Er verkörperte das Böse, die Grausamkeit in Person: "Dschihadi John", der Mann, der auf Videos Geiseln des Islamischen Staats enthauptet hatte, soll nun selbst bei einem US-Luftangriff getötet worden sein. Doch wie wurde der junge Mann zum brutalen IS-Mörder?

"Dschihadi John" ist offenbar tot. Nach Angaben des britischen Senders BBC ist Mohammed Emwasi, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, bei einem US-Luftangriff sehr wahrscheinlich getötet worden.

Als "Dschihadi John" wurde Emwasi zu einer der bekanntesten Figuren des Islamischen Staates (IS). Er tauchte erstmals in einem Video von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley im August 2014 auf.

IS-Terrorist soll laut BBC bei US-Luftangriff getötet worden sein.

Der britische Geheimdienst hatte Emwasi jahrelang auf dem Radar. Die Agenten des MI5 verhörten ihn, hefteten sich an seine Fersen, beobachteten ihn.

Sie sollen sogar versucht haben, den jungen Mann aus dem bürgerlichen Londoner Westen als Informanten anzuwerben. Im August 2013 verschwindet der Mann, der an der Universität von Westminster einen Abschluss als Informatiker gemacht hatte, von der Bildfläche - er ist plötzlich weg.

Märtyrer-Ideologie und sehr viel Geld: Darum ist der IS so extrem gefährlich.

Ein Jahr später taucht der damals 26-Jährige als "Dschihadi John" in grausamen Videos des IS wieder auf. Verschwunden der bürgerliche Hintergrund des lebenshungrigen Londoners, der auch als Rap-Musiker aufgetreten sein soll.

Stattdessen trägt er einen schwarzen Umhang, hält ein Messer in der Hand, ist maskiert. Emwasi ist der berüchtigte Henker des IS.

"Dschihadi John" tötet Geiseln eigenhändig

Als "Dschihadi John" führt er auf IS-Videos westliche Geiseln auf erniedrigende Weise vor. In einigen der Filme ist zu sehen, wie er Menschen eigenhändig ermordet.

Einem Zeitungsbericht der "Sunday Times" aus dem März dieses Jahres zufolge soll er sich bei seiner Familie in Großbritannien für die "Unannehmlichkeiten" entschuldigt haben, die seine Identifizierung hervorgerufen hatte.

Die Botschaft des in den IS-Enthauptungsvideos auftretenden Mannes sei aus Syrien über Mittelsmänner an die Familie übermittelt worden, berichtete die "Sunday Times" damals unter Berufung auf gut unterrichtete Quellen.

Ein Großteil der Familie von "Dschihadi John" lebt in Großbritannien demnach unter strengem Polizeischutz an einem geheimgehaltenen Ort. Es soll Todesdrohungen gegeben haben, unter anderem gegen die Schwestern des IS-Killers.

Ihr Haus im Westen Londons habe die Familie geräumt. Der Vater Emwasis hält sich in Kuwait, dem Herkunftsland der Familie auf.

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"Dschihadi John" ist das Symbol des modernen Terrors der Marke IS - auch wenn er sein Antlitz nie zu erkennen gab. Aus IS-Haft entlassene Gefangene berichteten, es gebe noch zwei Briten, die für westliche Geiseln zuständig sind. Die Gefangenen nannten das Trio "die Beatles".

"Der Mohammed, den ich kennengelernt habe, war extrem freundlich"

Eine Menschenrechtsorganisation, die sich unter anderem für Guantanamo-Häftlinge einsetzt, versucht, ein anderes Bild des Mannes zu zeichnen.

Die in Großbritannien ansässige Organisation Cage macht geltend, Emwasi sei von Geheimdiensten und Behörden westlicher Staaten nicht gut behandelt worden. Das habe möglicherweise seine Flucht in den Terror befördert.

"Der Mohammed, den ich kennengelernt habe, war extrem freundlich, extrem weich in seiner Wortwahl", sagte der Cage-Vorsitzende Asim Kuresch Anfang des Jahres.

Als Emwasi mit drei Freunden 2009 nach Tansania haben reisen wollen, sei er nicht ins Land gelassen worden. Stattdessen hätten ihn die Polizisten gedemütigt und in eine Zelle gesperrt.

Vermutlich, weil sie ihn auf dem Weg nach Somalia wähnten, zur radikal-islamischen Al-Shabaab-Miliz, sagt Kuresch. Anschließend, in Amsterdam, habe ihn der britische Geheimdienst MI5 anwerben wollen und ihm offen Kontakte zu Al-Shabaab unterstellt.

Später sei er auf dem Weg in sein Heimatland Kuwait an der Einreise gehindert worden. "Er sagte immer, er sei unschuldig und wolle nichts anderes, als in Kuwait heiraten und ein unbeschwertes Leben führen", sagt Kuresch.

Selbst wenn Kureschs Version der Wahrheit entsprechen sollte: Wie konnte der nette junge Mann aus London, der sehr auf sein Äußeres geachtet haben soll, zu einem gefürchteten Killer werden, zum Inbegriff für das Böse auf der Welt? Darauf hat auch Kuresch keine Antwort.

Wissenschaftler wie der Liverpooler Professor David Lowe glauben, dass "Dschihadi John" für die Radikalen des IS ein willkommenes Propaganda-Instrument war. "Sein britischer Akzent hilft für die Verbreitung ihrer Thesen enorm", sagt Lowe.

Tatsächlich konnte der Mann mit der schwarzen Kapuze in den Horrorvideos seine Hassbotschaften in geschliffenem Englisch in die Welt setzen - ohne Übersetzungsprobleme. (dpa/tfr)

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