Ein brutaler Anschlag in der Türkei, ein Dorf in Bosnien als Trainingslager – der Islamische Staat scheint sich Richtung Europa auszubreiten. Doch wie groß ist die Gefahr für den Westen tatsächlich? Könnte es bald auch bei uns mehr Anschläge geben?

Nur ein paar baufällige Häuser sind zu sehen, die Ziegelsteine noch nicht einmal verputzt. Die kleine Siedlung ist umringt von Wiesen, Wäldern und ein paar staubigen Straßen. Wer das winzige Dörfchen Osve in Bosnien erreichen will, der wird sofort entdeckt – und das ist so gewollt, schließlich sind Besucher an diesem Ort nicht willkommen. Denn hier soll der Islamische Staat (IS) heimlich ein Trainingslager für Dschihadisten eingerichtet haben, wie der britische "Mirror" berichtet. Fotos zeigen die schwarze Flagge der Extremisten – unmittelbar an der Grenze zu Europa. Mindestens zwölf Kämpfer sollen Bosnien von dort in den vergangenen Monaten in Richtung Syrien verlassen haben.

Folgt man ihrem Weg, landet man 2.000 Kilometer entfernt an einem weiteren Schauplatz an Europas Grenzen, an dem der IS dieser Tage das Geschehen bestimmt: Suruc in der Türkei. In der Grenzstadt zu Syrien starben am Montag bei einem Anschlag 32 Menschen. Noch ist nicht geklärt, ob tatsächlich IS-Extremisten hinter dem Blutbad stecken – doch die türkische Regierung macht den Islamischen Staat dafür verantwortlich.

Zwei Beispiele – eine Befürchtung: Rücken die Schlächter des Islamischen Staats näher an Europa heran und muss auch der Westen bald mehr Anschläge fürchten? Die Sorgen scheinen berechtigt, doch eine genaue Analyse offenbart bei Bosnien und der Türkei zwei Spezialfälle.

Bosnien: IS-Anwerber profitieren von Armut und fehlender Perspektive

Es war nicht das erste Mal, dass der Islamische Staat in Bosnien auffällt. Im Februar tauchte plötzlich die schwarze Fahne an mehreren Häusern in einem kleinen Dorf in Nordbosnien auf. Und im selben Monat begann der Prozess gegen den Geistlichen Husein Bosnic, der Kämpfer für den IS angeheuert haben soll. Erst im Mai wurden weitere mutmaßliche Anwerber verhaftet.

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Sie haben in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens oftmals leichtes Spiel. Die Kriege der 1990er haben nicht nur Einzelstaaten geboren, sondern auch Armut und Traumata in der Bevölkerung. Für die Anwerber ein Vorteil: Denn wer unzufrieden ist oder keine Perspektive für sein Leben sieht, ist auch leichter für radikales Gedankengut empfänglich.

Dschihadisten aus dem Bosnienkrieg radikalisieren sich

Doch IS-Sympathisanten profitieren noch auf andere Weise von der Geschichte, wie Günter Meyer vom Geographischen Institut der Universität Mainz im Gespräch mit unserem Portal erklärt: "Im Bosnienkrieg kämpften mehrere Hundert Dschihadisten aus der arabischen Welt. Es gab damals eine eigene dschihadistische Brigade, die die muslimische Bevölkerung verteidigte. Viele von ihnen sind anschließend in Bosnien geblieben und heute gut integriert. Aber angesichts ihrer Vergangenheit und der Mobilisierung durch den IS hat sich eine ganze Reihe bosnischer Muslime dem Islamischen Staat angeschlossen."

Das International Centre for the Study of Radicalisation am King's College London ging Anfang des Jahres von rund 330 bosnischen Kämpfern aus, die in den Irak und nach Syrien aufgebrochen sind. Inzwischen dürften es noch mehr sein – die Dunkelziffer erst gar nicht mitgerechnet. Dennoch ist sich Meyer überzeugt: "Diese bosnische Gruppe ist primär daran interessiert, sich in Bosnien selbst zu etablieren. Von ihr geht jedoch keine Gefahr für Westeuropa aus – sie ist sogar für Rückwirkungen in Bosnien noch zu klein."

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Türkei: Anschlag von Suruc als Warnung des IS

Ähnlich wie Bosnien ist auch die Türkei ein Spezialfall. Hier hilft ein Blick auf Ankaras veränderte Haltung gegenüber dem IS. Denn so sehr die Terrorkrieger auch in der Nachbarschaft wüten, sie halfen der türkischen Regierung bisher doch bei zwei zentralen Interessen: Der IS bekämpft nicht nur das von Ankara verhasste Regime von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Er verhindert auch, dass ein unabhängiger Kurdenstaat in Nordsyrien entsteht, was wiederum auf die Kurden in der Türkei übergreifen könnte. Deshalb sah die Regierung lange Zeit tatenlos zu, wie Tausende Dschihadisten über die Grenze nach Syrien strömten oder behandelte sogar IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern.

Doch seit einigen Wochen hat sich die Gangart geändert – wohl auf Druck des Westens hin, wie Experten vermuten. Die Türkei geht nun stärker gegen die Islamisten vor, verhaftete kürzlich etwa mehrere Duzend IS-Kämpfer. Die Bombe von Suruc wäre damit eine Antwort der Extremisten. "Wir erleben gerade einen Schuss vor den Bug – der Islamische Staat gibt mit dem Anschlag zu verstehen: Wenn ihr weiter gegen uns vorgeht, wird es sehr blutig", sagt Meyer. Solche Veränderungen zeigen sich auch an kleinen Details: Hatte das türkische IS-Magazin "Konstantiniyye" in seiner Erstausgabe kein schlechtes Wort an der Regierung gelassen, wurde diese im zweiten Heft scharf angegriffen.

Gefahr in Deutschland geht von Rückkehrern aus

Türkische Behörden werden die IS-Aktivitäten und zahlreichen Sympathisanten im eigenen Land aufmerksam verfolgen. Doch für die Sicherheit ist Europa ändert sich damit wenig. Hier gilt weiterhin vor allem die "abstrakte Gefahr", die von radikalen Islamisten ausgeht, die aus Syrien oder dem Irak heimkehren. Meyer spricht von sogenannten Homegrown-Dschihadisten – "das heißt, junge Muslimen, die sich hier in Europa radikalisiert haben, ausgereist sind und wieder zurückkehren. Aber mindestens genauso gefährlich sind diejenigen, die nicht ausreisen konnten, sich ebenfalls radikalisiert haben und nun für Anschläge in Westeuropa bereit sind".

Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht laut aktuellsten Zahlen davon aus, dass rund 680 Dschihadisten bisher Deutschland verlassen haben. Etwa 230 von ihnen sollen inzwischen zurückgekommen sein, zirka 50 von ihnen mit Kampferfahrung. Das Gefährliche: Niemand weiß, ob, wann, wo und wie sie zuschlagen könnten. Auch ohne neue Bedrohung aus Bosnien und der Türkei bleibt also viel Arbeit für die deutschen Sicherheitsbehörden.