einigen Experten zufolge das ursprüngliche Ziel gar nicht einmal die vollständige Eroberung Mossuls auf einen Schlag gewesen sein, sondern zunächst nur die Kontrolle neuralgischer Stadtteile, um sich dann sukzessive vorzukämpfen.

Doch da 30.000 irakische Soldaten beim Anblick der IS-Kämpfer Panzerfahrzeuge, Kampfhubschrauber, Haubitzen, Handfeuerwaffen und Munition stehen und fallen ließen, um das Weite zu suchen, hatte der IS das Geschenk dankend angenommen - ebenso die rund 430 Millionen US-Dollar, die ihm bei der Plünderung der Zentralbank für die Finanzierung des Terrors in die Hände gefallen sein sollen.

Wenige Tage später, am 29. Juni 2014, rief der IS das Kalifat aus: Aus Al-Kaida im Irak, Islamischer Staat im Irak (ISI), Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) sowie Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL) entstand der finale "Islamische Staat". IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi forderte kurz darauf vor den Augen der Welt in der Großen Moschee von Mossul alle Muslime auf, die Terrormiliz in ihrem Dschihad zu unterstützen.

Mossul entscheidet über Zukunft des IS im Irak

In Mossul wurde der "Islamische Staat" geboren und in Mossul soll er nun auch sterben. Die Gegenwart trifft somit auf die Vergangenheit, um die Zukunft des IS zu besiegeln. Nichts anderes als die finale Niederlage der Terrormiliz im Irak könnte der Fall Mossuls bedeuten.

Da die Stadt das "Herz des Islamischen Staates" sei, würde die Rückeroberung einen "massiven Schlag gegen die ideologische Vormachtstellung des IS" bedeuten, meint Terrorismus-Expertin Dr. Natasha Underhill von der Nottingham Trent University gegenüber dem "Guardian".

US-Verteidigungsminister Ashton Carter bezeichnet Mossul, ähnlich dem syrischen Rakka, als das "militärische, politische, wirtschaftliche und ideologische Gravitationszentrum" der Terrormiliz. Die US-Regierung stilisiert die Rückeroberung Mossuls somit nicht ohne Grund zum "entscheidenden Moment" im Kampf zur Zerschlagung des "Islamischen Staates" im Irak, um die Menschen endgültig "vom Hass und der Brutalität" des IS zu befreien.

Dass dies bei aller Euphorie über mögliche Anfangserfolge der Großoffensive kein leichtes Unterfangen wird, ist der Tatsache geschuldet, dass der sunnitische IS in der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung der Stadt immer noch Rückhalt genießt. Auch Terrorismus-Expertin Underhill mahnt, man müsse bei der Operation "äußerst vorsichtig vorgehen".

Nicht die gleichen Fehler wie 2003

Die Anti-IS-Streitkräfte müssten sich bewusst sein, dass es sich hierbei "nicht nur um einen Gebietskampf handelt, sondern dass man auch die Herzen der Bevölkerung im Irak" zurückgewinnen müsse. In diesem Zusammenhang warnt die Expertin vor einer Wiederholung der Fehler nach der US-amerikanischen Invasion im Jahr 2003, als es keinen strategischen Plan für die Zeit nach dem Fall Bagdads gegeben hatte und das zivile Leben in Chaos und Terror versank.

Stattdessen war man damals in beispielloser Naivität davon ausgegangen, mit der Auflösung der irakischen Armee die größten Probleme lösen zu können. Doch man schuf sich das allergrößte selbst. Erst in dem entstandenen Machtvakuum sowie Tausender entlassener Militärangehöriger hatte sich der "Islamische Staat" entwickeln können. Hochrangige Ex-Offiziere und Mitglieder der Baath-Partei hatten die Terrormiliz zu jener militärischen Schlagkraft verholfen, mit der der IS große Teile des Iraks und Syriens erobern konnte.

Doch auf die Menschen im Zweistromland - und auch in Europa - lauert mit der möglichen militärischen Zerschlagung des "Islamischen Staates" im Irak eine andere Gefahr. Eine Bedrohung, die nicht neu ist, aber an tödlicher Brisanz hinzugewinnen könnte. "Falls Mossul zurückerobert wird, dürfte der IS in seiner Not verstärkt auf Selbstmordanschläge und andere Terrormethoden zurückgreifen", meint Expertin Dr. Natasha Underhill.

Es mag sein, dass ein Sieg in der Schlacht um Mossul das Ende des IS bedeutet, wie man ihn als militärische Macht im Nahens Osten wahrgenommen hatte. Doch eine Ideologie lässt sich nicht so einfach erschießen. Der Kampf um die Köpfe und gegen menschenverachtenden nihilistischen Terror dürfte auch nach dem Fall Mossuls noch nicht gewonnen sein.